Anders leben: Die buchstäbliche Einhand-Weltumseglung – Was man schaffen kann

Glücklich nach dem Schicksalschlag

 

Dustin Reynolds wird vom Schicksal übel gebeutelt und findet sein Lebensglück auf den Sieben Meeren – Ohne Arm, ohne Bein. Egal.

Der Einhandsegler in Aktion. Video (klicken)

Was ist ein Mann, der von einem Betrunkenen angefahren und schwer verletzt liegen gelassen wird, irgendwann nachts in seinem Blut aufwacht, zum Handy greifen will um Hilfe zu rufen und dabei feststellt, dass sein linker Arm abgerissen wurde? Was ist ein Mann, der beim verzweifelten Blick nach unten zudem feststellen muss, dass sein linkes Bein auch nur noch in Fetzen an ihm hängt? „I am ALL RIGHT“, sagte Dustin Reynolds nach seiner Rettung Tage später mit sarkastischem Unterton und gewollt doppeldeutig zu seiner Mutter.

amputiert, Weltumseglung, behindert

Arm- und beinamputiert – kein Grund, zuhause zu bleiben © reynolds

Was kann ein Mann noch tun, nachdem ihm das linke Bein und der linke Arm amputiert wurden, nachdem die Versicherung des Unfallgegners nur unzureichend für die horrenden Krankenhausrechnungen aufkommt, nachdem seine Firma pleite ging, das Haus, der Mercedes, das Fischerboot verkauft werden mussten und er mit 12.000 verbliebenen US Dollar dasteht und einer ziemlich ungewissen Zukunft entgegenblickt? „Nun, dieser Mann kann sich ein Segelboot kaufen und um die Welt segeln – einhand, versteht sich!“

Was sich hier wie viert- bis fünftklassige Witze lesen mag, sind Aussagen, die Dustin Reynolds bereits mehrfach in Interviews oder in den Sozialen Medien zum Besten gab. Weil er sich für solche Art von Humor wie kaum ein Anderer zuständig fühlt – als derzeit wohl einziger arm- und beinamputierter Einhand-Weltumsegler. 

Buchstäblich einhand um die Welt

Also schipperte er los, dieser Dustin Reynolds. Am 18. Juni 2014 legte er in seinem Heimathafen Kailua Kona auf Big Island/Hawaii ab und machte die ersten Meilen hinaus in den Pazifik. Das linke Bein wird durch eine Prothese mehr oder weniger leidlich ersetzt, die Arbeit des fehlenden linken Arms übernimmt der rechte.

Ob die ganze Segelsetzerei, das Trimmen der Schoten, die Manöver, das Steuern etc. mit seinen Handicaps nicht viel schwieriger sei, wird Reynolds oft gefragt. Dann zuckt er zur Antwort meist nur mit den Schultern und erklärt, dass er Segeln eben nur einarmig und einbeinig kenne und also keine Vergleiche zum Segeln als Nichtbehinderter  ziehen könne. 

amputiert, Weltumseglung, behindert

Selfie am Wind – der Typ ist der personifizierte Optimismus © reynolds

Tatsächlich wollte sich Dustin Reynolds nach all den Schicksalsschlägen, Niederlagen, Rückschlägen und sonstigen „Wellentälern“ in seinem Leben mit den letzten, verbleibenden Dollars nichts anderes als einen Kindheitstraum erfüllen. Eine Weltumseglung habe er sich immer als das ultimative Abenteuer vorgestellt, erinnert sich Reynolds auf seiner Facebook-Site. Doch an eine Realisierung seines Traums hatte er bis dahin nicht eine Minute gedacht – obwohl er den Ruf des Ozeans in den letzten Jahren vor seinem Unfall öfters deutlich vernommen hatte. 

„Wahrscheinlich lag es daran, dass ich zu sehr an meinem bequemen, aber irgendwie doch mittelmäßigen Leben hing,“ gab er in einem Interview zu. „Im Nachhinein betrachtet, musste ich wohl mit so einem Schicksalsschlag konfrontiert werden, um endlich aus meinem Alltagssumpf heraus zu kommen.“ 

Emotionsgeladenes Island-Hopping

Nach monatelangen Umbauzeiten, nach aufwändigen Renovierungen, Reparaturen und Erneuerungen segelte er schließlich auf seinem  35-Fuß Alberg-Langkieler, Baujahr 1968 nach Südostasien, wo er zwei Jahre lang die Inselwelt unsicher machte. Dann weiter nach Sri Lanka, durchquerte den Indischen Ozean, hing auf Madagaskar ab und ist nun auf dem Weg nach Mosambik.

Reynolds segelte die langen Strecken alleine, machte aber keinen Hehl daraus, dass er alles andere als Geschwindigkeitsrekorde brechen will. Also nahm er beim „Island Hopping“ in Südostasien häufig angereiste Freunde mit, segelte mit seinem Vater tage- und wochenlang zu den entlegendsten Eilanden. „Es waren wunderbare Zeiten mit meinen Freunden und meiner Familie“, schreibt Reynolds. „Doch was mich am meisten faszinierte, war die unglaubliche Freundlichkeit der Inselbewohner, die fernab von der angeblichen Zivilisation ein zwar hartes, aber irgendwie erfülltes Leben haben!“ Viele hätten zum Abschied geweint, nachdem er tage-, manchmal wochenlang ihr Leben teilte. 

amputiert, Weltumseglung, behindert

viel Geld braucht er nicht – das Meer gibt meistens genug her © reynolds

Doch nicht nur die Einheimischen, auch die Yachtie-Szene nahmen den Arm- und Beinamputierten in ihrer „Mitte“ auf. Der zunächst ahnungslose Segelanfänger – nachdem er sein Boot gekauft hatte, begann er mittels Buchlektüre überhaupt erst, sich mit der Materie zu befassen – machte über die Monate und Jahre hinweg so viele „Learning-by-doing“-Fortschritte, dass er in den Häfen und Ankerbuchten zu einem gefragten Ratgeber aufstieg. Und „zwischendurch“ überführte Reynolds gemeinsam mit Crew eine Yacht über den Pazifik – gegen Honorar, versteht sich. 

200 Dollar im Monat

Apropos Geld: Reynolds war mit 20 Dollar in der Bordkasse auf Hawaii gestartet und lebt seitdem von ca 200 Dollar im Monat, wie er in einem Interview mit einer Hawaiianischen Tageszeitung versicherte. Mehr Geld brauche er nicht, und diese eher bescheidene Summe bekomme er immer irgendwie zusammen – sei es durch (dürftige) Zahlungen aus der US-Sozialkasse, durch Unterstützung mittels Crowdfunding oder Überführungs- und Segellehrer-Jobs. 

amputiert, Weltumseglung, behindert

Baujahr 1968, aber noch (oder wieder?) gut in Schuss © reynolds

Wozu er sich überhaupt nicht eignet, sind die klassischen Hilfsjobs, die viele der finanziell eher schwach aufgestellten Weltenbummler normalerweise in den Häfen suchen und annehmen. 

„Beim Segeln fühle ich mich gar nicht so häufig behindert,“ schreibt Reynolds auf seiner Website. „Aber bei simplen Einbauten irgendwelcher Ersatzteile, für die ich mit zwei Händen vielleicht eine Stunde gebraucht hätte, verbringe ich jetzt halbe Tage. Und reagiere mich dabei mit meinen gefürchteten 247 Variationen des Wortes „Fuck“ ab!“

 

Überhaupt, alle die Reynolds begegnen, sind über den unverwüstlichen Humor des 39-Jährigen erstaunt. Der Mann, dem derart übel vom Schicksal mitgespielt wurde und der es mit einer unglaublichen mentalen Energie geschafft hat, das im wahrsten Sinne des Wortes „Beste“ aus seinem Handicap zu machen, strahlt einen Optimismus aus, der seinesgleichen sucht. 

Er werde noch viele Jahre so weitermachen, ist sich Dustin Reynolds sicher. Zum Glück sei unser Planet groß genug, um darauf Jahr für Jahr herumzusegeln, ohne dass dabei Langeweile aufkomme. 

amputiert, Weltumseglung, behindert

Mit dieser Prothese läuft Reynolds übers Deck wie ein VOR-Vorschiffmann © reynolds

„Ich lebe jeden Tag im Einklang mit der Erde, dem Meer und ihren Bewohnern. Ich bin hier, um meine Reise mit Dir zu teilen, in der Hoffnung, dass sie Dich inspiriert, auch mit Deiner Leidenschaft zu leben,“ schreibt Reynolds auf seiner Website. 

Wer sich von einem wahren Meister der Lebenskunst weiter inspirieren lassen möchte, sollte also unbedingt den Single Handed Sailor Dustin Reynolds auf seiner Reise virtuell begleiten. Es gibt richtig viel zu lernen – fürs Leben!

Website

Facebook

amputiert, Weltumseglung, behindert

Glück © reynolds

avatar

Michael Kunst

Näheres zu miku findest Du hier
Spenden

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Sicherheitsfrage (SPAM-Schutz): *