„Aegean“ Unglück: US-Küstenwache klärt geheimnisvollen Untergang auf

Nachts unter Motor, ohne Ausguck – vier Tote!

Kurz nach dem Start zum Ensenada-Race © Ensenada-race-orga

Kurznach dem Start zum Ensenada-Race © Ensenada-race-orga

Es ist eine dieser Geschichten, „die das Leben schreibt“. Sie ist insgesamt tragisch, in ihrem Verlauf sogar dramatisch und letztendlich von einem eigentlich lapidaren Leichtsinn geprägt, einem Leichtsinn, der den meisten von uns (Hand aufs Herz) nicht ganz unbekannt sein dürfte und vielleicht sogar als Nachlässigkeit durchgeht.  Vorausgesetzt, es geht alles gut…

Über den Untergang der Hunter 376 „Aegean“ während der 113sm-Langstreckenregatta von Newport (Orange County USA) nach Ensenanda/Mexiko im April wurde über die letzten Monate hinweg heftig diskutiert.

Kaum jemand wollte glauben, dass es beim Tod der vier Crew-Mitglieder „mit rechten Dinge“ zugegangen sei. Skipper und zwei weitere Crew-Mitglieder galten als sehr erfahrene Segler, nahmen bereits zum vierten Mal an der Cruising-Regatta mit einer Art Yardstickvergütung teil, hatten in ihrer Kategorie sogar bereits 2 x gewonnen. Zum angenommenen Unfallszeitpunkt war es dunkel, aber sternenklar – es herrschte bleierne Flaute.

Tanker, Wal, Drogenkartelle?

„Kaffeefahrt“ wird sowas an den Tresen der Hafenkneipen genannt, und entsprechend wild kursierten die Gerüchte über den tatsächlichen Ablauf des „Aegean“-Untergangs: Das Schiff müsse von einem Frachter, Tanker oder gar einem der häufig dort patrouillierenden Grenzschutzschiffe gerammt worden sein, ein Wal haben seinen Frust an der Hunter abgelassen, ja sogar die Bandenkriege der mexikanischen Drogenkartelle spielten bei den Mutmaßungen ihre Rolle.

Taucher mit einem Wrackteil der "Aegean" vor der mexikanischen Küste. © Rusell Moore

Taucher mit einem Wrackteil der “Aegean” vor der mexikanischen Küste. © Rusell Moore

Als schließlich aufgrund einer privaten Intitiative Taucher vor dem Coronado-Felseneiland die Reste der „Aegean“ auf Tiefe fanden (die Küstenwache hatte bis dahin nur treibende Wrackteile und die Leichen der Crew gefunden),  wurde zumindest die Möglichkeit eines Auflaufens in Betracht gezogen.

Mit dem veröffentlichten Bericht der US-Coast-Guard wurde diese These nun gestützt und der Unfallhergang relativ genau rekonstruiert:

• Die „Aegean“ lief nachts zum Zeitpunkt des Unglücks unter Motor mit voller Fahrt voraus unter Autopilot. (Dies ist bei dem Regatta-Klassiker erlaubt und bei Flaute usus, die Zeit unter Motor wird später in die Vergütungsformel einberechnet). Der Autopilot wird in solchen Fällen gerne genutzt, weil er eine tatsächlich gerade Linie steuert.

• Das Schiff war zudem mit einem SPOT-Connect-System ausgestattet, das es der Regattaleitung und Freunden an Land erlaubt, den Fortgang während der Regatta zu verfolgen.

• Die Yacht hatte einen GPS-Punkt, den der Navigator einige sm vor Coronado-Island gesetzt hatte, um dort wahrscheinlich über die weitere Route zu entscheiden, seit mehr als 20 Minuten unbemerkt passiert.

Muscheln in Wrackteilen © US-Coast-Guard

Muscheln in Wrackteilen © US-Coast-Guard

• Die „Aegean“ lief ungebremst auf die Felsen von Coronada-Island auf, zerbarst, und mehrere große Wrackteile trieben noch einige Zeit im (strömungsreichen) Wasser, bevor sie auf Tiefe gingen. In einem Wrackteil aus dem Bugbereich wurden eingeklemmte Muscheln gefunden, die an den Felsen leben.

• Alle vier Crewmitglieder befanden sich zum Zeitpunkt des Unglücks unter Deck. William Reed Johnson Jr. (57), Joseph Lester Stewart (64),  Kevin Rudolph (53) und Theo Mavromatis (49) erlitten beim Aufprall schwerste Kopf- Brustkorb und Rückgratverletzungen, an denen sie entweder sofort starben (3 Personen) bzw. im bewusstlosen Zustand ertranken (1 Person).

• Bei keinem der Männer konnte Kohlenmonoxid im Blut nachgewiesen werden, was auf eine Vergiftung und somit vorherige Bewusstlosigkeit schließen lassen könnte. Ebenso wurde kein Alkohol oder THC nachgewiesen.

Nur mal eben schnell nach unten?

Mit hoher Wahrscheinlichkeit wurden die vier Opfer einer banalen, aber umso dramatischeren Fahrlässigkeit der Rudergängers: Drei Personen waren sowieso unter Deck, um sich auszuruhen, einen Kaffee zu kochen oder was auch immer. Keiner war sich bewusst, dass sie in einer „No-go-Zone“ waren.

Felsen von Coronada-Island. Mit Wrackteil (blau) © US-Coast-Guard

Felsen von Coronada-Island. Mit Wrackteil (blau) © US-Coast-Guard

Der Rudergänger muss ausgesprochen lässig seinen Job gemacht und bei voller Fahrt auf dem spiegelglatten Wasser eher seitlich und nicht nach vorne geblickt haben. Murphys Law: Das „auftauchende“ Felseneiland lag genau hinter dem Bug und war vom (sitzenden, liegenden?) Rudergänger aus nur schlecht erkennbar.

Nach Schätzungen der Küstenwache hätte man (stehend, Blick voraus) in der sternenklaren Nacht bei 42% Halbmond die Insel ungefähr 5 – 7 Minuten vor Aufprall erkennen müssen.

Dann muss auch der Rudergänger nach unten gegangen sein, vielleicht um die Navigation zu überprüfen, vielleicht begann er zu zweifeln, oder erinnerte er sich an den GPS-Wegepunkt, der so langsam mal „auftauchen“ müsste.

Karte vom Unfallort © US-State-Department

Karte vom Unfallort © US-State-Department

Oder er wollte einfach nur einen Kaffee mit den Jungs trinken. Er verließ ja nur für ein paar Augenblicke seinen Posten, wer nimmt dafür schon die Fahrt aus dem Schiff…?

 

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Michael Kunst

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5 Kommentare zu „„Aegean“ Unglück: US-Küstenwache klärt geheimnisvollen Untergang auf“

  1. avatar Friedrich sagt:

    Tödliche Verletzungen beim Aufprall? Wie schnell sind die denn gefahren unter Motor?? Oder stand da eine Monster Brandung? Das klingt ja eher nach Flugzeugabsturz als nach Bootsunfall. Merkwürdig. Man soll eben bei Regatten nicht motoren…

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  2. avatar Heini sagt:

    Zitat: “letztendlich von einem eigentlich lapidaren Leichtsinn geprägt, einem Leichtsinn, der den meisten von uns (Hand aufs Herz) nicht ganz unbekannt sein dürfte ”

    Lieber Michael, wenn Du dir diesen Schuh anziehen willst, bitte schön.
    Bei Nacht unter voller Fahrt in Landnähe keinen Ausguck zu gehen (kein Radar?) und einfach mal so gegen die Küste zu brettern, und das trotz mehrköpfiger Crew, das ist schon ultra dämlich.
    So ein Leichtsinn (auch mit Hand aufs Herz) ist mir unbekannt.

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 16 Daumen runter 9

  3. avatar Jojakim Balzer sagt:

    Diesen Artikel sollten die Segelschulen den Segelaspiranten zur Kenntnis geben.

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  4. avatar Hermann Engl sagt:

    Sorry, da kann ich dem Heini nur zustimmen. Leichtsinn ist was anderes. Übermüdung? Mangelnde Info für den Rudergänger?

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