Alternative Segelkonzepte: Schweizer Boatsharing „Sailbox“ funktioniert bestens

Hat die Zukunft längst begonnen?

sailbox, boat sharing

mOcean auf dem Thunersee © sailbox

SR: Was aber wiederum sehr hohe Anforderungen an den Bootstyp stellt. Denn um den Geschmack einer sehr breiten Zielgruppe zu treffen, müssen doch X Kompromisse eingegangen werden.

OL: Darum haben wir uns ja auch dazu entschlossen, einen eigenen, speziell dafür geeigneten Schiffstyp in Auftrag zu geben, die „mOcean“.  Wir haben bei unseren Kundengruppen Umfragen gemacht um zu erfahren, welche Eigenschaften ein Idealboot haben müsste. Ergebnis: sportlich zu segeln bereits bei wenig Wind und dennoch mit hoher Stabilität, hoher Sicherheit und einfach zu bedienen, möglichst mit Trapez, mit Gennaker sowie Spinnaker, jedoch ohne Kajüte. Von unserer Seite kam noch Haltbarkeit, E-Motor, integrierter Schaumstoff-Rammschutz im Bug und die Anforderung hinzu, dass man das Boot in 7 Minuten segelfertig machen und in 7 Minuten wieder verräumen kann.

Eine weitere Besonderheit liegt in einem speziellen Schweizer Problem begründet: die maximale Breite der Liegeplätze ist hier oft auf 2,20 m beschränkt, der Tiefgang sollte nicht mehr als 1,60 m betragen und das Schiff sollte für 8 Personen zugelassen sein, damit es auch für Ausbildung und Events sinnvoll einzusetzen ist.

Vor allem muss das Schiff jedoch robust sein und Spass machen, weil es ja von Seglern mit sehr unterschiedlichem Leistungsniveau gesegelt wird.

SR: In dieser Kombi gibt es wohl wirklich nur sehr, sehr wenig auf dem Markt…

Sailbox, Boat Sharing

Gesegelt wird bei Wind und Wetter; es gibt spezielle Gennaker-Kurse, die dazu berechtigen, den “Lappen” zu fahren © sailbox

OL: Deshalb wollten wir  wirklich schon fast aufgeben. Doch dann kam Sebastian Schmidt, ein bekannter Schweizer Bootskonstrukteur, auf uns zu und zeichnete uns die „mOcean“. Wir ließen einen Prototyp bauen… und damit hat dann Segeln in jeder Hinsicht richtig Spaß gemacht. Mittlerweile wird das Schiff als Einheitsklasse am Bodensee in Deutschland gebaut. 21 mOcean’s sind übrigens derzeit schon im Wasser, acht bei Clubs und Segelschulen, 13 fürs Sharing, vier weitere stehen fast fertig in der Werft

SR: Hört sich nach Erfolg an – doch wie klappt denn nun das „Sharing“, Eure eigentliche Kernaufgabe?

OL: Wir haben uns zu Beginn natürlich viele Sorgen darüber gemacht, in welchem Zustand  wohl die Yachten wieder zurückgegeben würden. Doch das hat sich als unbegründet erwiesen. – Unsere Mitglieder gehen mit Schiff und System in der Regel sehr behutsam um. Bisher haben wir nur einen einzigen Fall von „Schwarzsegeln“ in unserem System erlebt und nur wenige Defekte, die nicht gemeldet wurden.

Im Prinzip basiert bei uns alles auf Transparenz. Jeder, der einen Schaden – etwa am Gennaker – verursacht, muss diesen melden und dafür finanziell gerade stehen. Meldet man sich nicht und der Nachfolger stellt einen Schaden fest, verrechnen wir vereinbarungsgemäß eine Strafgebühr. Aber das hat es fast noch nie gegeben.

SR: Wie ist denn die Akzeptanz des Sharing-Prinzips im Schweizer Segelsport?

OL: Gut und mit wachsendem Angebot zunehmend besser. Der Schweizer Segelverband Swiss Sailing ist an Sailbox beteiligt und will auf diese Weise vielen den Zugang aufs Wasser  ermöglichen. Unsere Mitglieder geben uns rundum positives Feedback. Die Yachten bewähren sich – obwohl sie bis zu 280 mal pro Jahr ausgesegelt werden! Vor allem die Aufteilung der Boote auf unterschiedliche Seen wird sehr gut bewertet – unsere Mitglieder können so auf einem ihnen vertrauten Bootstypus auf unterschiedlichen Gewässern segeln, ohne Transport, Ein- und Auswassern. Das spart Zeit, Geld und… Nerven! Etwas weniger begeistert sind verständlicherweise Bootsklassen etwa gleicher Größe, die in uns eine Art Konkurrenz sehen.

SR: Wieviele Mitglieder habt ihr denn in der Sharing-Struktur?

OL: Heute wurden es gerade 470 Mitglieder, die übrigens alle ohne jegliche Werbemaßnahmen auf uns aufmerksam wurden. Auf den Herbst und 2014 müssen wir zusätzliche mOcean’s bereitstellen. Es soll ja schließlich jeder segeln können, wann er es möchte… das Verhältnis Anzahl Mitglieder/Yachten muss stimmen. Speziell in Zürich haben wir einen Nachfrage-Überhang.

Boat sharing, sailbox

Beim Bau des mOcean-Prototypen © sailbox

SR: Ab wie vielen Mitgliedern lohnt sich das Ganze dann wirtschaftlich?

OL: Es kommt  nicht auf die schiere Anzahl Mitglieder an, sondern auf die Relation Mitglieder/Yachten. Vom idealen Verhältnis sind wir noch etwas entfernt, aber nur unwesentlich. Für dieses Jahr ist ein „break even“ geplant, der jedoch nicht zu ernst genommen werden darf, da in unserer fünf Personen starken Mitarbeiter-Struktur  alle auch teils erhebliche unentgeltliche Arbeitszeit absolvieren. Unterm Strich kann man aber das Sharing-Konzept jetzt schon als gelungen bezeichnen, selbst wenn wir noch weit von unserem Ziel „60 Sailbox-Yachten auf Schweizer Seen“ entfernt sind.

SR: Merci fürs Gespräch, Olivier, und toi, toi, toi für die nächsten Jahre!

sailbox.ch

In Deutschland gibt es auch ein Start-up, das sich dem Sharing von Segelyachten widmet. bootschaft.net ist ein Internet basiertes Buchungssystem, bei dem ein Eigner sein Segelboot shared oder Mitsegelmöglichkeiten anbietet. SR berichtete davon.

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Michael Kunst

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15 Kommentare zu „Alternative Segelkonzepte: Schweizer Boatsharing „Sailbox“ funktioniert bestens“

  1. avatar Klaus sagt:

    Ich bin da schon mal mitgesegelt. Ist nett und schön. Interessantes Boot. Und am Züri See macht das schon Sinn.

    Ich bin selber Vorsitzender eines Segelvereines. Die Leute rennen uns die Bude ein. Da scheinen wir ja was Richtig gemacht zu haben. Soweit ich informiert sieht es bei den entsprechenden Clubs nicht anders aus.

    Wer sich bemüht, ein klares Profil hat, was bietet, der bekommt auch neue Mitglieder. Natürlich geht es auch den Vereinen gut die reine Parkraumbewirtschaftung bieten. Aber wer nix bietet, der kriegt auch nix

    Und Konkurrenz belebt das Geschäft. Und Menschen die nur ein wenig Segeln konsumieren wollen, die sollen gerne da hin gehen. Die wollen wir nicht haben in unseren Reihen.

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  2. avatar Andreas Ju sagt:

    Finde ich bombig. Gäbe es sowas in Kiel, wäre ich direkt dabei!

    Heisse Debatte. Was meinst du? Daumen hoch 5 Daumen runter 5

  3. avatar andreas borrink sagt:

    Ein interessantes, weil zeitgemäßes Konzept, finde ich:

    Bei uns im Yachthafen liegen hunderte Boote die im Schnitt, wenn es hoch kommt, an vielleicht 20-30 Tagen pro Saison genutzt werden. Wenn man mal von einer mittleren Saisondauer von 150 Tagen ausgeht, sind das bestenfalls 20% Nutzungsgrad, entspricht 80% tristem Bootsdasein als Ententoilette.

    Bei einem 12m Schiff kommen im Jahr – ohne sich was vor zu machen – mit Wertverlust, Wartung, Schäden, Versicherung, Lager etc. schnell hohe vierstellige Beträge zusammen. Ein stolzer Preis nur für das “Myboatismycastle” Feeling.

    Nur steht leider vielen ihre ur-deutsche Eignermentalität im Weg. Immer nach dem Motto: “Mein Haus, mein Auto, meine Yacht!” – am Ende denken die anderen noch, ich könne mir kein eigenes Boot leisten. Was in meinem Fall gar nicht so falsch ist.

    Ich teile Boot, Motorrad, Auto seit Jahren mit mindestens einem Co-Eigner. Das halbiert die Kosten und schränkt die Möglichkeiten bei guter Planung fast nicht ein. Ich würde gern noch einen dritten Teilhaber mit reinnehmen. Aber leider hört man da meistens: “Naja, im Prinzip schon, aber ich hätt’ doch gern was eigenes……”

    Es ist Zeit zum Umdenken, macht ökonomisch und – vielleicht noch wichtiger – ökologisch einfach Sinn!

    PS: biete 1/3 Anteilschaft an 5,5m Tuckerboot, 14 PS Diesel (führerscheinfrei!), Eiche auf Eiche. Ideal für feierabendliche Familienausfahrten. Nur an zuverlässige Partner.

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    • avatar Piet sagt:

      Bei “Spaßgeräten” wäre das für mich auch kein Problem.

      Du teilst auch dein Auto?
      Brauchst du es nicht 5 tage die woche? Ist deine Arbeit gleich um die Ecke?

      Lg. Piet

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    • avatar SR-Fan sagt:

      Mit Sicherheit ne schöne Einstellung. Allerdings hat das mit der Lösung im Artikel nichts zu tun.
      Denn bei einem “Bootsanteil” hast Du ja Verantwortung für das Boot:
      Ein-/Auswintern
      evt. Liegeplatzsuche
      div. “Einzelkosten” die auch mal überraschend höher können (z.B. Motor, Segel)
      evtl. Arbeiten am Boot
      und wenn Du Pech hast ist gerade Dein Kumpel damit unterwegs

      Zudem ist dabei normalerweise einer der “geschnittene”, z.B. weil er mehr arbeitet oder weiter weg wohnt.

      Das ist bei dem Konzept von Sailbox alles nicht der Fall – und das macht es für viel so smart! Zu zahlst nur für das was Du “verbrauchst” und hast darüber hinaus keine Verpflichtungen. Letztlich das gleiche, was manche am ältesten Gewerbe der Welt auch smart finden 😉

      VG

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      • avatar andreas borrink sagt:

        Da hast du recht – aber es geht in die gleiche Richtung.

        Und ja, es stimmt, dass es manchmal zu einem gewissen, nennen wir es mal “Ungleichgewicht” kommt, was den manuellen und finanziellen Einsatz betrifft. Aber unter zivilisierten Menschen läßt sich das immer regeln.

        Ich wäre jedenfalls mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht Harley und MG gefahren, hätte nicht Bull gesegelt, wäre nicht Hangglider geflogen und hätte kein Tuckerboot, wenn das nicht immer alles durch 2 gegangen wäre. Was mich betrifft, ist das ein Erfolgskonzept.

        Den Vergleich mit dem ältesten Gewerbe möchte ich mangels Erfahrung nicht kommentieren…….

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    • avatar Uwe sagt:

      Sicher kann man ein paar Euro sparen, wenn man sein Boot, Auto, etc. teilt.
      Der Nachteil besteht leider darin, dass dadurch die individuelle Freiheit sehr stark eingeschränkt wird.
      Ich zahle lieber ein paar Euro mehr, um den Ärger mit dem nicht zur Verfügung stehenden, beschädigtem oder verschmutzten Boot / Auto zu ersparen.

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  4. avatar Axel sagt:

    Boot-Sharing gibt es in der Schweiz schon viel länger via die Sailcom. Sehr zu empfehlen!

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  5. avatar Skiffi sagt:

    Das Angebot muss aber noch erweitert werden:
    Im Winter sollte man einen alten Bootsrumpf zum Schleifen “sharen” können, damit man über den Winter kommt 🙂

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    • avatar Horst sagt:

      Ich finde es so schade, wenn alles stumpfsinnig nach Kosten-Nutzen-Relation beurteilt wird. Ein Segelboot zu besitzen ist für 70% der Eigner wirtschaftlich gesehen völliger Schwachsinn, mich eingeschlossen. Trotzdem liebe ich mein Boot und würde es für kein Geld der Welt hergeben, auch wenn es seit zwanzig Jahren nur auf dem Trailer stehen würde!!! Es muss zum Glück nicht immer alles ökonomisch sinnvoll sein, was wir machen 🙂

      Für die weniger Bekloppten unter uns scheint dieses Sharing-Model allerdings eine super Sache zu sein!

      Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 6 Daumen runter 0

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