Knarrblog Sommertörn: Leine in der Schraube, verpatzter Anholt-Anleger

Tauchspaß im Hafen

Unfreiwilliger Tauchgang im Hafen von Anholt. © SegelReporter.com

Zwölf Stunden Törn sind vorbei. Ein schönes Seestück. Gegen drei Uhr Ankunft in Anholt. Die roten Lichter der Radarturms schimmern hoch über dem Hafen. Blaue Lichter gehören zur Restaurant-Musik-Kneipe Casablanca.

Jetzt nur noch ein Plätzchen finden. Eigentlich ist klar, dass um diese Zeit nichts mehr frei ist. Der Anker ist klar für einen Schwoj-Stopp vor der Küste.

Aber man kann ja mal gucken. Im Vorhafen ankern schon fünf Yachten. Und der Kreis im Innenbecken gibt im schummrigen Licht wenig Aufschluss über die Parkplatz-Situation.

Aber eine Chance ist erkennbar. Direkt hinter der Einfahrt an Steuerbord. Der Gattin ist anzumerken, dass sie lieber im sicheren Hafen den nötigen Schlaf nachholen möchte.

Per Heckanker und mit der Nase im Wind an den Steinen sollte das Parken möglich sein. Der Anker fällt, Annette sitzt mit einer Leine im Bugkorb, klar zum Sprung auf die Steinmole.

Ich kann allerdings nichts sehen. Kein Abstand zu den Felsen, keine Zeichen der Frau. Ich schicke Sohnemann mittschiffs zum Übersetzten. Aber auf die Schnelle checkt er nicht, was ich möchte.

Es fehlen wohl nur wenige Zentimeter. Aber mangels Informationen breche ich das spontane Manöver ab. Dann eben beim zweiten Versuch mit besserem Briefing.

Also Rückwärtsgang rein, vorsichtig über das Heck ablaufen. Plötzlich ist es sehr leise. Der Motor röchelt, dann hat ihm die Ankerleine die Luft abgeschnürt.

Na Super. Hilflos treiben wir nach Lee auf die Fähre zu. Bis der Anker stoppt. Mit dem Ruck hat er sich fest eingegraben. So soll es sein. Aber nicht wenn man mitten im Hafen treibt.

Eine nette Situation. Wir pendeln angebunden an der Ankerleine, die unter Wasser direkt vom Propeller zum Eisen im Schlamm führt. Für uns ist sie nicht sichtbar. Keine Chance, den Anker zu heben.

Ich sehe uns schon bis zum Morgen frei im Becken schwojen. Eigentlich kein Problem so lange die Fähre nicht ablegt, oder die Fischerflotte einläuft. Aber irgendwie peinlich.

Dann eine gute Idee. Fock ausrollen, Gas geben mit dem Südwestwind, damit die Ankerleine gespannt wird. Na ja. Mit Fock wird unser Schwojkreis größer. Annette hat vorne Angst, mit dem Bug eine Yacht zu erwischen, die nahe an der Mole liegt.

Aber das passt. Ha, die Leine wird knapp unter der Wasseroberfläche sichtbar. Per Bootshaken ist sie schnell aus dem Wasser gefischt.

„Fock einrollen!“. Ich ziehe uns an der Leine mit Schwung über den Anker, zerre ihn aus dem Schlamm, und wir sind frei. „Fock wieder ausrollen!“. „Einrollen, ausrollen, was denn nun?“ Sohnemann Finn ist genervt. Aber ich brauche Speed im Schiff, für Steuerwirkung, um ein Anlegemanöver zu fahren.

Vorwind runter in den Hafen, dann ein Aufschießer hinter dem Heck der großen Fähre. Gott sei Dank ist genug Platz im Becken. Gott sei Dank weht es nicht zu stark. Gott sei Dank sind die Fischer draußen. Die Mole im Norden ist frei.

Rechtzeitig die Fock weg. Ein schöner, entspannter Anleger und wir liegen fest. Und nun? Der Tampen muss aus der Schraube. Die Kinder sehen mich entgeistert an, als ich mich entkleide. Ein Tauchgang ist notwendig. Sie sollen schon mal ein Messer suchen. Ich befürchte eine halb zerfetzte Ankerleine.

Das Wasser ist erstaunlich warm. Und der Tampen ist erstaunlich locker um die Welle vor der Schraube gewickelt. Knapp zehn mal tauche, taste und tüddel ich unter Wasser. Dann ist der Knoten gelöst.

Die Familie sieht mich wie einen Helden an. Es tut gut. Und ich bin dankbar, dass dieses Manöver um drei Uhr nachts und nicht nachmittags zur besten Hafenkino-Zeit erfolgt.

Motor an und raus aus diesem Hafen. Als wäre nichts gewesen. Wir liebäugeln kurz, das Heckanker-Manöver an dem geplanten Platz zu wiederholen. Wer mag schon mit solch einer Niederlage leben. Aber dann spüren wir doch die Müdigkeit.

Lieber im Vorhafen ankern. Aber dort liegen mir die Yachten zu eng. Also raus, nach rechts abdrehen und vor dem Camping Strand auf drei Meter Wassertiefe ankern.

Die Sonne geht langsam auf. Wir sind endlich angekommen.

 

avatar

Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.
Spenden
http://blueocean.berlin/magicmarine-team-werden/

10 Kommentare zu „Knarrblog Sommertörn: Leine in der Schraube, verpatzter Anholt-Anleger“

  1. avatar Marc sagt:

    http://www.yacht.de/panorama/news/hafenmanoever-in-fotoserien/a4273.html 😉

    Irgendwas ist immer, aber Hauptsache, alle sind gut angekommen und das Schiff ist noch heile. Und ausserdem, bei jedem Missgeschick: So hat man wenigstens etwas zum erzählen.

    Daumen hoch, wieder eine eins A Geschichte.

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 11 Daumen runter 0

  2. avatar T.K. sagt:

    Aus dem Leben halt….

    BTW: die Bilder funktionieren hier nicht (falls es eine Bilderstory gibt)

    Like or Dislike: Daumen hoch 0 Daumen runter 0

  3. Haha. Gute Story.

    Hans

    Like or Dislike: Daumen hoch 0 Daumen runter 0

  4. avatar T.K. sagt:

    Hut ab, in der Situation dann auch noch die Kamera zu zücken………….

    Like or Dislike: Daumen hoch 2 Daumen runter 0

  5. avatar Liese sagt:

    Super Knarrblog Berichte 🙂 verkürzen einem wg Nachwuchs dieses Jahr fest vertäuten Segler den Sommer hervorragend.
    Sympathisch – PraKtisch – Gut 🙂

    Gruß ausm AK Altona

    PS: ist natürlich schon nachgefragt auf Anholt 😉 war zu früh 😉

    Like or Dislike: Daumen hoch 0 Daumen runter 0

  6. avatar Stefan Z sagt:

    Hättest Du dich nicht vorher noch rasieren können? Wie sieht denn das aus? Was soll der Leser denn da denken?

    Like or Dislike: Daumen hoch 3 Daumen runter 0

    • avatar T.K. sagt:

      Und erst die Badehose, sollte sich mal ein Beispiel an Taru nehmen 😉

      Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 6 Daumen runter 0

  7. avatar T.B. sagt:

    Schöner Leinensalat…nachts! Weiter gute -noch bessere- Reise!!
    Was für ein Schiffstyp ist das eigentlich?

    Like or Dislike: Daumen hoch 0 Daumen runter 0

    • avatar T.B. sagt:

      Sorry für die überflüssige Frage, war ja im ersten Bericht geschrieben, schönes Schiff!!

      Like or Dislike: Daumen hoch 0 Daumen runter 0

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Sicherheitsfrage (SPAM-Schutz): *