Alternativen: „SolidSails“ will Schiffe grüner machen – Le Cam: „Zurück zu den Wurzeln!“

Akkordeon-Segel an 95m-Palme

SolidSails sind wie eine Ziehharmonika aufgebaut – Paneele, die sich problemlos reffen und bergen lassen. Haben sie das Zukunftspotential für eine „grüne Handelsflotte“? 

Die Franzosen erhalten in Sachen „Umwelt- und Klimaschutz“ nicht immer beste Noten. Zu viele „Altlasten“ und „Erbsünden“ aus dem letzten Jahrhundert schleppt die „Grande Nation“ noch mit sich herum. Doch das Eine muss man ihnen lassen: Sobald es um den Schutz der Meere und Ozeane geht, sind unsere Nachbarn „vorne dabei“. 

Zugegeben, auch bei diesem Engagement muss man – wie übrigens in den meisten anderen Ländern auch – zwischen einem profitorientierten Einsatz von Unternehmen aller Art und der eher selbstlosen Hingabe von Non-Profit-Organisationen, Vereinen und privaten Initiativen unterscheiden. Dennoch kann behauptet werden, dass es in keinen anderen europäischen Ozean-Anrainerstaaten so viele Start-Ups, gestandene Unternehmen und Initiativen zum Wohl der Meere gibt, wie in Frankreich. 

Solid Sail an 95 m- Mast “auf dem Trockenen” © chantiers Atlantique

So sind entlang der französischen Atlantikküste viele größere und kleinere Betriebe zumindest in Teilbereichen schon seit Jahren damit beschäftigt, die vor sich hindämmernde Werftindustrie mit Ideen und Visionen zukunftsweisend zu beleben. Dass dabei neue/alte Technologien mit klimafreundlichem Hintergrund zum Einsatz kommen (sollen), versteht sich von selbst.

Mit dem Wind voran

Womit wir beim Thema „Vortrieb durch Segel“ wären. Seit vor Jahrzehnten erstmals die Öffentlichkeit auf den enormen Dreckausstoß aufmerksam gemacht wurde, den die Handel- und Tourismus-Schifffahrt unserem angeblich so Blauen Planeten zumutet, stehen Reeder und die Schifffbau-Industrie unter einem gewissen, wenn auch nicht immer spürbaren Druck. In den letzten Jahren wurden nun europa- und weltweit strengere Gesetze und Auflagen verabschiedet, welche die Handelsschifffahrt unter ökologischen, aber auch ökonomischen Zugzwang stellen. 

Oberstes Anliegen: Einsatz neuer, umweltverträglicher Antriebsarten in die zukünftigen, weltweit agierenden Handelsflotten. Weg von den ungefilterten Schweröl-Schleudern, hin zu umweltverträglichen Antriebsarten. Entsprechend sind bereits die ersten Hybrid-Kreuzfahrtschiffe (Strom und Gas/Strom und Diesel) in den hintersten, meist naturgeschützten Winkeln unserer Ozeane wie etwa Antarktis und Arktis unterwegs. Aber auch Antriebe mit Gas werden bei Schiffsneubauten geordert und sogar Brennstoffzellen-Motoren vielversprechend erforscht. 

Aber eine Antriebsart ist selbst nach jahrtausendelangem Einsatz auch in den kühnsten Zukunftsvisionen der Handelsschifffahrt nicht mehr wegzudenken: Der Wind! 

Kaum noch Stickoxide, weniger CO2 – schafft man das mit einem Rumpf als Segel?© vindskip

Folgerichtig sind Segel In allen nur technisch irgendwie möglichen Formen derzeit ein echter „Renner“ für eine mehr oder weniger umweltbewusste Schifffahrt. SegelReporter-Leser wissen, dass dies mitunter Auswüchse annehmen kann. Man/frau erinnere sich nur an „Vindskip“, wo der Rumpf des Schiffes als Segel dienen soll. Oder „Oceanbird“ – ein schwedischer Fünfmaster für 7.000 Autos. 

Ob solche Extreme jeweils realisiert werden, sei dahingestellt. Aber sie zeigen dennoch: Das Prinzip „Vortrieb durch Wind im Segel“ ist weiterhin zukunftsträchtig. 

Auch das französische Unternehmen „Chantiers de l’Atlantique“ in St. Nazaire forscht seit mehr als 10 Jahren an unterschiedlichen Möglichkeiten, wie man den uralten Windantrieb auch in der modernen Handelsschifffahrt einsetzen kann. 

Dabei entwickelten sie als Premium-Produkt „Solid Sail“. Diese festen, buchstäblich soliden Segel sollen den Energieverbrauch von Schiffen deutlich senken und ihre Schadstoffemissionen reduzieren. 

Robust und effizient

Wie der Name schon vermuten lässt, handelt es sich bei den „Solid Sails“ um Segel, die besonders robust sind und auch in extremen Wetterverhältnissen noch einsatzbereit bleiben. Solid Sails bestehen aus übereinander befestigten, rechtwinkligen Paneelen, die sich auf Knopfdruck im Akkordeon-Effekt reffen oder bergen lassen. Folgerichtig wurde Solid Sails an ein freistehendes Wing-Riggsystem adaptiert. Der Mast kann sich automatisch um 360° drehen, um computergesteuert jedes Lüftchen im richtigen Winkel zu erwischen. 

So präsentiert sich das Projekt Silensea

Zudem kann das Riggsystem Aeol Drive samt Segel gekippt werden, damit das Schiff auch unter niedrigeren Brücken hindurchfahren kann.

Solid Sail wurde zunächst  im Rahmen des Silenseas-Projekts entwickelt und vorgestellt, um auf Kreuzfahrt-Yachten zwischen 85 und 190 Metern eingesetzt zu werden. Die französische Werft STX France berechnete für sein vor Corona vorgestelltes Segelkreuzfahrt-Projekt Silenseas mit der energiesparenden Unterstützung von Solid Sails ein bereits durchaus überzeugendes Einspar-Potenzial. Ein neues 190 Meter langes, 150-Kabinen-Schiff mit Segeln und einem elektrischem Hybrid-Antrieb soll den Kraftstoffverbrauch um 25 Prozent senken. Es spart damit im Jahr mehr als 2.500 Tonnen herkömmlichen Kraftstoff und senkt die CO2-Emissionen um 7.500 Tonnen.

Wie so viele junge Unternehmen, haben die „Chantiers de l’Atlantique“ allerdings ein Problem mit der Realisierung ihrer Visionen. Denn obwohl die Funktionalität ihrer Solid Sails bereits mehrfach getestet und auch im Alltagsbetrieb für „allerbestens“ befunden wurde, mangelt es den interessierten Werften und Reedern großer Schiffe oft an Anschauungsmaterial und entsprechenden Erfahrungswerten. 

Zwar wurde im Oktober 2020 über 300 qm Solid Sails auf dem 89 Meter langen Dreimaster “Le Ponant” installiert, der 67 Passagiere in 32 Kabinen befördern kann. Das 27 Jahre alte Schiff, das 2008 mit seiner 30-köpfigen Besatzung von somalischen Piraten gekapert worden war, läuft von Marseille aus die Kap Verden an und segelt dann über den Atlantik nach Kuba. Corona-bedingt sind hier die Erfahrungswerte eher bescheiden.

So richtig große Pötte wurden jedoch bisher noch nicht mit Solid Sails bestückt – bei der Kunden-Akquise keine große Hilfe!

Le Cam: Kolumbus war auch ohne Motor unterwegs!

Daran konnte auch die PR-trächtige Test-Aktion des bretonischen Publikumslieblings Jean Le Cam – seines Zeichens Viertplatzierter bei der letzten Vendée Globe – nicht viel ändern. Le Cam testete vor zwei Jahren mit großem medialen Aufwand das Riggsystem Aeol Drive inkl. Original-Solid-Sails (also aus Komposit) auf seiner IMOCA. 

Segel“schnauze“ Le Cam kommentiert: „Das Zeug hält, was es verspricht. ich denke, dass so ein Komposit-Segel mindestens 30 Jahre im Einsatz bleiben kann. Und obwohl wir mit deutlicher geringerer, dafür aber schwererer Segelfläche als mit meinen normalen Segeln unterwegs waren und obwohl mein eigener Mast deutlich höher war, segelten wir auf der IMOCA „Yes We Cam“ nur 15 Prozent langsamer. Ich finde es cool, dass für die Zukunft wieder auf bewährte Prinzipien zurück gegriffen wird. Hey, Kolumbus ist auch ohne Motor ins Unbekannte aufgebrochen!“ 

Soild Sail auf “Yes, we cam” © chantier l’Atlantique

Zumindest das leidige Thema „Solid Sails-Anschauungsmaterial“ soll sich nun radikal verbessern. Denn die „Chantiers de l’Atlantique“ werden auf ihrem Werft-Gelände in St. Nazaire ein Rigg samt Segel aufbauen, um das Prinzip „Solid Sails“ 1:1 zu verdeutlichen. 

Dabei will man nicht kleckern, sondern durchaus realitätsbezogen klotzen:

Ab Sommer 2022 soll bei „Chantiers de l’Atlantique“ einer der höchsten Kompositmasten der Welt aufragen. 

An der 95 m hohen „Palme“ wird dann ein 1.200 qm großes Solid Sail –  das übrigens auch aus Komposit-Materialien bestehen wird – hängen.

Noch in diesem Jahr soll eine kleinere Version (38 m Masthöhe für 550 qm Segelfläche ) als erster Anschauungsschritt aufgestellt werden. 

Beide Masten werden u.a. vom der Region mitfinanziert. Schließlich sind alle Beteiligten daran interessiert, dass solche zukunftsweisenden Projekte auch tatsächlich eine eigene Zukunft haben. 

95 m –1.200qm

Die Bosse bei „Chantiers de l’Atlantique“ sind sich jedenfalls sicher, dass durch Präsentation von Solid Sails/Aeol Drive in Originalgröße der Überzeugungseffekt größer wird. Angeblich sind die Reeder mehrerer Schiffsneubauten im Längenbereich zwischen 200 und 250 Metern höchst interessiert.

Auch auf dem Trockenen kann der Mast der Anschauung halber gekippt werden ª chantiers atlantique

Und ausgehend von der alten Regel „was der Konkurrent hat, will ich auch“ könnte eine erste erfolgreiche, weil effiziente Installation von Segeln und Riggs auf Handelsschiffen den berühmten Nachahmungseffekt bewirken. Was für alle Beteiligten zu hoffen wäre. 

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Michael Kunst

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