Abenteuer: Vor 60 Jahren begann James Wharran seine legendäre Katamaran-Transat – er war nicht allein

Zwei Girls, ein Gentleman

Ohne „seine“ Frauen hätte er den Törn nicht überlebt: Ruth navigierte, Jutta kochte, steuerte und James war häufig seekrank. Doch die Reise bewies die Seetüchtigkeit des kurzen „Doppel-Kanu-Designs“.

Am 27. September 1955 segelte ein seltsames Boot aus dem Hafen von Falmouth. Das selbst gebaute „polynesische Doppelkanu“ des James Wharran hatte zuvor wochenlang die Gemüter der Anwohner erregt, sogar „das Fernsehen“ und die lokale und überregionale Presse berichteten. Fischer und Seefahrer, die zu dem seltsamen Boot befragt wurden, äußerten sich allesamt abschätzig: „Damit über den Atlantik? Der macht Kleinholz aus der Kiste!“

Doch die vermeintliche Seeuntüchtigkeit war nicht der eigentliche Grund für die mediale Aufregung. Vielmehr war es die Ungeheuerlichkeit, dass ein junger britischer Gentleman mit zwei „deutschen Weibsbildern“ auf so einer Nussschale, sozusagen in Tuchfühlung, wochenlang übers Meer segeln wollte…

Wharrram, 60 Jahre

Jutta, James und Ruth kurz vor ihrer Abfahrt zur Atlantiküberquerung © wharram

Zuvor hatte der junge Bootsbauer James Wharran sich jedoch in Katamarane verliebt. Ihn begeisterte die Tour des Franzosen Eric de Bischop, der 1936-1939 in einem „Doppelkanu“ von Honolulu nach Cannes segelte. Oder die Berichte des alten James Cook, der immer wieder die Seetüchtigkeit der teils riesigen polynesischen Auslegerkanus lobte.

 200 Pfund Baukosten

Doch schon aus finanziellen Gründen wollte sich der Brite nicht mit dem Bau eines königlichen tahitianischen Doppelkanus für 300 Personen, 100 Schweine und einer Tonne Kokosnüsse abgeben, sondern lieber etwas Bodenständiges bauen.

Wharrram, 60 Jahre

James Wharram auf seiner “Tangaroa” © wharram

Nach dem Vorbild der eher kleinen Katamarane, die auf den Gesellschaftsinseln seit Jahrtausenden üblich waren, baute er sich die 23,6 Fuß kurze „Tangaroa“. Baukosten: 200 britische Pfund. Sein Vorhaben: über den Atlantik segeln um zu beweisen, dass auch mit derart kurzen Katamaranen Hochseepassagen zu bewältigen sind. Und um so ganz nebenbei Thor Heyerdahl mit seiner „Kon Tiki”-Theorie zu widersprechen.

Projekt, Boot und nicht zuletzt der attraktive Segler erregten schnell Aufsehen. Doch James hatte längst eine Frau an seiner Seite. Die deutsche Bibliothekarin Ruth Merseburger war von anfang an von James, seinen kruden Ideen und von der Seefahrt begeistert und sollte sich bald schon als hervorragende Navigatorin profilieren.

Wharrram, 60 Jahre

Die 20-jährige Jutta © wharram

Und irgendwann heuerte die damals erst 17-jährige Jutta an, indem sie sich eine Pütz nahm und erstmal das Deck schrubbte.

„Ohne diese beiden Säulen der Stärke wäre ich niemals lebend aus diesem Abenteuer heraus gekommen!“ sagt der mittlerweile weltberühmte Katamaran-Designer James Wharram heute freimütig. „Ohne sie wäre ich gleich in den Anfängen meiner Karriere als Katamaran-Designer gescheitert!“

 Die Damen ruderten, James kotzte

Die Drei segelten also los, auf ihrer extrem beengten „Tangaroa“. In der Biskaya erwischte sie ein zweiwöchiger Sturm. Als sie einen Nothafen in Spanien anlaufen wollten – es waren die Damen, die gegen die Tide ruderten, James war leider seekrank – wären sie beinahe auf ein Riff gelaufen.

Später, mitten auf dem Atlantik, brach ihnen ein Ruder, das Bootsmann Wharram nach langen Versuchen dann doch bravourös reparieren konnte. Später leckte das Boot wegen Horlzwürmern, die Segel hielten nicht so lange durch wie versprochen, das Essen wurde ziemlich knapp. Doch die beiden deutschen Frauen „genossen es, das Boot in den Passatwinden, mit wehenden Haaren zu segeln!“ beschrieb James Wharram später. „Sie waren, neben dem Wind, die treibende Kraft auf dem Ozean!“

Wharrram, 60 Jahre

Für das Cover seines Buches wählte James Wharram die vorbildlich gesicherte Ruth als Model © wharram

Nach sechs Wochen erreichten sie Trinidad – Ruth hatte die „Tangaroa“ nach irrsinnigen Zickzack-Fahrten punktgenau ins Ziel navigiert.

Dort baute das Trio gemeinsam mit einigen Einheimischen und wochenlang Seite an Seite mit dem damals schon berühmten Bernard Moitessier über zwei Jahre hinweg einen größeren Katamaran.

Jutta hatte kurz nach ihrer Ankunft auf Trinidad bemerkt, dass sie schwanger war. Sie gebar ihren Sohn Hannes (genannt nach dem berühmten Atlantikruderer Hannes Lindemann, den sie auf den Kanaren kennengelernt hatten) auf der Karibik-Insel.

 Bernard Moitessier half mit

Auf der „Rongo“, dem 12 Meter langen und sechs Meter breiten neuen „Wharram-Katamaran“, segelte das bewährte Trio schließlich die Nordatlantik-Route nach Irland und England. Hannes hatten sie zuvor mit der Großmutter nach Europa geschickt und es war vor allem Jutta, die sich auf dieser Törn-Premiere – zuvor war noch nie ein Katamaran über den Nordatlantik gesegelt – als begnadete Seglerin hervortat. Gleich zu Beginn der Reise fiel ein Sturm über sie her und Jutta gab während der kritischen Phase tage- und nächtelang das Ruder nicht mehr aus der Hand „Sie war eins mit dem Boot,“ erinnerte sich Wharram später. „Sie stand da wie eine Offenbarung und trotzte dem Wetter!“

Nach Ankunft in Europa wurden die Drei wie Helden gefeiert – keiner redete mehr von „anrüchig“, kaum einer, der sich prüde zeigte.

Zwei Jahre später, kurz bevor das Trio zu einer Weltumseglung starten wollten, starb Jutta an einer angeborenen Krankheit. Ruth blieb noch viele Jahre bei James Wharram, der bekanntlich zu einem der bekanntesten Katamaran-Designer unserer Zeit wurde.

Wharrram, 60 Jahre

Auf der deutschen Ausgabe sind dann wiederum beide Seglerinnen ins seeweibliche Handwerk vertieft © wharram/palstek

 “Mein Vermächtnis”

Der 87-Jährige zeichnet auch heute noch seine mittlerweile weltberühmten, hochseetüchtigen Wharram-Katamarane in allen Größen. Seine wahre Liebe sind jedoch die eher kleineren Boote. „Auf denen man nah am Wasser ist, wo Segeln noch Segeln ist!“

Derzeit lässt er die „Mana“ bauen, ein 23,6-Fuß-Katamaran. Sie soll eigentlich im Oktober fertig sein, um die Abfahrt in Falmouth vor 60 Jahren möglichst zeitnah zu feiern. „Mana ist so wunderschön. Der erste, fertig gestellte Rumpf sieht betörend aus. Das ist mein Vermächtnis für all die Träumer von heute. Träumer, wie ich einer vor 60 Jahren war…“

 

Bei „Palstek“ gibt es das Buch „Zwei Girls , zwei Katamarane“ von James Wharram in deutscher Übersetzung (auch als download)

Website „Wharram

Bau der „Mana

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Michael Kunst

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