Abenteuer: Auf den Spuren des Vaters – Marie Tabarly (fast) zur Weltumseglung gestartet

„Nur Marie – nicht Marie Tabarly!“

Marie Tabarly, Elemen' Terre

Marie vor dem Eingang des Museums, das den Namen ihres Vaters trägt © miku

Sie war Papas Liebling und hatte mit seinem Tod am meisten zu kämpfen. Doch als 33-Jährige hat Marie, die Tochter von Eric Tabarly, ihre Liebe zur See wiedergefunden. Eindrücke eines Abschieds.

Als kleines Mädchen saß sie staunend am Tisch neben ihrem Vater, wenn der mal wieder eine große Runde treuer Kumpel und allerbester Freunde zu ausgiebigen Gelagen eingeladen hatte. Dann erzählten „Seebären“ wie Olivier de Kersauzon, Florence Arthaud oder Offiziere der Marine, Kapitäne von Handelsschiffen, Maler, Fotografen und Schriftsteller von ihren Abenteuern auf den Ozeanen, ihren Siegen bei legendären Regatten und den Heldentaten bei Stürmen und Havarien.

Marie Tabarly hörte mit großen Augen zu, wie sich ihre Mutter auch heute – zwei Jahrzehnte später – immer wieder gerne erinnert. Sie sei ganz verrückt gewesen nach all’ diesen Abenteuern, konnte es kaum erwarten, selbst zur See zu fahren um vielleicht sogar in die Fußstapfen ihres großen Vaters Eric, dieses Helden der französischen Nation, zu treten. 

Doch dann holte sich einige Jahre später die See ihren Vater für immer. Und für die damals 13-jährige Marie brach die härteste Zeit ihres Lebens an. Der von allen vergötterte Eric Tabarly war 1998 bei einem Manöver in der Irischen See über Bord gegangen und wurde nicht mehr lebend gefunden (SR-Bericht). Alles lag für die Jugendliche in Scherben. Auch die Liebe zur See geriet in Vergessenheit.

Sie habe es am schwersten von allen gehabt, erinnert sich ihre Mutter noch heute. Für sie war der Verlust ihres Vaters der Verlust einer ganzen Welt. 

Von der See zu den Pferden

Doch das Leben ging weiter, musste weitergehen. Dafür sorgten schon Mutter, die ältere Schwester und die engsten Freunde, die weiterhin zur Familie und zum Erbe von Eric Tabarly standen. Alle gemeinsam brachten sie ihren jungen Schützling auf einen „neuen“ Weg.  Auch aus therapeutischen Gründen widmete sich Marie Tabarly fortan mit großer Leidenschaft Pferden und lebte ansonsten ein möglichst normales Teenagerleben. Sie machte ihre Passion für die Tiere schließlich zum Beruf und wurde eine erfolgreiche Pferde-Verhaltensforscherin.

Doch ausgerechnet in der Zeit, in der sie ihrem Vater am Fernsten war, kam sie ihm wieder näher. Sie erzählt heute von langen Gesprächen, die sie mit seinem Geist geführt und von Versprechen, die sie ihm und seinen Schiffen gegeben habe. „Es ist erst ein paar Jahre her, als meine Liebe zur See wieder aufblühte.“ Die heute 33-Jährige spricht ihre Sätze mit der manchmal etwas blumig wirkenden, poetischen Aussagekraft einer Bretonin, deren augenscheinliche Wurzeln allerdings auf der Karibikinsel Martinique liegen. 

„Meine Mutter hat mir sehr dabei geholfen, mich behutsam wieder zum Lebensinhalt meines Vaters zurück zu führen: die See und die Boote, mit denen er sie befuhr.
Jacqueline und die engsten Freunde ihres Mannes Eric gründeten mehrere Stiftungen und kleine , ehrenamtliche Gruppierungen, mit denen die Boote unter diversen Führungen restauriert und bis heute durch intensives Segeln am Leben gehalten wurden. 

„Irgendwann stand ich auf der Ketsch Pen Duick VI, dem letzten Boot meines Vaters und gab beiden mein Versprechen, dass ich sie um die Welt segeln werde.“  Vor vier oder fünf Jahren war das und sie sei bereits tief wieder in der Segelwelt verankert gewesen. Mittlerweile hatte sie ein erfolgreiches Buch über ihren Vater geschrieben und war in den französischen Talk-Shows auch als selbstbewusste Frau mit durchaus radikalen und spannenden Ansichten zum Thema Natur- und Umweltschutz ein gern gesehener Gast. 

Liebe zur Natur und somit zur See

Vor drei Jahren gründete sie schließlich Elemen’ Terre, eine kleine Gesellschaft, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, unter ökologischen und naturwissenschaftlichen, vor allem aber humanistischen Aspekten, die Welt zu bereisen. Dies soll – logisch – auf Pen Duick VI geschehen.

Zwei, vielleicht drei Jahre soll die Reise dauern, und auf den einzelnen Etappen sollen an Bord jeweils wechselnde Künstler, Denker, Forscher, Akrobaten wie auch Musiker dabei sein. Und jeder Mitreisende soll während des Törns und später am Zielort auf seine Art Erlebnisse und Erfahrungen zum Besten geben. „Wer zur See fährt, kommt sich selbst näher,“ hat Eric Tabarly einmal gesagt.

Marie Tabarly, Elemen' Terre

Alle Plünnen gesetzt und los geht’s ? © miku

Und Marie Tabarly ergänzt: „Doch wer gemeinsam mit anderen zu den entlegensten Orten auf dieser Welt segelt, der hat die faszinierende Möglichkeit, auf Unbekanntes offen zuzugehen..“ Sie wolle mit Elemen’ Terre (ein typisch französisches Wortspiel: Das „Element Erde“, klingt ausgesprochen wie „elementar“) den Menschen, denen sie begegnen wird, eine Nachricht der Hoffnung zuflüstern. 

Erstmal ablegen 

Gestern Abend legte die Pen Duick VI vom Hafen „La Base“ in Lorient ab und brach hochoffiziell zu einem Törn nach Grönland auf, der ersten Etappe ihrer Weltumseglung mit Elemen’ Terre. 

Zuvor gab es – wie bei allen Gelegenheiten hier in Lorient, die mit dem Namen Tabarly verbunden sind – ein großzügiges Verabschiedungsfest. Es wurde reichlich auf Kosten von Element Terre (und dem Hauptsponsor Banque Populaire) gefuttert und gebechert. Einige der Akrobaten, die auf der ersten Etappe an Bord der Ketsch sein werden, zeigten ihre Slackline-Show vor dem berühmten Museum der „Cité de la Voile“, das den Namen Eric Tabarly trägt. Und mittendrin – kreolisch gelassen, höchst entspannt – Marie Tabarly.

Ihre lässige Ansprache von Bord der „Pen Duick VI“ kurz vor dem Ablegen wurde von Hunderten Fans begeistert aufgenommen. Es war viel die Rede von der langen Vorbereitungszeit, es wurde vielen namentlich gedankt und reichlich gelacht. Irgendwann drehte sich Marie dann nach vorne, Richtung Bug und sprach ein paar Sätze mit ihrem Schiff und ihrem Vater: Sie habe nun ihr Versprechen gehalten und starte zur Weltumseglung – nun solle „er“ sie alle beschützen. Zum Abschluss ihrer Rede dann ein erstaunlicher Satz: „Elemen’ Terre ist das Projekt von Marie, nicht von Eric Tabarlys Tochter!“ Der Applaus von Mutter Jacqueline tönte danach am lautesten. 

Nach dem Ablegen begleiteten ein paar Presse- und TV-Boote die Yacht, sie setzte medial alle Segel am Wind und fuhr dann hinaus Richtung Horizont. Kurz darauf drehten die Beiboote ab, um nach Hause zu glitschen. 

Zwei Stunden später legte die Pen Duick VI und ihre kurz zuvor zum langen Törn verabschiedete Crew wieder heimlich, still und leise am Tabarly-Steg in Lorient an. 

Das Datum einer offiziellen Abfahrt für die Medien festzulegen ist das Eine – ein Schiff wie die Pen Duick VI auf dieses Datum genau fertig zu haben, das Andere. Es dürfte jedenfalls noch einige Tage dauern, bis Marie und ihre Crew wirklich gen Norden segeln werden. 

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Michael Kunst

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