Abenteuer: Yvan Bourgnon in Alaska gestartet – Mit dem Strandkat durch die Nordwestpassage

„Schiss vor Eisbären“

Bourgnon, Nordwestpassage

Yvan Bourgnon beim “Sit-in” © bourgnon

Erste Wale hat er schon gesichtet, von Packeis-Growlern blieb er bisher verschont und Eisbären kreuzten noch nicht seine Route. Doch Bourgnon weiß: „Ich darf mir keine Fehler erlauben!“ 

Nein, wir werden jetzt hier nicht aufzählen, was dieser „Gladiator der Meere“ (Titel seines letzten Buches) schon alles erlebt hat. Denn das würde nur unseren Rahmen sprengen, weil wirklich alles, was irgendwie mit Segeln und Abenteuern in Zusammenhang gebracht werden kann, auf dieser Liste stehen würde.

Schon allein die letzten wilden Törn, Visionen und Träume geben ja genug Einblick: Weltumseglung einhand im offenen Strandkat (2013 – 2015: 20 Monate, 20 Etappen, 53.000 km), Start eines Projektes zum Bau eines riesigen Müllsammelkatamarans und jetzt, ganz frisch im Angebot: Einhand-Durchquerung der Nordwestpassage von West nach Ost

Zu dieser „Expedition“ ist der 46-jährige Schweizer vor wenigen Tagen gestartet. Selbstverständlich wieder auf seiner „Loulotte“, wie er den offenen Strandkatamaran mit dem modifizierten Ausreit-Auslegern fast schon zärtlich nennt, mit dem er zuvor schon die Erde umrundete. Änderungen sind an „Loulotte“ für das neue Abenteuer nur wenige vorgenommen worden, nicht zuletzt, weil Bourgnon in Bezug auf lauernde Gefahren fatalistisch denkt. „Wenn ich gegen Treibeis krache ist es nur zweitrangig wichtig, ob die Rümpfe ein paar Millimeter dicker oder dünner sind. ‚Kaputt‘ ist dann mal richtig kaputt!“ 

Zwei große Gefahren

Bourgnon will die Durchquerung der legendären Passage in der (für Europäer eher ungewöhnlichen) West-Ost-Richtung schaffen. Start war in Nome, Alaska, und die mehr als 8.000 km lange Route wird den Abenteurer durch die Beaufort-See, den arktischen Ozean, die Buffin Bay bis nach Nuuk auf der westlichen Seite Grönlands führen.

In der Nacht von Samstag auf Sonntag überquerte er zum ersten Mal während dieser Reise den Polarkreis und gelangte so in die „wirklich schwierige Phase“, wie Bourgnon das auf seiner Facebook-Seite bezeichnet. „Dort, wo es wirklich brenzlig wird!“ 

Bourgnon, Nordwestpassage

Der coole Bourgnon in kühlen Gewässern © bourgnon

Zwei große Gefahren sieht Bourgnon für sich und seine „kampferprobte Loulotte“. Da wären zum Einen treibende Eisschollen oder sogar Eisberge, mit denen er kollidieren könnte. Seine einzige „Waffe“ gegen diese Gefahr: Höchste Aufmerksamkeit! „Und ein Schlafmanagement wie ein Figaro-Segler,“ sagte er kürzlich in einem Interview mit französischen TV-Sendern.

„Ich schlafe nie länger als 15-20 Minuten. Und wenn der Wind so stark weht, dass ich bei meinem ‚Napping‘ zu schnell und zu weit segeln würde, dann nehme ich vorher etwas Speed raus, indem ich reffe.“ Zudem seien die eisfreien Zonen auf seiner Route größtenteils tatsächlich eisfrei; also nicht nur in Rinnen befahrbar, sondern auch mit weit ausholenden Schlägen besegelbar, ohne dass man In treibenden Eisfeldern Gefahr läuft, stecken zu bleiben. 

Zwar musste Bourgnon seinen Start schon um mehr als drei Wochen verschieben, weil sich das Eis mitten in der Nordwestpassage deutlich langsamer zurückzog, als prognostiziert. Dafür segelt Bourgnon derzeit in einer Art Kaiserwetter: Eher leichte Winde zwischen acht und 15 Knoten, wenig aufgewühlte See, viel Sonnenschein. Nur ein Mal sei eine Regenfront durchgezogen: Acht Stunden harter Regen: “Wie in den Tropen, nur saukalt“ nölte er ein wenig während seiner regelmäßigen Berichte via Satellitentelefon. 

Die zweite Gefahr, von der Bourgnon immer wieder spricht, hat nur sekundär mit der Segelei zu tun. „Ich habe echten Schiss vor den Eisbären,“ schreibt er auf seiner Facebook-Seite. Die zweitgrößten Landraubtiere unseres Globus sind derzeit notorisch unterernährt, weil die Klimaerwärmung fatale Folgen für die Ernährung des Eisbären hat. Eisbären jagen hauptsächlich von Eisschollen aus nach Robben. Kommt das Packeis jedoch erst spät zurück und verschwindet wieder früher, fehlen den Bären wichtige „Fettreservenwochen“. 

Bourgnon, Nordwestpassage

An Action dürfte es auch diesmal nicht mangeln. Worauf Bourgnon jedoch verzichten möchte, ist die Begegnung mit Eisbären © bourgnon

„Stell Dir vor, zu was so ein Eisbär fähig ist, wenn er mal so richtig Kohldampf schiebt“, machte Bourgnon in einem Gespräch mit seinem alten Kumpel Joyon deutlich, als er ihm zu seiner Solo-Atlantik-Rekordfahrt letzte Woche gratulierte. „Die Viecher können fünf Knoten schnell schwimmen. Wenn Du dann mit drei Knoten über das Meer treibst, können sie durchaus auf die Idee kommen, sich einen Happen vom offenen Strandkat zu holen!“ 

Um sich zumindest vor dem Allerschlimmsten zu schützen, führt Bourgnon diesmal auch ein Gewehr mit sich. „Gott weiß, dass ich nun wirklich kein Jägertyp bin. Aber ein wenig Vorsicht hat noch nie geschadet!“ 

Das Eis schwindet – gut oder schlecht?

Entsprechend versucht der Segelabenteurer für seine Schlafphasen so weit wie möglich von jeglichem Packeis, vor allem aber vom Land entfernt zu segeln. Damit keiner dieser Predatoren auf falsche Gedanken kommt. 

Doch bisher gab es noch keine besorgniserregenden Begegnungen. Bourgnon berichtete von ersten Wal-Sichtungen in weiter Ferne, erfreut sich mit erfolgreicher Angelei am Fischreichtum der arktischen See und stellt erstaunt fest, dass die Sonne zwar nicht untergeht und knapp über dem Horizont hängen bleibt, das Licht aber doch über Nacht deutlich schwindet. „Nachts wird es dann kalt, häufig um die Null Grad“, schreibt Bourgnon weiter. „Obwohl die Sonne weiter scheint“. Das von der Weltumseglung übernommene Ritual der zweimaligen Körperwäsche pro Tag kürzte Bourgnon dann auch gleich um fünfzig Prozent. 

Bourgnon, Nordwestpassage

Die Route © bourgnon

Nur ein kleiner Teil seiner Reise ist bisher geschafft. Noch sei die kritische Stelle mitten in der Passage noch nicht völlig eisfrei, berichtete ihm seine Shore-Crew. Doch das Eis schwinde zusehend – der Weg durch die Passage dürfte also rechtzeitig vor Ankunft des Abenteurers frei werden. Bourgnon: „Die Landschaften hier sind umwerfend. Für Naturliebhaber wie mich gibt es nichts Faszinierenderes! Ich habe ein enormes Glück, dass ich hier sein darf. Dennoch, dass ein Befahren der Nordwestpassage überhaupt möglich ist, liegt eindeutig an der von Menschen provozierten Klimaerwärmung. Und neue Abenteuer hin oder her: Gegen die Klimaerwärmung müssen wir alles nur Mögliche tun!“

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Michael Kunst

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