R.I.P.: Segel-Pionier, Jugend-Trainer, Opti-Vater, Cruiser, Masters-Segler… mein Paps

Ein Leben für das Segeln

Mein Vater ist gestorben. Karl-Heinz Kemmling war einer von vielen Pionieren, die nach dem Krieg  geholfen haben, hierzulande den Segelsport zu erschließen. So war sein Leben.

Und Tschüss...

Und Tschüss…

Es läuft überhaupt nicht. Bei der Opti-Meisterschaft beim Berliner SV03 treten wir Nordrhein-Westfalen an, um die anderen von der Bahn zu fegen. Ich will vorne mitspielen. Aber irgendwo steckt der Wurm drin.

Damals denkt man noch in diesen Bundesländer-Kategorien. Die Landesgrenzen werden bei Regatten nicht verlassen. Eltern, die es mit ihren Kids trotzdem tun, gelten als Fanatiker. Nur bei der Jüngsten-Meisterschaft trifft man all die anderen, die nur per Namen aus der Rangliste bekannt sind.

Unser NRW-Team ist eine echte Macht. Und mein alter Herr hat erstmals die Oberaufsicht. Bestimmt fand ich das ganz cool. Aber nach den ersten Rennen in Berlin mit Ergebnissen in den 20ern und 30ern ist die Regatta schon gelaufen.

Dieses verschlossene, bockige Wesen

Ob es dran liegt, dass Paps nicht für mich da ist? Was wollen die ganzen anderen Kinder von ihm? Heimlich wird die eine oder andere Träne gekullert sein. So bin ich drauf mit 14. Segeln ist das Wichtigste. Schlimm, wenn es nicht läuft.

Ich verkrieche mich irgendwo und schreibe die bis dahin wichtigste Regatta ab. Soweit die ganz normale Erfahrung eines pubertierenden Teenagers, der sich im Selbstmitleid suhlt. Eltern-Zuspruch? Muss nun wirklich nicht sein. Dieses Verhalten respektieren die meisten Eltern. Nicht so der alte Herr.

Das NRW Opti-Team in Berlin 1979. Sohnemann (r.) © privat

Das NRW Opti-Team in Berlin 1979. Sohnemann (r.) © privat

Irgendwie sucht und findet er Zugang zu diesem verschlossenen, bockigen Wesen. “Junge, lass uns das Schiff mal ordentlich schleifen.” Wie kommt man auf so etwas Beklopptes? Zig mal ist der Opti geschliffen worden. Die dänische Henriksen-Holz-Konstruktion, die schneller ist als mein alter Plastik-Falsled, mag an einigen Stellen schon durchscheinen. Er glänzt wie ein perfekt poliertes Wohnzimmer-Möbel.

Aber der gute Karl-Heinz, den alle nur Charly nennen, mag in diesem Moment der Sportpsychologie zum Einzug in den Segelsport verholfen haben. Na ja, zumindest hat er ziemlich genau gecheckt, was mir offenbar fehlt: Zuwendung. Wir nehmen uns das Schleifapier und glätteten das glatte Unterwasserschiff.

Der Placebo-Effekt heißt damals bestimmt noch nicht so, aber er funktioniert. Drei Tagessiege ist er wert und eine Bronze-Medaille hinter der legendären Berlinerin Susanne Meyer und Ulli Breuer aus unserem NRW-Kader. Das war 1979.

Mit 89 darf man abtreten

Warum ich diese Geschichte erzähle? Sie kommt mir in den Kopf, wenn ich an meinen Vater denke. Er ist gestorben mit 89 Jahren, ein Alter, mit dem man abtreten darf. Es war eine Erlösung für ihn. Ich möchte festhalten, wie er war, welche Bedeutung das Segeln in seinem Leben hatte, was er dem Sport gegeben hat.

Es gibt bestimmt viele Segel-Pioniere da draußen wie ihn, die den Sport nach dem Krieg entdeckt und gepflegt haben. Ihnen ist zu verdanken, dass seine Ausübung für uns heute so einfach ist. Charlys Leben gibt Einblicke in eine Zeit, als der Zugang zu diesem Lebenselixier nur wenigen Menschen möglich war.

Die Opti-Story dokumentiert die Nähe zu mir, dem kleinen Trotzkopf. An diesem Tag hat er mit jeder einzelnen unnützen Schleifbewegung beim Jungen das Gefühl gefestigt, immer da zu sein, wenn es drauf ankommt. Und so war es auch immer.

Im Krieg Glück gehabt

Dabei ist es ein Wunder, dass der Mann auf so einer Gefühlsebene funktioniert. Wer in Kriegszeiten aufwächst, mag für sein Leben gezeichnet sein. Viele der Generation Krieg schotten sich ab, sprechen nicht über das Grauen, legen sich Panzer zu. Charly brauchte das nicht, er hatte Glück. Er wird bei der Marine ausgebildet, muss aber nicht kämpfen. Als es ernst zu werden droht, ist der Krieg plötzlich vorbei.

Wirklich Schwein gehabt. Denn seine Pläne sind “bescheuert”, wie er im Nachhinein einschätzt. Onkel Hans ist Schuld. Der U-Boot-Fahrer macht mächtig Eindruck auf den 13-Jährigen. Er bringt bei seinen Heimatbesuchen Salzwasser-Flair in die enge Duisburger Stube mitten im “Pott”. Hans nimmt den Jungen auf den Schoß, witzelt, erzählt von der See.

So muss er den Wasser-Virus übertragen haben. Der Heranwachsende will auch zur Marine. Die U-Boot-Fahrer werden von der Propaganda zu größten Helden gemacht. Und Johannes Richard Kemmling ist als Oberstabsmaschinist auf U-558 offenbar sehr effektiv. Er muss so etwas wie Johann aus dem Film “Das Boot” gewesen sein. Als Ältester der gesamten Crew ist er bei allen zehn Feindfahrten dabei. Die Besatzung wird gefeiert, Kommandant Günther Krech mit dem Ritterkreuz ausgezeichnet, weil U-558 19 Schiffe versenkt.

Abschied vor der letzten Feindfahrt

Die Schrecken des Krieges auf See sind dem jungen Fan aus Duisburg nicht klar. Aber das letzte Treffen mit dem Onkel prägt sich in sein Gedächtnis ein. 1943 verabschiedet sich das Vorbild von der Familie. “Es war klar, dass ihm sein bevorstehendes Ende bewusst war”, erzählt Charly später. Die Abwehrtechnik des Feindes ist zu weit fortgeschritten.

Fünf Männer von U-558 werden von einem kanadischen Zerstörer aufgenommen. © incolor

Fünf Männer von U-558 werden von einem kanadischen Zerstörer aufgenommen. © incolor

U-558 wird nach einem Einsatz in der Karibik auf der Rückreise zum Stützpunkt in Brest mehrmals von Flugzeugen attackiert und schließlich von Wasserbomben so schwer beschädigt, dass infolge eines Wassereinbruchs Chlorgas aus den Batterien der E-Maschine austritt. Der Kommandant befiehlt das Verlassen und Versenken des Bootes.  Nach weiteren Bombenwürfen und Maschinengewehrfeuer sterben 43 Männer, darunter Onkel Hans im Alter von 32 Jahren. Nur der Kommandant überlebt mit vier Kameraden in einem Rettungsboot. Er wird von einem kanadischen Zerstörer aufgenommen.

Charly kennt die Geschichte nicht so genau. Auch der Tod des Onkels hält ihn nicht davon ab zur Marine zu gehen. Er habe sich für die Einmann-Mini-U-Boote interessiert, erzählt er später beiläufig und schüttelt dabei den Kopf. In den letzten Kriegsjahren werden schlecht ausgebildete, blutjunge Soldaten mit Einmann-Torpedos als “Opferkämpfer” (Zitat von Admiral Dönitz) auf Feindfahrt geschickt. Kaum jemand kommt von den Einsätzen zurück.

Der Reiz des Wassers

Dann ist der Krieg vorbei. Der Mann aus dem Ruhrgebiet musste das Grauen nicht erleben und durfte jede Menge Seeluft schnuppern. Er kann sich weiterhin dem Reiz des Wassers nicht entziehen.

Er schleppt das Virus nach Duisburg ein muss aber erst einmal “was Ordentliches” lernen, wie es damals heißt: Schlosser beim großen DEMAG-Konzern – er hasst es. Eigentlich will er zurück zur Marine wie Kumpel Erwin. Aber er ist zu jung und hätte nach der Lehre die Zeit in der Fabrik verlängern müssen. Den vorgezeichneten Lebensweg als Industrie-Arbeiter gehen? Das hält er nicht aus.

So entsteht Plan B: Berufsfeuerwehr. Auch das schmeckt noch nicht nach der großen weiten Welt. Es ist ein hektischer Knochenjob, der im täglichen Rettungs-Wahnsinn viele Nerven kostet. Sehr emotional ist ein Erlebnis, als er die verbrannten Überreste eines Kindes mit einer Schaufel entsorgen muss.

Boot versenkt

Aber der junge Mann baut sich im zerbombten Ruhrgebiet eine Parallelwelt auf, in die er flüchtet, so oft es geht. Zuerst lebt er beim Kanu-Rennsport den Drang zum Wasser aus. Am Bertasee paddelt er sich mit dünnen Ärmchen die Seele aus dem Leib. Erfolgreich ist er nicht. Das Leben in den Duisburger Trümmern ist nicht gerade auf eine ausgewogene Sportler-Ernährung ausgerichtet. Der Trainer steckt dem abgemagerten Jungen schon mal ein Brot zu.

Stille Stunden mit dem zuvor versenkten Piraten auf dem Bertasee in Duisburg. © privat

Stille Stunden mit dem zuvor versenkten Piraten auf dem Bertasee in Duisburg. © privat

Ob es diese Chancenlosigkeit im Muskel-Sport ist, die den Weg zum Segeln ebnet? Jedenfalls fängt er an, mit Freunden aus dem Kanu-Club Piraten-Jollen zu segeln. Ein Schiff hat den Krieg überlebt. Als die Briten es konfiszieren wollten, ist es plötzlich weg. Die Jungs versenken es mit einem Zementsack. Als Gras über die Sache gewachsen ist, tauchen sie es wieder hoch. Die modrige Jolle stellt für die Teens das Werkzeug dar, mit dem sie ihr Fernweh bearbeiteten.

So entsteht die Abenteuer-Törn-Idee mit Kumpel Erwin: Zu zweit mit dem Piraten auf dem Rhein. Sie lassen sich von Raddampfern gegen die Strömung schleppen, vorbei an den zerstörten Brücken bis tief in die französische Besatzungszone.

Fahrten-Törn mit Kumpel Erwin (r.) auf dem Rhein.

Fahrten-Törn mit Kumpel Erwin (r.) auf dem Rhein.

Eine aufregende Reise, die für den Freiheitsdrang der damaligen Generation stehen mag. Mit einfachsten Mitteln und purer Lebenslust, der trüben Kriegsdepression und dem konservativen Mief entfliehen. Die Jungs schlafen auf dem Holz-Piraten und genießen das nie erlebte Urlaubsgefühl.

Umzug zum Nachbar-See

Sie nehmen es mit nachhause und gründen mit Freunden den Duisburger Segel-Club. Der Masurensee im grünen Süden der Stadt bietet das perfekte Areal. Seit 1912 wird auf den Ländereien des Maximilian Graf von Spee Kies gebaggert, um nebenan einen Güterbahnhof zu bauen. So entstehen zwei Grubenseen. Als die Stadt das Gelände kauft,  kommen später weitere dazu. Die Seen werden weiter ausgekiest und parallel zu einem Naherholungsgebiet, der heutigen Sechs-Seen-Platte, ausgebaut. 

An der Schaufel (r.) beim Bau der DSC-Clubanlage 1955.

An der Schaufel (r.) beim Bau der DSC-Clubanlage 1955.

Der Verein wird Charlys Fluchtpunkt. Hier findet das Leben statt, das er liebt. Am und auf dem Wasser inmitten jugendlicher Freunde. Mit dem Kumpel segelt er schon mal nah am Land entlang und schnackt Federball-spielende Mädchen für eine Bootspartie mit.

Mit zunehmendem Segel-Können wird der Wettkampf interessant. Die Duisburger Truppe baut eine stattliche Flotte von Piraten und verschifft sie schon mal per Güterzug zu Regatten bis zum Bodensee. Das Material ist nicht konkurrenzfähig –  besser betuchte Segler verbauen leichtes Zedernholz – aber der Ehrgeiz flammt auf.

Paul Elvström ist der Held

In den 50er Jahren gilt das Finn Dinghy als neuester Schrei. 1952 wird es olympisch und repräsentiert die neue, sportliche Art des Segelns. Paul Elvström ist der Held. Charly verschlingt seine Bücher und lernt begierig. Am kleinen Masuren-See wächst eine Hochburg der deutschen Finn-Klasse heran.

Mit "Florian" im Racemodus.

Mit “Florian” im Racemodus.

Der junge Mann erweitert mit der Einhand-Jolle seine Welt. Er packt sein rotes Finn “Florian” G-48 auf das Dach vom Käfer, später hinter den grauen Opel und bereist Europa. Höhepunkt ist der Gold Cup in Travemünde 1961. Die internationalen Segelstars geben sich in Deutschland die Ehre und der Duisburger steckt mittendrin.

Einmal wundert er sich über das große Interesse, als er mit Materialproblemen an Land zurückkehrt. Es ist ein Missverständnis. Er wird mit Willy Kuhweide verwechselt, dem aufstrebenden deutschen Segelstar, der auch ein rotes Boot segelt.

Das Mädchen im Strandkorb

So gut segelt Charly nicht, aber trotzdem landet er in Travemünde den großen Wurf. Als er mit Kumpel Detlef im Sand am Wasser entlang schlendert, erregt ein Mädchen im Strandkorb seine Aufmerksamkeit. Die Masche des braungebrannten Seglers verfängt sich bei der Touristin aus dem Münsterland. Er soll vor dem Korb hockend frech mit ihrem Zeh gespielt haben. 13 Jahre Altersunterschied sind kein Problem. Die Frau wird meine Mutter.

Beim Finn Gold Cup 1961 in Travemünde. © privat

Beim Finn Gold Cup 1961 in Travemünde. © privat

Ob ihr wirklich bewusst war, was da auf sie zukommt? Spätestens bei der Hochzeitreise wird es ihr gedämmert haben. Finn “Florian” muss natürlich mit. Segel-Urlaub am österreichischen Attersee hat er ihr versprochen. “Am Sonntag will mein Süßer…” wird ihr in den Ohren geklingelt haben.  “Da kommen Wolken auf, Schatz” – “Ach, das ist nichts, vertraue mir.” Zack liegen sie im Bach. “Florian” treibt Unterkante-Oberlippe im See. Sie müssen gerettet werden.

Auf dem Weg zum Segelurlaub in die Flitterwochen.

Auf dem Weg zum Segelurlaub in die Flitterwochen.

Eigentlich kein besonders geschickter Schachzug, um ein Mädchen vom Lande auf ein Leben nahe dem Wasser vorzubereiten. Ob er mit der Schocktherapie gaaaaanz sicher gehen will, dass sie es aushält? Was auch immer der Plan war, er funktioniert. Der Duisburger Segel-Club wird zum Heimathafen, Ferienhaus und Refugium der Naherholung. Die Ehe hält bis zum Ende.

Kapitän auf dem Löschboot

Auch beruflich gelingt ein großer Schritt. Er heuert als Kapitän auf dem Duisburger Feuerlöschboot an, eine große Sache im damals größten Binnenhafen der Welt. Er büffelt viel für die notwendigen Patente. Aber es lohnt sich. 16 Jahre lang arbeitet er in seinem Traumjob.

Kapitän auf dem Feuerlöschboot im Binnenhafen Duisburg. © privat

Kapitän auf dem Feuerlöschboot im Binnenhafen Duisburg. © privat

Das mag der Grund sein, warum er auf fast allen Fotos grinst, schmunzelt, lacht. Es läuft in seinem Leben. Traumfrau, Traumjob und Traumsport im Wirtschaftswunder-Deutschland. Das muss Spaß machen. Keinen Höhepunkt lässt er aus. Auch bei den Oylmpischen Segelspielen 1972 in Kiel ist er dabei. Er bewirbt sich bei den Organisatoren und hilft schließlich als Lotse auf den Regattabahnen in Schilksee.

Und nun kommen auch noch die Kinder. Mächtig stolz ist er auf die beiden Jungs. Irgendwas macht er richtig, dass sie seine Segel-Leidenschaft teilen. Er hat ein Händchen für Kids. Im Duisburger Segel-Club wird er Jugendwart, und bald hat sich eine starke Nachwuchs-Truppe versammelt. Sie trainiert jeden Freitag und räumt nicht selten die Preise auf den umliegenden Seen ab.

Der Optivater. © privat

Der Optivater. © privat

Es geht ihm nicht nur um Spitzenleistung. Das schätzen im Nachhinein viele seiner ehemaligen Schützlinge. Der späteren Schwiegertochter sagt er bei der Opti-Ausbildung, sie müsse die Regatta ja nicht unbedingt immer zuende segeln, wenn es zu hart werde. Sie nimmt es sich zu Herzen und bricht fortan eine Zeitlang alle Rennen nach dem Start ab. Trotzdem wird sie Jahre danach zur Kader-Seglerin.

Der Spaß bleibt erhalten und das Niveau in der Gruppe steigt quasi nebenbei. Charly mag die Arbeit als  Hobby-Trainer und bald übernimmt er auch die Betreuung von Trainingsgruppen für den Landesverband von Nordrhein-Westfalen. Höhepunkte sind die beiden Optimist-Meisterschaften mit dem NRW-Opti-Kader in Berlin 1979 und am Kellersee ein Jahr später.

Hässliche Pötte chartern

Aber es geht nicht nur ums Regattasegeln. Die Sommer werden beim Chartern im nahen Holland mit großer Club-Flotte verbracht. Wo er diese hässlichen Miet-Pötte nur immer herbekommt? Höhepunkt war ein Stahlschiff mit mächtigem Außenborder aber ohne Segeleigenschaften. Bei dem Namen “Kröte” muss man doch eigentlich stutzig werden.

Charterschiff "Kröte" in Holland. Kräftiger Außenborder. © privat

Charterschiff “Kröte” in Holland. Kräftiger Außenborder. © privat

Schließlich kommt die Varianta ins Spiel, die wir inzwischen als Kinder-“Baumhaus” nach Schleswig gebracht haben. Der gelbe 200er Diesel Benz schleppt sie vom Wannsee durch die Transit-Zone nach Duisburg. “LeLiLa” heißt das gute Stück – Leben, Lieben, Lachen. Als ich einmal über den vielleicht eher kitschigen Namen witzel, findet er das gar nicht komisch. Es ist sein Lebensmotto – und es passt perfekt.

Das orange Teil liegt am See in Duisburg neben zig anderen wie auf vielen NRW-Seen. Die Varianta ist damals der Käfer unter den Cruisern. Fahrtensegeln wird für einen größeren Teil der Bevölkerung erschwinglich. Charly zieht sie bis in die Bretagne, wo sie bei der Opti-EM der vierköpfigen Familie als Schlaf- und Versorgungsboot dient. In gleicher Funktion hat sie ihren Einsatz am Zwischenahner Meer bei der Jugendmeisterschaft, wo der alte Herr das Schiffchen auch schon mal alleine von den aufgeregten minderjährigen Söhnen über den Teich schippern lässt. Bei solchen Sachen ist er cool.

Das Gespann zu Opti-Zeiten. © privat

Das Gespann zu Opti-Zeiten. © privat

Dann zerrt er die Vari bis nach Ungarn zum Plattensee, prügelt sie über das IJsselmeer und macht noch im hohen Alter eine Rhein-Tour bis nach Holland. Normaler Cruising-Urlaub ist aber selten. Die Freizeit wird um die Regatten der Söhne herum geplant.

Über das Segeln schreiben

Es ist ein sehr spezieller, außergewöhnlicher Lebensentwurf für die damalige Zeit. Aber seine Frau zieht mit. Auch ihr eröffnet sich durch die Rumreiserei in Sachen Segeln die neue, interessante, internationale Welt. Zumal Charly ein weiteres Hobby damit verbindet, die Schreiberei.

Erst ist er als Pressewart für den Verein tätig und knüpft dadurch Kontakte zur lokalen Presse. Schließlich arbeitet er nebenberuflich für die Zeitschrift “Regatta” und ist viele Jahre als Redaktionsvertretung Westdeutschland für die “Yacht” tätig. Später schreibt er für die Segler-Zeitung.

Mit Club-Kindern auf der Varianta. © privat

Mit Club-Kindern auf der Varianta. © privat

So nutzt er die Kontakte in die Schreiber-Szene, um seinen Sohn zu vermitteln, der eigentlich nur segeln im Kopf hat. Es funktioniert. Irgendwas muss er wirklich richtig machen. Während Kinder sich normalerweise schnell abkoppeln und gerne bewusst konträre Vorlieben zu denen der Eltern entwickeln, gehen wir die Wege, die er anbietet und bei Interesse ebnet. Ich bin bei der Schreiberei hängen geblieben, der Bruder bei der Feuerwehr. Ein erstaunlicher Zufall.

Vielleicht hängt alles mit der intensiven Segelzeit zusammen, die besonders im 420er spannend ist. Die Segelei gewinnt an Bedeutung. Es läuft harmonisch mit dem Brüderchen an Bord. Die Regatten sind schöne, erlebnisreiche Familien-Urlaube und mit Jugend-Bronze sind wir vielversprechend unterwegs.

Peinliche Eltern

Normalerweise ist die Zeit mit den Kindern begrenzt, je mehr sie sich der Volljährigkeit und Unabhängigkeit nähern. Dann werden die Eltern immer peinlicher. Aber irgendwie hat es der Mann geschafft, das richtige Maß an Einflussnahme zu finden: Nicht zu viel, dass es nervig wird, nicht zu wenig, dass man es als Desinteresse wertet.

So schaffen es die Oldies beim Segeln der Kinder auch noch als Begleitung erwünscht zu sein, als es mit Freundin zu den legendären Ü-240-Boote-Laser-Eurocups auf die Insel Les Embiez in Südfrankreich geht, oder als danach das Ziel Olympia im Flying Dutchman ausgelobt wird.

Zum deutschen FD-Meister 1991 beim VSaW in Berlin gecoacht

Zum deutschen FD-Meister 1991 beim VSaW in Berlin gecoacht. © privat

Sie finden genauso verrückte Gleichgesinnte in der Familie Willim – den etwa gleichaltrigen Eltern des FD-Steuermanns. Es beginnt eine Phase, an die Charly gerne zurückdenkt. Die vier Rentner begeben sich mit zwei Hymer-Wohnmobilen Reisen zu den Rennstätten ihrer Söhne. Anzio, Hyéres, Medemblik sind die Reviere, die der internationale Segler-Tross jedes Jahr ansteuert. Dazu kommen die Europameisterschaften im spanischen Laredo, Ungarn und Wales.

Höhepunkt ist die WM 1992 in Cadiz. Die Oldies sind auf der ausgedehnten Urlaubsreise Monate unterwegs und schleppten ausnahmsweise sogar den FD mit nach Südspanien. Die beiden Männer lassen sich sogar einmal für die WM in Newport/USA als Vermesser engagieren.

Ü-65 segeln bei den Laser Masters

Nach der spannenden FD-Zeit startet Charly noch einmal ein neue Lebensphase. Er möchte wieder selber Regatten segeln und entdeckt die Masters-Szene der Laser für sich. Als einer der ersten Ü-65-Oldies startet er in der Klasse der Great Grand Masters und holt sogar einen EM-Titel in seiner Altersgruppe, in der allerdings damals noch sehr wenige Akteure am Start sind.

Mit italienischem Kumpel bei den Laser Masters. © privat

Mit italienischem Kumpel bei den Laser Masters. © privat

Mutter weiß anfangs nicht genau, was sie von dem zweiten Frühling ihres Gatten halten soll. Aber die Atmosphäre bei den Regatten und die Aufnahme im Kreis der Laser Masters ist überwältigend. Als Charly dann später auch mit Helm segelt, ist sie beruhigter. Sie genießt die Reiserei mit dem Wohnmobil zu den schönsten Clubs nahe am Wasser.

Und auch für den Sohnemann ist er immer noch da, wenn er gebraucht wird. Der will es nach der FD-Zeit noch einmal im Laser wissen. Das Olympia-Training findet für den Kader überwiegend auf Mallorca statt. Als ein Abstecher von Malle zur Europa-Cup-Regatta im italienischen Imperia Sinn macht, sprechen sich Vater und Schwiegervater ab, packen einen Laser aufs Dach, holen den Jungen vom Flughafen in Mailand ab und rasen zur Regatta. Ein großer Spaß, und auch der vereinte Kanon ihrer nächtlichen Schlafgeräusche im gemeinsamen Hotelzimmer kann einen Erfolg des Möchtegern-Olympioniken nicht verhindern.

Auf solch irre Aktionen muss man bei ihm immer gefasst sein, wenn es um das Segeln geht. Ein Jahr später nimmt ihn der kleine Sohn unter seine Fittiche und fliegt mit ihm nach Kapstadt, wo beide an der Laser-Masters-Weltmeisterschaft teilnehmen.

Auch mit 70 kraxelt er noch ins Windjammer Rigg. © privat

Auch mit 70 kraxelt er noch ins Windjammer Rigg. © privat

Es wird schwieriger, als der Körper nicht mehr so will, wie es für den Sport notwendig wäre. Aber die See lässt ihn nicht los. Als Mitt-Siebziger unternimmt er noch eine Reise mit dem ukrainischen Dreimaster “Khersonez”, später auf der “Mir”. Und er engagiert  sich im lokalen Shanty-Chor, der auch auf den großen Windjammer-Festen auftritt.

Marine Flair auf der "Khersonez"

Marine Flair auf der “Khersonez”

Charly war sicher nicht immer bequem, und schon gar nicht diplomatisch, manchmal wohl auch egoistisch. Ein Mann mit Ecken und Kanten. Aber er hatte einen Plan: Leben, Lieben, Lachen. Daran hat er festgehalten, so lange es ging. Das Segeln hat geholfen. Es war sein Werkzeug. Vielleicht ist diese Botschaft sein Vermächtnis.

Die Welt ist ärmer. Wir vermissen ihn…

"Florian" gibt Gas. Zeichnung von Kumpel Detlef. © Detlef Böttcher

“Florian” gibt Gas. Zeichnung von Kumpel Detlef. © Detlef Böttcher

 

 

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Carsten Kemmling

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21 Kommentare zu „R.I.P.: Segel-Pionier, Jugend-Trainer, Opti-Vater, Cruiser, Masters-Segler… mein Paps“

  1. avatar max kirchheim sagt:

    Mein aufrichtiges Beileid.

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  2. avatar Johannes Bahnsen sagt:

    Dem kann ich mich nur anschließen.
    Er wird sicher immer bei Dir sein.

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  3. avatar martind18 sagt:

    Schön geschrieben, danke dafür und mein Mitgefühl wegen des Verlusts..

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  4. avatar Slutsky sagt:

    Dem schließe ich mich an. Und großen Respekt und Dank für den bewegenden Artikel.

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  5. avatar Peter sagt:

    Danke Carsten.
    ein bewegendes Portrait – schön um Eure Freude zu wissen

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  6. avatar Holger sagt:

    Mein aufrichtiges Beileid.
    Ein schönes Portrait an den Vater, Freund und Trainer.

    Die allerbesten Grüße von der Bevertalsperre

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  7. avatar Firstler sagt:

    Sehr schöner Artikel – sehr persönlich! Danke

    Hat auch dazu geführt ein paar ganz ähnliche Erlebnisse mit meinem alten Herrn, der sich vor ein paar Jahren leider auch schon aus dem Staub gemacht hat, zu reflektieren.

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  8. avatar Addi sagt:

    Mein Beileid und danke für den Artikel, hat auch bei mir einige Erinnerungen geweckt.

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  9. avatar Ulli Jäger sagt:

    Mensch Carsten,
    Meine aufrichtige Anteilnahme!

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  10. avatar MAUERSEGLER sagt:

    Ich war auch in der Freitagstruppe und ich erinnere mich noch gut an den alten Benz und den Trailer, der auf den alten Fotos noch das Finn, später unsere Optis trug. Natürlich auch an die Varianta, auf der ich die erste Nacht an Bord eines Segelboots verbracht habe und mit der Bruder Kai und ich Jahre später mal mit einer Runde Vorsprung die damals ansässige Varianta-Regatta gewonnen hatten, nachdem wir den “Seezaun” runtergebunden und Ausreitgute eingebaut hatten: selbstverständlich aus Feuerwehrschlauch.

    Ich hab schon als Halbstarker gedacht: “das ist ein vorzügliches und vorbildliches Leben, das mein Segellehrer da führt”. Das mit dem Regatten nicht zuende Segeln hat er aber nur den Mädels zugestanden 😉

    Gute Reise, Karl Heinz!

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  11. avatar Friedrich sagt:

    Carsten! Großartig und danke, dass Du das aufgeschrieben hast. Viele wissen, wie es einem dann geht. Ich auch. Mein Vater war auch so jemand, wie wir Söhne ihn brauchen. Nicht im Segeln, dafür in der Musik. Vorbilder! Ihnen nach!

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  12. avatar Olli sagt:

    Hier standen schon einige Artikel, die nicht mehr und nicht weniger als in der Weltspitze mitspielen. Dieser ist die Krönung. Eine tiefe Verbeugung. Ich würde gern halb so gut schreiben können.

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  13. avatar Jim sagt:

    So ein bewegtes und bewegendes Leben – ein toller Vater. Ihm meinen Respekt und Dir mein Beileid!

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  14. avatar Carsten Kemmling sagt:

    Das ist sehr nett! Vielen Dank

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  15. avatar Wolfgang Fuss sagt:

    Zunächst dir und deiner Familie mein aufrichtiges Mitgefühl. Ich war noch “Jungmaster”, da lernte ich deinen Vater als humorvollen, selbstbewußten Menschen kennen und war begeistert von seiner Frische, für mich war er damals schon Vorbild, wie man im reiferen Alter noch Spass am Regattasegeln haben kann. Nun bin ich selbst schon im “reiferen” Alter und habe auch noch immer Lust am segeln und bereite mich nach einem gesundheitlichen Rückschlag wieder auf die nächste Saison vor. Danke für deinen tollen Artikel über deinen Vater, er hat mich doch sehr bewegt.

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  16. avatar Dirk Rose sagt:

    Lieber Carsten,
    mein aufrichtiges Mitgefühl. Du mußt ihn geliebt haben. Er hat Dich geprägt. Wunderschön geschrieben. Tolle Bilder.

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  17. avatar Mario sagt:

    Mein herzliches Beileid zum Verlust Deines Vaters!! RIP.

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  18. avatar Rainer Stiefken sagt:

    Hallo Karsten und Kai,

    mein herzliches Beileid! Euer Vater hat die Sorpefreizeit 1979 betreut und ich damals 9 zum ersten mal allein von zu Hause weg. Als meine Mutter mich abgeliefert hatte habe ich geweint, als sie am Ende der Woche wieder kam wollte ich noch nicht nach Hause. Auch ein Verdienst Eures Vaters!
    Er scheint bei der Erziehung seiner Kinder vieles richtig gemacht zu haben. Denn Ihr Kemmlings seit die Einzigen mit denen ich in 20 Jahren aktiven Regattasegelns nie ein negatives Erlebnis gehabt habe und von denen ich auch von keinem anderen je etwas Negatives gehört habe. Und das in einem Sport bei dem meiner Meinung nach bei den Erfolgreichen das Kleinbisschenarschlochsein immer mitsegelt (Vieleicht blieben auch deshalb die ganz großen Erfolge verwehrt).

    Viele Grüße Rainer

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  19. avatar Marina sagt:

    Menschen, die wir lieben, bleiben für immer – denn sie hinterlassen Spuren in unseren Herzen!

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