Anders segeln: Zwei Briten nonstop in offener Jolle um die britische Insel – 15 Tage Zweisamkeit

"Es war gruselig"

Jolle, nonstop, rund Britannien

Platz ist auf der kleinsten Jolle © Nipegegi

Zwei gute Freunde, eine 4,9 Meter kurze Jolle aus den Fünfzigerjahren und eine Menge Enthusiasmus fürs Segeln – Will und Rich waren auf ihre Art „reif für die Insel“

Was haben wir nicht schon alles über Rekorde unter Segeln geschrieben. Die schnellsten, die weitesten, die einsamsten, nonstoppigsten, die schönsten, die tollsten, die chaotischsten etc. p.p. 

Um ganz ehrlich zu sein: Irgendwann kommt ein Punkt, an dem man unter all’ diesen Bestzeiten und Höchstwerten eine gewisse Sehnsucht verspürt nach dem Ursprünglichen und weniger Spektakulären oder Exotischen. Zurück zu den Wurzeln könnte dann die Devise lauten – aber ist das nicht auch alles längst abgedroschen? 

Doch wie wäre es mit einer Mischung aus Beidem? Ein Rekord, der es ins „Guiness Book of World Records“ schaffen wird, der aber nicht auf einem dieser irren HighTech-Hochsee-Renner oder tief fliegenden Foil-Raser aufgestellt wurde? Sondern von einem Holzböotchen, das bereits mehr als 60 Jahre auf dem Salzwasserbuckel hat und das von zwei Männern gesteuert wurde, denen es in erster Linie ums Segeln ging. Ein Eintrag ins Buch der Rekorde wäre ein willkommenes „Schmankerl“, aber nicht unbedingt notwendig.

Ganz normale Segler

Doch schön der Reihe nach. Die Briten Will Hodshon (42) und Rich Mitchell (44) sind seit ihrer Jugend begeisterte Segler. Ohne großartige Regattaambitionen zählen sie zu der großen Masse Segler, die sich am Gefühl berauschen, vom Wind angetrieben unter Segeln von A nach B segeln zu können, um möglichst ohne große Schäden an Mann und Boot an einem nicht allzu fernen Steg anzulegen, von wo aus es wiederum nicht weit in den nächsten Pub sein darf. Kurz: Ganz normale Segler, eben. 

Probetörn über 300 sm vor einem Jahr

Doch auch unter „Normalos“ gibt es irgendwann den Punkt im Leben, in dem man „was reißen“ will. Die einen reißen dann aus, die anderen ziehen eine imaginäre Reißleine und die Dritten reißen sich zusammen und baldowern ein Projekt aus, das es so noch nicht gegeben hat.

In Wills Familie segelte man bereits in der dritten Generation auf einer „Wayfarer“-Jolle. Diese 1957 von Ian Proctor gezeichnete Bootsklasse erfreut sich in Großbritannien und den USA bis heute großer Beliebtheit. Mehr als 11.000 Einheiten wurden von der 4,9 Meter langen Einheitsklasse aus unterschiedlichen Materialien (Holz, GfK etc.) gebaut. 

Jolle, nonstop, rund Britannien

Schlafentzug war das größte problem © nipegegi

Das Will’sche Boot wurde vom Großvater 1959 auf einer Bootsmesse als Ausstellungsstück erstanden. Seitdem segeln die Wills auf dem Doppelknickspanter und reichten das Böotchen von Eltern zu Kindern und zu Enkelkindern weiter. 

Doch trotz des mittlerweile eher betagten Alters der „Nipegegi“ wollten Will und sein Freund Rich aus der alten Dame nochmal so richtig was rausholen. Also entschlossen sie sich zu einem epischen Törn, der sie rund Großbritannien führen sollte. Nonstop, versteht sich! 

Nach einem ersten Test im letzten Jahr, bei dem die beiden auf engstem Raum ein paar Tage miteinander verbrachten, stand für beide fest.“Ja, wir können das schaffen. Und wenn nicht, dann ist das auch egal!“  Letztendlich sollten sie 15 Tage und vier Stunden für ihren Nonstop-Törn brauchen – 15 Tage Zweisamkeit auf einer Jolle.

Der Schlafentzug war das Schlimmste

Jeder Segler kann nachvollziehen, was für eine Herausforderung es sein muss, auf nicht mal fünf Metern Bootslänge zu zweit mehr als 15 Tage und Nächte lang zu segeln. Klar – geschlafen wird abwechselnd und Platz ist bekanntlich in der kleinsten Hütte. Doch was ist, wenn man nicht mal diese Hütte hat. Wenn sich alles unter freiem Himmel abspielt, bei Regen, Sonne, in stockdunkler Nacht, im dichten Nebel? Bei öliger Flaute genauso wie bei nächtlichen Sturmböen in bedrohlichem Seegang? 

Jolle, nonstop, rund Britannien

Seehunde ließen sich öfters blicken © nipegegi

„Es war wirklich nicht einfach,“ stellt Will Hodshon nach seinem erfolgreichen Törn fest. „Knapp fünf Meter Länge und 1,7 Meter Breite können ziemlich eng werden, wenn man im Duo segelt!“ 

Fünfzehn Tage und vier Stunden brauchten Will und Rich, um auf ihrer Jolle die britische Insel vollständig zu umrunden. „Natürlich sind wir nicht die Ersten, die in einer offenen Jolle dieser Größenklasse um die Insel geschafft haben. Aber wir sind die Ersten, die es ohne Stopp durchhielten.“ 

Jolle, nonstop, rund Britannien

Manchmal waren die Wellen ganz schön hoch © nipegegi

„Wir hatten wunderbare Tage da draußen auf See in unserer Nussschale,“ erzählt Mitchell nach seiner Rückkehr lokalen britischen Medien. „Es gab die perfekten Segel-Momente, mit tollem Wind und schönstem Wetter. Wir haben Mink-Wale gesehen, Delfine begleiteten uns über lange Strecken und unzählige Seehunde schauten neugierig bei uns vorbei.

Doch es gab auch die harten Zeiten. Einige Tage hatten wir wirklich schlechtes Wetter mit starkem Wind und anspruchsvollem Seegang. Dann kann man ganz einfach nicht schlafen. Oder man schläft eben genau dann ein, wenn man nicht soll – während der Wache! Will hörte schon Stimmen und ich fing irgendwann an zu halluzinieren. Dieses Gefühl, nicht vom Boot steigen zu können, obwohl man wirklich genug von alledem hat und eigentlich nur noch schlafen will, kann einen wahnsinnig machen. Kurz: Schlafentzug war das Schlimmste auf unserem Törn.“

„Wir hatten reichlich Glück“

Will Hodshon erinnert sich zudem an einige bange Stunden auf der Nordsee. Die Beiden waren ungefähr 60 Seemeilen in ihrer offenen Jolle von der Küste entfernt, als sie nachts die Ausläufer eines Tiefs trafen. „Manche Böen erreichten Sturmstärke. Und wir weit draußen auf der See, klatschnass, zwischen diesen Wellenbergen. Es war gruselig!“  Doch obwohl sie große Strecken gegenan kreuzen mussten, entkamen sie, Stunde um Stunde „abhakend“, dem Tief. „Wir hatten auch eine Menge Glück, davon bin ich überzeugt!“ sagt Will. 

Jolle, nonstop, rund Britannien

So legen wahre Helden ab für ihren epischen Zweihand-Törn © nipegegi

Seine schönsten Momente habe er dennoch auf der Nordsee erlebt. „Ich segle ja nun seit meiner Kindheit darauf. Und sie kam mir immer wie eine trübe Brühe vor, die sich eher feindlich als freundlich verhält. Doch dann war da dieser Tag mit wenig Wind und Sonnenschein. Das Wasser paradiesisch klar, die Oberfläche wie Glas und eine wundervolle Stimmung machte sich um uns herum breit!“

Dem Schotten Rich Mitchell gefiel es dagegen besser angesichts seiner heimatlichen Gestade. „Ich liebe es, wenn man vom Meer aus die Inseln und Küstenlandschaften vorbeiziehen sieht. Und ja, manchmal muss man dann einem gemütlich aussehenden Pub hinterher seufzen.“ 

Langeweile?

Knapp 6.000 Pfund sammelte das Duo mit ihrem Rekord-Törn für Wohltätigkeitsorganisationen. Darunter die Rettungsboot-Organisation „Royal National Lifeboat Institution“ und „Surfer gegen Abwässer im Meer“. 

Jolle, nonstop, rund Britannien

Will und Rich kurz nach der Abfahrt © nipegegi

Ob es nicht langweilig gewesen sei da draußen, wollen Journalisten noch wissen, nachdem die beiden zünftig mit typischem Hochsee-Segler-Finish-Gedöns mit brennenden Rettungsfackeln am Steg angelegt hatten. „Die Leute denken immer, man müsse sich doch ziemlich auf die Nerven gehen bei so einem Erlebnis und sowieso jede Menge Langeweile aushalten. Aber die Zeit vergeht wirklich wie im Flug. Man ist nur am Planen. Das nächste Manöver, die nächste Mahlzeit, die nächste Toilettenpause.“

Doch selbst wenn Langeweile aufkommen würde, mutmaßte Hodshon weiter, könnte diese ja auch der eigentliche Grund für den Törn gewesen sein. Endlich mal alles hinter dir lassen und einfach nur das machen, was gerade geboten wird. Selbst wenn es nichts ist.

Rekord hin oder her – auch so kann Seglers Glück aussehen.

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Michael Kunst

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3 Kommentare zu „Anders segeln: Zwei Briten nonstop in offener Jolle um die britische Insel – 15 Tage Zweisamkeit“

  1. avatar kaic holzwurm sagt:

    Cooles Ding von den beiden Briten, macht wieder Lust auf die wunderbaren Auszeiten beim Touren-Segeln. Kleinere Boote sind oft ideal für schöne, besondere Wanderfahrten abseits des großen Trubels …. und können manchmal sogar noch mehr als man so immer denkt !!!
    Danke für den Artikel.

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 8 Daumen runter 0

  2. avatar MAUERSEGLER sagt:

    …hab mal was Passendes von einem netten Belgier aufgeschnappt, der uns in seine selbst-nur-Schlupfkajüte zum Aufwärmen auf ein heißes Getränk eingeladen hatte, als wir auf dem Veersemeer in Zeeland/ NL auf einem alten Holz-KZV pitschenass unter der Baumpersenning saßen: „je weiter man vom Wasser wegsitzt, desto weniger hat es mit Segeln zu tun“. Is wat von dran.

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  3. avatar addi sagt:

    Kann ich nur zustimmen! Lange mit einer Sun Fast 20 in der Ostsee und im Mittelmeer herum geschippert.
    Nun, in der Rente, genieße ich aber auch die 37 Fuß lange größere Schwester…

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