Porträt: Abenteurer baut 15 Meter Katamaran aus Hanf und Leinen für den großen Schlag

Jute statt Plastik

Low-Tech ist seine Obsession. Der 31-jährige Corentin de Chatelperron segelte schon auf einem Nachen von Bengalen nach Frankreich und experimentierte als Selbstversorger auf See. Jetzt will er um die Welt.

Dieser Mann ist ein Phänomen: Er sprüht vor Ideen, ist ein „Macher“, der sich für nichts zu schade ist und überzeugt andere mit unwiderstehlichem Charisma zur Realisierung verrücktester Projekte. Seine Obsession ist die Einfachheit der Dinge, „Low Tech“ nennt Corentin de Chatelperron das und es ist bezeichnend, dass so einer (ausgerechnet) studierter Hi-Tech-Ingenieur ist!

Gold of Bengal aus 100% Naturfaser gebaut © nomade des mers

Gold of Bengal aus 100% Naturfaser gebaut © nomade des mers

Doch schön der Reihe nach. „Coco“ de Chatelperron büffelte auf der „Katholischen Schule für Kunst und Handwerk“ in Nantes, bevor er sich jahrelang in Fernost für Öko- und Naturstrom-Projekte engagierte. 2009 landete er in Bangladesh (!) auf einer Werft, auf der in einem Entwicklungsprojekt Boote aus Glasfaser gebaut wurden.

Kein Material für „Coco“: Eines Tages machte er einen Spaziergang und schlenderte an riesigen Feldern der Gattung „Corchuris capsularis“, vulgo: Jute vorbei. Zehn Minuten später redete der junge Ingenieur auf den Werftbesitzer ein, er solle doch die umweltschädigende Glasfaser zumindest zum Teil durch Jute ersetzen.

Von Bengalen nach Frankreich

„Natürlich zeigte mir mein Boss zunächst einen Vogel,“ erzählte de Chatelperron später. „Aber durch den simplen Umstand, dass ein potentielles Basismaterial billig vor der Haustüre wächst, war sein Interesse geweckt!“ Coco experimentierte mit Harzen und verklebte schließlich erfolgreich Jute-Matten zu einem Material, das fest genug für einen Bootsrumpf sein könnte.

Mit der "Tara Tari" vom Golf von Bengalen nach Frankreich © nomade des mers

Mit der “Tara Tari” vom Golf von Bengalen nach Frankreich © nomade des mers

Und vier Monate später war er auf einem knapp neun Meter langen, bengalischen Fischerboot namens „Tara Tari“ unterwegs, dessen Rumpf zu 40 Prozent aus Jute bestand und unter anderem in Zusammenarbeit mit den französischen Designern von VPLP gebaut wurde.

Corentin de Chatelperron segelte auf diesem primitiv ausgestatteten Boot mit Lateinersegel größtenteils mutterseelenalleine von Bangladesh nach Frankreich. Die episch lange Reise, auf der er zeitweise von einer Dreimastbark durchs Rote Meer gezogen wurde, begleitet von einem türkischen Marineschiff, das wegen der Piraten patrouillierte, ist in Frankreich längst Kult. Es weckte das Interesse einiger Investoren, die in dem jungen Draufgänger einen idealen Pionier für die Realisierung ziemlich verrückt anmutender ökologischer Projekte sahen.

100 Prozent Naturfaserrumpf

Mit Huhn und Zitronenbaum unterwegs © nomade des mers

Mit Huhn und Zitronenbaum unterwegs © nomade des mers

Wie zum Beispiel „Gold of Bengal“. Im Rahmen der „Association Watever“ arbeitete eine Gruppe von acht jungen Ingenieuren drei Jahre lang in Bangladesh unter der Anleitung von Corentin de Chatelperron an der optimalen Verwendung der Naturfaser Jute als Basiswerkstoff für Bootsrümpfe.

2013 schwamm schließlich die „Gold of Bengali“ als Prototyp eines ausschließlich aus Jutefaserstoff gebauten Segelschiffs im Stile bengalischer Fischerboote auf See. Ein Schiff, das insbesondere in Entwicklungshilfe-Kreisen auf größtes Interesse stieß und sogar (mal eben schnell) nach Paris zum „Salon Nautic 2013 gebracht wurde. (Ein Aufwand, der wenig ökologisch erscheint, aber lassen wir das.)

Mit Schwarm-Intelligenz” besser tüfteln

Mit der „Gold of Bengal“ segelte Coco de Chatelperron schließlich alleine und mit Freunden sechs Monate durch den Golf von Bengalen und die faszinierende indonesische Inselwelt. Wobei für Chatelperron eigentlich erst der richtige Spaß begann.

Denn der „Überlebenstüftler“ (Coco über Coco) hatte wirklich nur das Allernötigste an Bord und experimentierte mit „Low-Tech-Techniken“, die er selbst entwickelte, zu denen er sich aber auch von der „Schwarm-Intelligenz“ anderer Tüftler im Internet inspirieren ließ. Was skurril anmuten mag, hat Potential.

Unter Deck wächst das junge Gemüse besser © nomade

Unter Deck wächst das junge Gemüse besser © nomade

So züchtete er im Glashaus unter Deck Gemüse, Kräuter und im Stil von Costners „Waterworld“ sogar einen Zitronenbaum (Skorbutgefahr gebannt!). Mit einer manuellen Pumpvorrichtung zur Wasserentsalzung hielt er seine Muskeln auf Trab, der Kocher aus einer Blechtonne wurde mit Treibholz gespeist, die Sonne in vielerlei Hinsicht als Engergiespender genutzt und, last not least, nahm „Coco“ auch Hühner mit an Bord.

Deren Protein-Ausbeute in Form von Eiern fiel allerdings spärlich aus (das kennen wir anders!) und irgendwann gewährte er dem Geflügel Auslauf auf einer vermeintlich einsamen Insel, den die wiederum zur Fahnenflucht nutzten. Coco musste sich neue Cocoocircoos bei Fischern auf einer benachbarten Insel besorgen.

15-Meter-Katamaran aus Jute, Hanf und Leinen

Fahnenflucht nach Landgang: Die Hühner wollten nicht mehr an Bord zurück © nomade des mers

Fahnenflucht nach Landgang: Die Hühner wollten nicht mehr an Bord zurück © nomade des mers

„In dieser Zeit reifte das Projekt „Nomade des Mers’“, erinnert sich Corentin de Chatelperron heute. „Von Sydney in die Bretagne auf einem großen Katamaran, der ausschließlich aus Naturfasern gebaut ist!“

15 Meter lang soll der Cruising-Kat werden, als Füllstoff kommen Leinen, Jute und Hanf zum Einsatz. Der Schiffdesigner Marc van Peteghem lieferte den Riss und überwacht den Bau, der von den Nomaden selbst durchgeführt wird.

Low Tech in jeder Hinsicht © nomade des mers

Low Tech in jeder Hinsicht © nomade des mers

Doch unabhängig von dem seemännscihen Abenteuer, das auf „Coco“ und seine Crew wartet, freut er sich auf seine „Low Tech“-Experiment im Besonderen: „Es sollen Hausgrillen und Würmer als Nahrungsmittel gezüchtet werden. Wir müssen nur aufpassen, dass es nicht wieder zu Fluchtversuchen kommt!“

Und Hühner werden an Bord sein, vielleicht auch Zwergschweine aus Vietnam. Pflanzen sollen im Gewächshaus wachsen und aus dem aufgefischten Plastik, mit dem die Nomaden überall auf den Weltmeeren rechnen, wollen sie Ersatzteile fürs Schiff schmelzen oder in Streifen einen 3-D-Drucker für „komplexere Teile“ füttern. Und die Mikroalge „Spirulina“ soll an Bord ausschließlich mit menschlichem Urin gedüngt werden. „So wachsen sie schneller und unser Harn macht sie nährstoffreicher!“.

Schon nächstes Jahr soll die Reise beginnen. Tüftler können sich mit eigenen Ideen per Videofilm um Aufnahme in das Projekt bewerben.

Capucione Trochet segelte auf der Tara Tari über die Kanaren, Kapverden nach Guadeloupe © trochet

Capucione Trochet segelte auf der Tara Tari über die Kanaren, Kapverden nach Guadeloupe © trochet

„Tara Tari“ über den Atlantik gesegelt!

Die „Tara Tari“, Cocos erstes Naturfaserboot, hat übrigens längst eine neue Besitzerin gefunden: Capucine Trochet segelte kürzlich einhand damit über den Atlantik und legte vorgestern in Guadeloupe an!

Der Film oben über „Nomade des mers“ ist in mehrere Kapitel aufgeteilt (nach jeder Episode neu anklicken), allerdings in Französisch gesprochen. Dennoch sehr sehenswert wegen hervorragendem Bildmaterial.

Mit Material von „voiles et voiliers“ und „MOTHERBOARD“.

Website “nomade des mers

Tipp von SR Leser Nicolas Fleischmann

So soll der Katamaran aufgeteilt sein © nomades des mers/Übersetzung Motherboard

So soll der Katamaran aufgeteilt sein © nomades des mers/Übersetzung Motherboard

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Michael Kunst

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Ein Kommentar „Porträt: Abenteurer baut 15 Meter Katamaran aus Hanf und Leinen für den großen Schlag“

  1. avatar Juergen Beh sagt:

    Guter Ansatz, sehr lobenswert und aufwändig, wird sicher erfolgreich ! So wird vorgemacht was geht und wie es schon bei den Polynesiern ging.

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