Abenteuer: Mit der Segelkiste durch die Gobi – 300 wüste Kilometer

Mit dem Wüstenschiff durch die Mongolei

Gebrochene Rippen und Achsen, nervtötende Flauten, Starkwind von vorn – es war nicht einfach. Doch die Segler hatten Vertrauen in die Nomaden, die hinter dem nächsten Hügel auf sie warteten.

Es dürfte sich mittlerweile herumgesprochen haben, dass die Fortbewegung unter Segeln nicht nur auf dem Wasser, sondern eben auch auf dem Land gepflegt wird. Strandsegler sind dafür das wohl bekannteste Beispiel. Ähnlich ist das mit den Eisseglern, die mit ihren Rennern auf Kufen zwar auch auf H2O unterwegs sind, aber eben auf hartem Wasser im dritten Aggregatzustand. 

Beide Sportarten sind mittlerweile längst etabliert und Teil der großen „Segelgemeinde“, die zum Beispiel auch untereinander ihre Champions austauscht (siehe Gäbler auf dem Strand oder Jablonski auf dem Eis).

Mongolei, Strandsegler, Selbstbau

Und es segelt doch: Nach drei Tagen Bauzeit war dieser Segler einsatzbereit © amber word

Exotisch wird es dagegen, wenn eine Art Fahrtensegeln außerhalb des flüssigen Urelements aller Segler stattfindet. Als zum Beispiel der deutsche Künstler Daniel Beerstecher mit einem Kajütkreuzer auf Rädern alleine über die endlosen Straßen Patagoniens segelte  (SR-Bericht). Oder kürzlich der Franzose Sebastien Roubinet mit zwei Begleitern einen Katamaran mit Segelunterstützung zum Nordpol schieben wollte und glorreich dabei scheiterte (SR-Artikel).

In einem ähnlichen Kontext starteten die beiden Abenteurer Amber Word und Falcon Riley zu einem Segeltörn durch die Wüsten der Mongolei. Eine Tour, die bereits sprichwörtliche Wellen in den „Sozialen Medien“ schlug und zu der jetzt von den beiden Protagonisten ein kurzes Flashback-Video im Netz gepostet wurde. Als Erinnerung an ein durchweg verrücktes Abenteuer.

Verrückt oder nur exotisch?

„Man muss schon ziemlich einen an der Waffel haben, um so ein Abenteuer überhaupt anzudenken“, wird Falcon Riley in mehreren US-amerikanischen Artikeln zitiert. 

Der Weltenbummler hatte sich zunächst den Geschmack am Segeln bei einem 18-monatigen, eher klassischen Fahrtentörn auf dem Pazifik von San Francisco nach Guam/Mikronesien geholt. Kurz nach seiner Ankunft im Zielhafen begegnete er Amber Words, ihres Zeichens ebenfalls Weltreisende mit einer Vorliebe für außergewöhnliche Transportmittel und möglichst entlegene Reiseziele. 

Mongolei, Strandsegler, Selbstbau

Es mussten reichlich Reparaturen bewältigt werden © amber word

Die Beiden sympathisierten, erzählten sich von ihren Reisen, irgendwann kamen man/frau sich näher und wie das Leben eben so spielt, planten sie bald schon erste gemeinsame Reisen. Nach endlosen Lagerfeuer-Erzählungen fanden sie auch einen gemeinsamen Nenner respektive das gleiche Traumziel: Die Mongolei. 

Nun ist die Mongolei unter Abenteurern längst kein Geheimtipp mehr. In der ehemaligen Sowjetrepublik, die sich derzeit mehr und mehr dem Westen und somit dem Tourismus öffnet, sind etwa Trekking- oder Bike-Touren durch die weitläufigen, zerklüfteten Wüstenlandschaften mittlerweile so etwas wie ein Muss für Outdoor-Sportler, die etwas auf sich halten. 

Lieber außer-, als gewöhnlich! 

Deshalb entschieden sich Amber und Falcon für das Außergewöhnliche: Als die beiden in Ulaan Bator, der Hauptstadt der Mongolei, strandeten, investierten sie ganze 200 US-Dollar und bauten sich ein Segelboot! Oder bezeichneten es zumindest so – denn letztendlich war es eher eine Art Strandsegler.

Ein solches Transportmittel, ist in dem von Sand- und Geröllwüsten durchzogenen, riesigen Land nun wirklich alles andere als alltäglich. Entsprechend taten sich die beiden auch schwer, das nötige Material für ihr Boot respektive ihre segelnde Kiste zu finden. Was bitteschön wollt Ihr bauen? Ein Segelboot? Und wo wollt Ihr segeln? Auf dem Sand der Wüste… hallo? 

Mongolei, Strandsegler, Selbstbau

Drei Tage Bauzeit – großzügig bemessen! © Amber Word

Um es kurz zu machen: Nach ein paar Tagen war das „Wüstenschiff“ zusammengebastelt. Zugegeben, es kann nicht gerade klassische Bootsformen vorweisen. Und einen Designpreis wird man damit auch nicht gewinnen, zumal der Look des Gefährts eher an eine Seifenkiste erinnert. 

Das Traumschiff

Doch für Amber und Falcon war es so etwas wie ein Traumschiff. Ein Wüstensegler, der sie über die Wellen der Dünen, über das Auf und Ab der endlos erscheinenden Ebenen bis zum Horizont und weiter führen sollte. Mit dem sie ihre paar Klamotten und sich selbst durch die Heimat des legendären Dschingis Khan transportieren wollten, auf dem sie schlafen, essen und Unterschlupf vor den Unbilden einer manchmal auch in den Wüsten schlechtgelaunten Natur finden konnten.  

Doch vieles kam dann doch anders, als sie sich erträumt hatten. 

In sechs Wochen schafften sie immerhin 300 Kilometer durch die Wüste,  allerdings 70 Kilometer davon segelten sie an dem einen, einzigen Tag, an dem der Wind aus der richtigen Richtung in der richtigen Stärke richtig lange wehte. Ansonsten schlugen sie sich mit Segelbedingungen herum, die auch Fahrtenskipper zur See nicht gerade lustig fänden.

Heftiger Wind immer wieder gerne von gegenan, und das bei einem eher suboptimalen Wendeverhalten des Wüstenschiffs. Totenflaute, die aus dem stolzen Segler eine 225 kg schwere Last machten, die erstmal gezogen werden will. 

Mongolei, Strandsegler, Selbstbau

Und plötzlich taucht mitten in der Wüste eine dieser Jurten auf… © amber word

Und apropos Gewicht: Wie wuchtet man zu zweit so ein Gefährt durch unzählige Rinnen, aus knietiefen Schlaglöchern, durch tiefe Furchen, die der Wind seit Jahrtausenden in die Landschaften gezogen hat? 

Einmal krachten sie in relativ flotter Fahrt in ein derart tiefes Schlagloch, dass der darauf folgende Crash und Beinahe-Überschlag  Amber ein paar angeknackste Rippen zufügte. Die Logik von „Murphys Law“ schickte gleich darauf eine schwere Erkältung, so dass jeder Husten heftigste Schmerzen verursachte. Ein paar Tage später stießen sie jedoch auf einen Heiler, der eine unbekannte, aber sofort wirksame Medizin selbst produzierte. Zumindest der Husten war so im Nu vorbei. 

Vertrauen haben

Ein anderes Mal brach in einem Schlagloch die Vorderachse. Weit und breit war kein Mensch, kein Weg, keine Straße auszumachen. Also packten sie die kaputten Teile auf den Rücken und liefen einfach in eine Richtung weiter. Nach ein paar Kilometern trafen sie auf eine Jurte, in der ein Mann  („der freundlichste Typ auf der gesamten Reise!“) ein Schweißgerät zu seinen Besitztümern zählte. Und auch noch damit umgehen konnte – 16 Stunden später war die Segelseifenkiste wieder einsatzbereit. 

Überhaupt, die Freundlichkeit der Menschen. Amber und Falcon waren zwar in sehr abgelegenen Regionen unterwegs, mussten sich aber immer wieder darüber wundern, wie vielen Menschen sie dennoch Tag und Nacht begegneten. An einem Tag zählten sie sogar insgesamt 20 Personen. Menschen, deren Jurte plötzlich „mitten im Weg“ stand und aus der Kinder mit staunend aufgerissenen Augen herausschauten. Reiter, die plötzlich am Horizont auftauchten und ihnen neugierig entgegen kamen. 

Ein Segelboot in der Wüste – das gibt’s doch gar nicht! 

Versteht sich von selbst, dass die beiden Wüstensegler viel Zeit mit Einladungen verbrachten und sich dafür mit hilfreichem Einsatz im Alltag ihrer Gastgeber revanchierten. Erst recht, wenn etwa an Flautentagen sowieso kein Weiterkommen möglich gewesen wäre. 

Mongolei, Strandsegler, Selbstbau

Nicht viel Platz zum Schlafen, aber doch ausreichend © Amber Word

Dann hüteten sie Yak-Herden der Mongolen (oder taten zumindest so), passten auf Kleinkinder auf, halfen bei Reparaturen an den Jurten oder einfach beim Kochen. 

„Alle Menschen, denen wir begegneten, waren unglaublich offen, gastfreundlich und vor allem neugierig.“ Man wollte möglichst alles über das Leben in der Ferne erfahren, wollte wissen, wie es draußen in der Welt zugeht. Und die Nomaden lachten sich ins Fäustchen, wenn ihnen vom bedauernswerten Leben mancher vermeintlich glücklicher, weil reicher Großstädter erzählt wurde.

„Dies war eine Reise, bei der jede Form von Planung unmöglich war. Wir warteten einfach darauf, was uns das Schicksal in den nächsten Stunden bieten würde,“ schreibt Amber auf Facebook und Instagram. „Wir haben gelernt, Vertrauen zu haben. Vertrauen in die Menschen, die hinter dem nächsten Hügel vielleicht schon auf uns warteten, weil sie uns längst in der Ferne entdeckt hatten. Irgendwann hatten wir gelernt, alles auf uns zukommen zu lassen. Den Heiler, den Schweißer, die immer gastfreundlichen Familien… diese Reise unter Segeln war ein Lehrstück in Sachen Menschlichkeit!“ 

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Michael Kunst

Näheres zu miku findest Du hier

2 Kommentare zu „Abenteuer: Mit der Segelkiste durch die Gobi – 300 wüste Kilometer“

  1. avatar pl_johaa sagt:

    Die Mongolei war eine Sowjetrepublik? Sicher?

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