Knarrblog: Spi in Fetzen bei Jongert Superyacht Rallye auf Ibiza

Da braut sich was zusammen...

Eine Ketsch zieht noch hübsch Richtung Luvtonne vorbei. Aussie Tim bedient die Gennakerschot. Kurz danach haut der Wind aus der dunklen Wolken den Spi aus den Lieken. © SegelReporter.com

Segeln fasziniert auf viele Arten. Vor zwei Wochen bewegte ich mich beim Varianta-Törn in Friesland am einen Ende der Skala, nun bei der Yachting Life Cruising Rallye mit 14 bis zu 42 Meter langen Jongert Superyachten auf Ibiza am anderen Ende. Gibt es Gemeinsamkeiten?

Ich hatte beim Ausflug in die Segel-Luxus-Welt viel erwartet, aber nicht gerade eine aufregende Regatta. 24 Jahre lang lädt Herbert Dahm (82), seit Urzeiten erfolgreicher Jongert-Verkäufer aus Düsseldorf, zum Eigner-Treffen an verschiedenste Orte. Mal wird sie als Regatta ausgeschrieben, mal als Rallye. Die Angst vor der abschreckenden Wirkung des Wettkampfes schwingt mit.

Diesmal hat sein Team nur ein Langstrecken-Rennen von der frisch eröffneten Marina Ibiza gen Westen zur Isla Es Vedra vorgesehen. Die anderen beiden Tage sind auf die Cruising Enthusiasten zugeschnitten.

Die Journalisten werden auf die Yachten verteilt. Ich lande auf der holländischen „Ikarus“ einer Jongert 2700 M. 27 Meter lang und das M steht für modern. Hört sich nach einem guten Los an. Zumal der gewichtige Gummitender aus seiner Schale im Vorschiff entfernt wurde und der Mast deutlich höher ist, als der vom Schwesterschiff.

„Aus Karbon“, sagt Eigner Frits Kroymans stolz. „70 statt 77 Tonnen.“ Er habe auch beim Rigging so viel Gewicht gespart wie möglich. Viele seiner Ideen stecken im Schiff. Das Deckshaus könne man aufmachen bei gutem Wetter. Wie bei einem Cabrio.

Das lassen wir lieber. Regen liegt in der Luft. Dunkle Wolken hängen über Ibiza. Die Crew ist entspannt. Nur der rothaarige Ire macht auf wichtig. Käptn Barry Duck hat ihn aus Mallorca angeheuert. Es geht schließlich um ein Wettrennen. Und Kroymans will Herbert Dahm mit der legendären „Inspiration“ schlagen.

Die ist zwar fünf Meter kürzer und hat schon 31 Jahre auf dem Buckel, ist aber auf Wettrennen getrimmt und hat schon an 20 Rolex Maxi World Cups teilgenommen. Eine klare Ansage. Nicht verbissen aber sportiv.

Es geht mühsam los. Die Startlinie ist für die 14 Yachten, die auch noch in zwei Gruppen starten, so lang, dass enge Situationen fast unmöglich sind. Aber Herbert Dahm erwischt klar den besten Start am Pin-End und wir rauschen knapp hinter ihm her.

Der flaue Wind macht das Rennen aber früh sehr zäh. Ein ewig langer Schlag nimmt den Thrill. Und da die „Inspiration“ unsere Höhe nicht hält, sackt sie früh achteraus.

Wann gibt’s Drinks? huscht ein ungehöriger Gedanke durch den Kopf. Auf solchen Booten gibt es doch immer Drinks oder Knabberkram. Prompt fragt Stewardess Sophie – die heißen hier noch so und nicht Yachtbegleiter – „You want a drink?“ Wow, ich bin beeindruckt und ein wenig beschämt.

Wenn der Taktiker nicht seinen Ruf wahren wollte und hektisch umher zappeln würde, wäre es schön entspannt. Aber der Skipper ist cool und angenehm leise. Hin und wieder tauscht er sich auf Holländisch mit seinen beiden Freunden aus, die wenig vom Segeln verstehen. Eine nette Atmosphäre.

Dabei geben die 4,8 Knoten auf der flauen Kreuz wenig Anlass für Segelspaß. Das schafft die Varianta auch. Aber wir liegen vorne. Und nach der sechsten Deckungswende auf meine Vereinskollegen vom Düsseldorfer Yacht Club, nach der ich schon befürchte, mich nicht mehr im DYC blicken lassen zu können, stimmt der Holländer spaßeshalber leise das Lied an: „We are the Champions…“

Die Wenden tun weh. Die Genua muss eingerollt werden um am zweiten Vorstag vorbei gezerrt werden zu können. Die Knopfdruck-Mechanik quietscht ohrenbetäubend und ächzt unter der Last. Und es dauert ewig, bis das Schiff wieder in Fahrt ist. Zeitlupensegeln.

Der Skipper bekommt zwischendurch Anruf. Das ist nicht gerade hilfreich beim Amwindsegeln. Aber er will erreichbar sein. Seine Yacht hat Internet-Anschluss. Ohne Business von Bord geht es nicht.

Der Spi wird vorbereitet. Das passiert nicht alle Tage. Die Crew ist nervös. Die Handgriffe werden vorbereitet. Dabei ist die Tonne noch eine halbe Stunde entfernt.

An Deck werden langsam die Füße kalt. Barfuß ist vorgeschrieben. Für die Schonung des Decks. Wie bei vielen der Jongert-Schwestern.

Die Luft ist langsam raus aus dem Rennen. Ein Skipper Kumpel geht unter Deck, nimmt sich ein vorbereitetes Sandwich und ein gutes Buch. Der andere nickt draußen ein. Dabei taucht hinter einer Insel, die wir Backbord passiert haben ein Segel auf.

Die Schweizer „Torro del Mar“ hat rechts Druck und Dreher gefunden. Die 22 Meter Yacht ist auf ewig entschwunden. Mist! Doch nicht Champion. Der Taktiker lässt sich nichts anmerken.

Unter Deck wummert die Maschine. Kühlschrank und Hydraulik brauchen Energie. Der Regen prasselt los. Ich verziehe mich unter Deck, die Helden bleiben draußen. Eisern hält der Skipper seine Stellung. Es gilt ein Rennen zu gewinnen.

Endlich die Luvtonne. Genua wegrollen, Gennakerschlauch hoch. Aber das Vorsegel dreht nicht ein. Der Furler-Beschlag am Topp ist verklemmt. Der Gennaker hängt schlaff im Wasser.

Vorschiffsmann Oliver Ellwood hängt in Nullkommanix im Rigg. Barfuß lässt er sich per Knopfdruck zum Topp ziehen. Aber es ist nichts zu machen. Die Genua muss per Hand eingewickelt werden. Kein Spaß mit dem schweren Tuch.

Immer noch strömender Regen. Er klatscht nur so auf das Deck. „Inspiration“ kommt mit ihrem knallroten Spi aus dem Dunst näher. Spitzer Wind, starke Krängung, schäumender Bug.

Plötzlich knallt die Böe auch in unser Rigg. Starke Krängung, schäumender Bug…Knall…weniger Krängung, flatternder Spi. Das Teil hängt in Fetzen, schleift im Wasser. Mit vereinten Kräften bergen wir das Tuch. Eine enorme Anstrengung ist nötig. Shit!

Der Skipper reagiert lässig. Er ist durchgefroren, geht unter Deck, duscht kurz, erscheint ordentlich gestylt wieder im Niedergang und fragt: „Where are the germans?“ Die sind mit roter Blase weit nach Lee abgetrieben, bis sie das Tuch immerhin in einem Stück bergen konnten. Hauptsache achteraus.

Die Stimmung an Bord ist gut, das Rennen aufregend und trotz Missgeschick liegen nur zwei Yachten voraus. Alle sind durchnässt und harte Männer mit aufgepumpten Muskeln. Es gibt viel zu erzählen. Diese „Rallye“ hat sich schon gelohnt.

Nur Käptn Duck sieht man an, dass er an die zusätzliche Arbeit denkt. Der verklemmte Wirbel muss ersetzt werden. Und ein Teil mit den Jongert Dimensionen ist nicht im Laden um die Ecke zu bekommen. Egal, Hauptsache der Eigner hatte Spaß.

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.
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