Abenteuer: Mini-Segler Grison auf dem Weg zum Nordpol – Mit 5,30m Kite-Boot

Fürs Klima in die Arktis

Einfach nur ein weiterer Törn ins gar nicht so ewige Eis der Arktis? Vincent Grison verfolgt einen pädagogischen Ansatz – mit 3.000 Kindern im Schlepptau!

Mit Ruderboot und Kite-Segel in die Arktis: Vincent Grison ist aber nicht nur “irgendein Abenteurer”! © anne beaugé/rennes-pole nord

Die hohen Breitengrade avancieren langsam aber sicher zum Traumziel unternehmungslustiger Segler. Es gibt kaum noch Langfahrt- oder Blauwassersegler, geschweige denn selbsternannte Abenteurer, die nicht von einem Törn zwischen Eisbergen, Growlern und kalbenden Gletschern träumen.

Die schier unvorstellbar großen Eismassen der Arktis schmelzen viel schneller als gedacht, die befahrbaren, offenen Wasserflächen werden immer größer und die Eisbären könnten auch bald schon aussterben – da will man eben als gestandener Weitreisender schnell noch mal am nordischen, eiskalten Naturwunder teilhaben. Anders ausgedrückt: Vor zwei Jahren warteten 56 Yachten vor der Einfahrt zur Nordwestpassage (fast alle vergeblich) auf günstige Wetterfenster. 

Training in ruhigen Gewässern © Anne beaugé/rennes-pole nord

Klimawandel hin oder her – die Arktis ist „in“. Und wird es wohl als anschauliches Beispiel für die Folgen der klimatischen Veränderungen auf unserem Blauen Planeten noch über Jahrzehnte hinweg bleiben. Bis der bremsende Golfstrom eine neue Eiszeit einläutet– aber das ist eine andere Geschichte. 

Des Seglers Traum – die Arktis!

Natürlich sind die segelverrückten Franzosen wieder mal ganz vorne dabei, wenn es um die Beseglung letzter, einsamer und (vorerst noch fast) menschenleerer Gebiete geht. Mit teils naivem Enthusiasmus, mit wahnwitziger Abenteuerlust oder mit unstillbarer Rekordsucht machten einige französische und französischsprachige Skipper schon öfter von sich reden.

Etwa Guirec, der seinem Huhn Monique nur mal zeigen wollte, dass es auf der anderen Seite, also hinter dem Eis, einen anderen großen Ozean gibt. Oder Sebasien Roubinet, der einen Strandkatamaran zum Nordpol schieben (und manchmal auch segeln) wollte – ohne Erfolg. Und der Wahl-Franzose Yvan Bourgnon, der auf einem offenen Katamaran die Nordwestpassage solo in Rekordzeit durchsegeln wollte, letztendlich aber große Strecken von Yachten unter Motor geschleppt wurde. Um nur wenige dieser französischen Arktishungrigen zu nennen. 

Im Testtraining hat die Kite-Ruderei sehr gut geklappt. Wie wird das in der Welle? © anne beaugé/rennes-pole nord

Nun könnte man auf den ersten Blick meinen, dass der Bretone Vincent Grison mit seiner Expediiton „Rennes – Pôle Nord“ auf genau diesen Abenteuer-Zug aufspringen will. Denn beim ersten Blick trägt der Mini-Transat-Finisher (Rang 10 Proto, 2012) und Mini-Keelwalk-Pionier reichlich „dick auf“. Seine Expedition soll – wie der Namen erahnen lässt – von seiner Heimatstadt Rennes in der südlichen Bretagne ganz offensichtlich bis zum Nordpol führen.

Dazu zeigt er sich den Medien mit einem 5,30 m kurzen, selbstgebauten Karbon-Gefährt – Grison ist gelernter Bootsbauer – das an ein Hochsee-Ruderboot erinnert, letztendlich aber auch unter Segeln fortbewegt werden soll. Nur wo ist bitteschön der Mast?

Rudern und Segeln in Hohen Breitengraden

Hinzu kommt, dass die Route vom Festland bis in die Hohen Breitengrade etwas exotisch anmutet. Denn Vincent Grison lud sein Vollkarbon-Boot mit dem bezeichnenden Namen „Breizh Glace“ (breizh = bretonisch/Bretagne//Glace = Eis) auf einen kleinen Hänger und zog es mit seinem Fahrrad in mehreren Tagen quer durch die Bretagne nach St. Malo. 

Dort lud er die „Breizh Glace“ auf eine 54-Fuß-Yacht und startete gemeinsam mit einer befreundeten Crew zu einem „Fracht-Törn“ nach Island. 

Erste Etappe: Mit Fahrrad und Boot auf dem Hänger an die Küste © rennes-pole nord/Valentin Crevat

Von der Vulkan-Insel aus will Grison ins Packeis vor Grönland rudern und dort sein Gefährt über die Eisfläche so weit wie möglich über mehrere Wochen Richtung Nordpol ziehen, schieben und in offenen Wasserflächen auch rudern. Von einem Traumziel Nordpol ist jedoch keine Rede – man habe den geografischen Pol eben nur der besonderen Attraktivität wegen als Expeditionsziel gewählt. 

Die Kids haben schon mal mit Lego alles vorgespielt © rennes-pole nord

Wie immer bei solchen Projekten respektive Abenteuern, steht neben dem Skipper dessen Gefährt im Mittelpunkt des Interesses. Denn die „Breizh Glace“ ist gespickt mit moderner Technik. Neben der autonomen Stromversorgung über Solar-Panels werden z.B. an Bord semi-automatische, relevante Messungen für die Umweltforschung vorgenommen. 

Neben dem Vortrieb durch Muskelkraft, also Rudern, will Segler Vincent Grison selbstverständlich auch den Wind nutzen. Dafür hat er sich mit Yves Parlier zusammengetan. Der bekannte Offshore-Segler hatte während der letzten Vendée Globe auf sich aufmerksam gemacht, weil er ein Kitesegel und Zugsystem entwickelt hat, mit dem die Weltumsegler zum Beispiel nach Havarie und Mastverlust relativ sicher den nächsten Hafen anlaufen könnten. Mehrere Globisten waren mit dem neuartigen Notfall-Kite ausgerüstet. 

Mit einer ähnlichen Konstruktion von Yves Parlier will sich nun Grison bis zum und übers Packeis ziehen lassen – falls ihm die Wettergötter wohl gesonnen sind. 

Junge Menschen für den Klimawandel sensibilisieren

Bis zu diesem Punkt könnte man „Rennes – Pôle Nord“ als weiteres egozentrisches Abenteuer in arktischen Regionen abhaken. Was das Projekt jedoch von anderen unterscheidet, ist sein ernsthafter und gut organisierter, pädagogischer Ansatz.

Ganze Schulklassen haben die “Breizh Glace” gleich nach Fertigstellung inspiziert © rennes-pole nord

Denn Vincent Grison wirld als Mitarbeiter bei Ärzte ohne Grenzen virtuell von ca. 3.000 Schülern und Studenten begleitet, mit denen er via Satellit regelmäßig kommuniziert und denen Videos und Podcasts zugeschickt werden. Großes Ziel dieser Expedition ist die Sensibilisierung junger Menschen für Fakten und Konsequenzen rund um den Klimawandel.

Entsprechend wird Grison von der Universität Rennes und vom französischen Kultusministerium unterstützt. Vincent Grison: „Ich will meinen Zuschauern und Zuhörern Augen und Ohren öffnen für das, was derzeit unumkehrbar mit unserem Planeten passiert!“ Und Aufmerksmakeit bekommt man in diesen Zeiten eben vor allem mit spektakulären Aktionen. 

Vincent Grison wird Einiges “in den Weg gelegt”. Inklusive behördliche Anordnungen © rennes-pole nord

Seine „Radtour mit Hänger“ hat der ex-Minist bereits erledigt, derzeit segelt er vor dem französischen Finisterre auf dem erwähnten 54-Fußer mit der „Breizh Glace“ huckepack und biegt wohl bald Richtung Norden ab. Doch es könnte sich herausstellen, dass behördliche, Pandemie-bedingte Hürden höher sind als die Hürden im Packeis. Denn Island hat vor zwei Tagen verkündet, dass Franzosen aufgrund der hohen Inzidenzwerte in Frankreich auf der Vulkaninsel nicht anlegen dürfen. Doch bis in den hohen Norden müssen noch einige Seemeilen geloggt werden. Ein Zeitraum, in dem sich noch viel ändern kann… und wird! 

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Michael Kunst

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