Augenzeugenbericht: Yacht sinkt in der Nordwestpassage – Erster Rettungsversuch scheitert

„Sie trieben auf der Eisscholle in die Nacht“

Nordwestpassage, Havarie, Schiffbruch, Rettung

Die gesunkene OVNI 345 mit Skipper Saad © sail italia

Die eine Yacht sinkt im Treibeis, die andere eilt zur Hilfe, schafft es aber in gefährlichen Strömungen nicht bis zu den Schiffbrüchigen. Ein Bericht zum Frösteln.

Vor vier Tagen sank die Yacht „Anahita“, eine OVNI 345, in der „Bellotstraße“, einer Meerenge zwischen dem amerikanischen Kontinent und der Insel Somerset im Kanadisch-Arktischen Archipel. Die Aluminium-Yacht war von plötzlich auftretenden Eismassen förmlich erdrückt worden und sank innerhalb weniger Minuten. Die beiden Crewmitglieder (Skipper: Pablo David Saad) konnten sich auf eine Eisscholle retten und wurden später von der Kanadischen Küstenwache abgeborgen. 

Die „Bellotstraße“ gilt als ein Kernstück der Nordwestpassage, wo sich vor allem für Segelyachten häufig entscheidet, ob die Passage eisfrei und somit befahrbar sein wird. Oder ob aufschiebende Eismassen eine Durchfahrt (vorerst?) unmöglich machen. 

Hilfe naht 

Die französische Expeditionsyacht „Atka“, eine 15-Meter Aluminiumyacht, die speziell für arktische Regionen gebaut wurde, befand sich in unmittelbarer Nähe des Unglücks und eilte zu Hilfe. Skipper Francois Bernard, der als besonders Arktis-erfahren gilt und seit mehr als vier Jahren mit seiner Yacht die Regionen rund Grönland und Nordpol befährt, hat einen Augenzeugenbericht veröffentlicht. 

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So war die Unglücksyacht in einer gefährlichen Region an einer Eisscholle festgemacht . Hier: die Expeditionsyacht “Atka” © atka

Auch „Atka“ wartete bereits seit Tagen darauf, dass sich eine Öffnung im Eis der „Belotstraße“ zeigt, um gemeinsam mit etwa einem Dutzend anderer Yachten einen Vorstoß in die Norwestpassage unternehmen können. Bernard wunderte sich schon im Vorfeld des Unglücks über den offensichtlich nicht eisfähigen Zustand einiger Yachten im Umkreis. So schreibt er beispielsweise von einer polnischen 13-Meter-Kunststoffyacht mit acht Personen an Bord, die augenscheinlich in schlechtem Zustand ist. 

Der Bericht von Bord der „Atka“ lässt einen frösteln… 

Unvorsichtig festgemacht

Während meiner Ankerwache hörte ich gegen 21 Uhr einen sehr dringend klingenden „MAYDAY.MAYDAY.MAYDAY.“-Ruf über Funk. Der Notruf kam von einer OVNI-Yacht, die kürzlich in Frankreich von einem argentinischen Paar gekauft worden war. Wir hatten die beiden am Nachmittag zuvor noch gesehen. 

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Eine Begegnung, die es für die Schiffbrüchigen auf ihrer Scholle zu vermeiden galt © atka

Nachdem sie abends ihre Yacht etwas unvorsichtig an einer großen Eisscholle festgemacht hatten, fanden sie sich relativ rasch von anderen Eisplatten und dichtem Packeis eingeschlossen. In dem Gebiet sind die Strömungen besonders stark und wechseln häufig die Richtung. Das Boot wurde durch den enormen Druck der Eisplatten in kürzester Zeit deformiert, der Rumpf vom Eis aufgerissen und die Yacht nahm schnell Wasser auf. 

Das Paar verließ das Schiff und fand sich völlig mittellos auf einer treibenden Eisscholle wieder. Es hatte weder Überlebensanzüge noch ein Gewehr zur Abwehr von Eisbären an Bord oder nun auf der Scholle. 

Rettungsinsel auf Eisscholle

Wir machten uns sofort auf den Weg, um den beiden zu Hilfe zu eilen und gaben den ganz offensichtlich in Polarregionen unerfahrenen Seglern über Funk noch ein paar Tipps: Schlagt die Rettungsinsel auf der Scholle auf. Sie kann als Zelt aber auch als Boot dienen, falls die Scholle kentert. Nehmt Schlafsäcke von Bord und denkt an Nahrungsmittel. 

In der Nacht konnten wir uns den beiden bis auf eine Seemeile Entfernung nähern, aber es war uns unmöglich, bis zu ihnen zu gelangen, um sie an Bord zu nehmen. Wir mussten außerhalb der Reichweite der nun besonders stark auftretenden Strömung bleiben, die mit einer Geschwindigkeit von acht Knoten eine enorme Menge kompaktes Eis und Eisbrocken mit sich führte. 

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Die “Atka” in hohen Breiten © atka

Wir hielten weiter Funkkontakt mit den Schiffbrüchigen, um sie moralisch aufzurichten, mit der Küstenwache an Land und schließlich mit dem Kapitän eines kleinen Schleppers. Dessen Motor könnte eventuell stark genug sein, um die Strecke zu den Schiffbrüchigen zu bewältigen, ohne von der Strömung und dem Eis mitgerissen zu werden. 

Wir blieben ca. 1,5 Stunden in der Zone und sahen die Eisbrocken mit einer Geschwindigkeit von ca vier Knoten an uns vorbei ziehen. Doch dann begann das Eis sich gefährlich um uns herum aufzustauen. Wir riskierten, dass unsere Position zur Falle wird. Wir schoben die Eisplatten zunächst etwas zur Seite, rutschten über eine Platte hinweg, die unseren Kiel anhob und fanden schließlich einen schmalen Ausweg, über den wir aus der Gefahrenzone heraus kamen. 

Sogar der Schlepper kommt nicht durch

Auch der mittlerweile nahende Schlepper konnte sich, trotz seines starken Motors, nicht durch die Eismassen wagen und drehte kurz nach uns um. 

Die Eisplatte, auf der sich die beiden argentinischen Schiffbrüchigen befanden, verschwand in dem ganzen Eischaos mit der Strömung irgendwo in der Bellot-Straße. 

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Die “Atka” dient unterschiedlichen Forschungsinstituten als Expeditionsschiff, macht aber aber auch Charter-Törns mit Künstlern und Abenteurern © atka

Als wir die Küstenwache informierten, dass die Schiffbrüchigen nicht gerettet werden konnten, löste man sofort eine Luftrettungsmaßnahme aus. Am späten Vormittag hörten wir im Nebel den Motor des Hubschraubers, der die beiden auf ihrer Eisscholle ausfindig gemacht hatte und die Abenteurer wohlbehalten abbarg. Ihr Boot lag zu diesem Zeitpunkt wohl schon auf dem Meeresgrund. Was muss den beiden die Nacht lang vorgekommen sein… 

Da dieses Abenteuer für uns nur nachts stattfand, konnten wir keine Bilder machen. 

Die Natur ist in diesen Regionen extrem anspruchsvoll – diese Episode sollte uns alle daran erinnern, dass immer größte Vorsicht geboten ist. 

Website „Atka“

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Michael Kunst

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