Anders transportieren: Neue Frachtsegler geordert und im Bau – 1.000 Tonnen Kaffee pro Törn

Auf der Kaffeeroute

Kaffee, der unter Segeln transportiert wurde, findet in Frankreich guten Absatz. Jetzt wollen bretonische Schiffsmakler vier 70-Meter Frachtsegler bauen lassen. 

Es ist mittlerweile zu einem der Lieblingsthemen Ozean-affiner Umweltschützer aufgestiegen: Der  Transport ausgesuchter Produkte und Waren auf Frachtseglern. 

Im Laufe der letzten Jahre hat sich hier eine Szene entwickelt, die vor allem auf alten, liebevoll restaurierten und einst tatsächlich für diesen Zweck gebauten, traditionellen Frachtseglern die Ozeane und Meere überqueren, um Weine, Spirituosen, Schokolade, Kaffee und viel mee(h)r möglichst emissionsfrei von Ost nach West und wieder zurück zu transportieren.

Tres hombres © tres hombres

Besonders erwähnenswert sind hier „Modern Shipping Companies“ wie die niederländische „Tres Hombres“, die auf einem Klassiker gleichen Namens sowie auf der „Nordlys“, dem derzeit ältesten noch aktiven Frachtsegler unterwegs sind. Auch die von Deutschen geführte „Timbercoast/Cargo Under Sail“ ist auf ihrem 43 Meter-Zweimaster-Gaffelschoner „Avontuur“ nach aufwändiger Restaurierung längst wieder auf dem Atlantik unterwegs, um Waren von bis zu einem Gewicht von 114 dwt von A nach B zu segeln (SR-Artikel Container unter Segeln und Comeback der Frachtsegler)

Boat-People südlich der Kanaren gerettet © timbercoast

Dabei machten die „Avontuur“ und ihre Crew kürzlich in anderer Hinsicht erfreuliche Schlagzeilen, als sie auf Hoher See südlich der Kanaren 15 Flüchtlinge aus einem ohne Motor, Wasser und Proviant steuerlos treibenden Boot retteten. Die Afrikaner waren von der Elfenbeinküste aus gestartet. Die spanische Küstenwache hatte offenbar bereits seit Tagen mit Flugzeugen nach dem Boot gesucht. Ein Küstenwache-Schnellboot übernahm die Flüchtlinge.

Neubauten, vom Staat mitfinanziert

Auch in Frankreich ist der Transport von Waren unter Segeln wieder „en vogue“. Vor allem die Schiffsmakler TOWT mit Sitz im bretonischen Douarnenez gelten als besonders aktiv. In ihrem Auftrag sind übers Jahr hinweg bis zu zehn traditionelle Frachtsegler unterwegs – und es sollen noch deutlich mehr werden! 

Die Avontuur © timbercoast

TOWT kündigt nun an, dass man umgehend die Transportkapazitäten der Flotte deutlich erhöhen wolle. Dies soll mit 70-Meter-Frachtsegler-Neubauten möglich werden, die ca. 1.000 Tonnen Kaffee auf Paletten transportieren können. Vier neue Frachtsegler sollen gebaut werden, der erste bereits 2022 vom Stapel laufen. Derzeit reichen französische Werften ihre Angebote ein. 

Die Neubauten unterstützt die staatliche Agentur „Ademe“, die sich in erster Linie für die Finanzierung Energie- und Umwelt-spezifischer Projekte einsetzt. Zudem haben offenbar bereits sponsorwillige Unternehmen aus der maritimen Branche starkes Interesse bekundet.

Später als geplant

Einen Schritt weiter, allerdings in deutlich kleineren Dimensionen, sind bereits die Chocolatiers von „Grains de Sail“. Sie sind mit ihrem bereits vor drei Jahren angekündigten Projekt „Votaan“ längst in der Bauphase, hatten jedoch im Laufe des vergangenen Jahres mit einigen Schwierigkeiten zu kämpfen.

Der Rumpf der Votaan ist fertig, derzeit wird am Innenausbau gearbeitet. © grains de sail

Offenbar führten falsche Berechnungen zu lange Pausen im Bau. Nun soll der 22 Meter lange Aluminium Frachtsegler, der ca 35 Tonnen Paletten in einem klimatisierten Frachtraum transportieren könnte, im Laufe der Sommersaison mit ca. 10 Monaten Verspätung vom Stapel laufen. 

Wichtiges Zeichen

Dass sich die „Ademe“ nun auch für den nahezu emissionsfreien Transport von Waren unter Segeln einsetzt, wird in der maritimen Wirtschaft Frankreichs als richtungsweisendes Zeichen für die Zukunft gewertet. Schließlich warten noch einige Projekte auf staatliche Unterstützung, die insbesondere im Transportwesen auf See mit alternativen Antrieben völlig neue Routen einschlagen wollen (SR-Artikel).

Konsumenten entscheiden sich für „Transport unter Segeln“

Unter den französischen Konsumenten scheint es übrigens eine große Nachfrage an Produkten zu geben, die unter Segeln über den Atlantik transportiert werden. Vor allem Kaffee, der auf den alten Clipper-Kaffee-Routen (Stichwort: Transat Jacques Vabre) aus den ehemaligen Kolonial- und heutigen Protektoriatsgebieten (Dom-Tom) Frankreichs nach Europa gesegelt wurde, findet reißenden Absatz.

Der TOWT Cargo-Segelfrachter darf in Le Havre zu Sonderkonditionen Kaffee löschen © TOWT

Entsprechend haben nun die Betreiber des Industriehafens von le Havre, der als größter Kaffee-Import-Hafen gilt, reagiert: Sie wollen den emissionsarmen TOWT-Schiffen beim Löschen ihrer Fracht in Le Havre stark spezielle Nachlässe gewähren. 

Aber auch andere, typische Frachtsegler-Produkte, werden immer häufiger (trotz leicht höheren Preisgefüges) in Supermärkten entlang der Atlantikküste oder in hippen Pariser Bio-Läden ver- und gekauft. Kakao oder Rum aus der Karibik, Weine aus Bordeaux, Hummer-Pasteten aus Kanada, Algenpesto und vieles mehr werden mit dem Label „Anemos“ (Wind) versehen und in langen Regalreihen verkauft. Was viel mit dem typisch-französischen Lokal-Patriotismus zu tun hat. Aber eben auch mit einem gewissen Stolz auf ihre lange, maritime Tradition unter Segeln. Der jetzt in (noch) klimaunfreundlichen Zeiten wieder zu neuem Glanz verholfen wird.  

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Michael Kunst

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