Anker-Gebühr: Politessen sollen in Frankreich auf Gummibooten abkassieren

"Nur die Großen machen Dreck!"

Einfach mal so eben in der schönen, geschützten Bucht da vorne ankern? Könnte teuer werden! © syndicat d'initiative

Einfach mal so eben in der schönen, geschützten Bucht da vorne ankern? Könnte teuer werden! © syndicat d’initiative

Bis zu zwanzig Euro pro Meter Schifflänge Ankergebühr sind weiterhin im Gespräch. Ein großer Teil der beliebtesten Ankerplätze Korsikas und der Cote d’ Azur könnten betroffen sein.

Zunächst atmeten alle auf, als ein entsprechender Gesetzesentwurf vom französischen Parlament Anfang 2015 abgelehnt wurde. Naturschutzbehörden hatten den Vorschlag gemacht, Ankerplätze vor Naturschutzgebieten mit einer Gebühr zu belegen. Auf diese Weise sollte die ständig wachsende Anzahl ankernder Boote eingedämmt werden – zu viele Anker reißen zu viel sensible Flora vom Meeresboden, zu viele Wassersportler entsorgten ihren Picknickmüll gleich vor Ort im Meer oder kippten beim Verlassen einer Bucht gleich die Chemietoilette aus.

Mehr als 30 Prozent der französischen Küstenlinie sind als Naturschutzgebiet bzw. als schützenswert eingestuft, auf Korsika sogar 50 Prozent. (SR berichtete)

Verschwiegen Buchten sind meist auch naturgeschützte Buchten. und das könnte bald kosten © syndicat d'initiative

Verschwiegene Buchten sind meist auch naturgeschützte Buchten. und das könnte bald kosten © syndicat d’initiative

Null Freizeitwert mehr?

Dass dieser ursprünglich löbliche Gedanke vom verbesserten Naturschutz bald zur Nebensächlichkeit wurde, liegt auf der Hand: Der französische Staat, derzeit allerorten auf der Suche nach Mehreinnahmen, witterte hohe Steuersummen und unterstützte die Idee. Wassersportverbände, die Freizeit-Werftindustrie sowie Charterbasen, Segelschulen etc. stellten sich dagegen quer: Sie sahen den Freizeitwert im Wassersport rapide sinken, sprachen sogar schon von Tausenden Arbeitsplätzen, die der Ankergebühr zum Opfer fallen würden.

Doch was das französische Parlament seinerzeit ablehnte, war eben nur ein Entwurf. Das Thema als solches war, allen Hoffungen vieler Wassersportler zum Trotz, noch längst nicht vom Tisch.

Häufig freuqentierte Buchten werden mit festen Bojen gepflastert – so soll die Masse der ankernden Schiffe eingedämmt werden © syndicat d'initiative

Häufig freuqentierte Buchten werden mit festen Bojen gepflastert – so soll die Masse der ankernden Schiffe eingedämmt werden © syndicat d’initiative

Denn im zweiten Akt der „Anker-Operette“ erinnerten sich einige Kommunen daran, dass sie durchaus berechtigt sind, Ankergebühren (ähnlich wie Parkgebühren für Autos) innerhalb ihrer Gemeinden einzutreiben. Sie brauchen dafür jedoch eine grundsätzliche Zustimmung von ihrem Departement, das aber wiederum Rückendeckung von der Französischen Regierung hat.

Politessen auf Zodiaks

Womit sich im Laufe der letzten Monate erneut Befürworter und Gegner erbitterte Wortgefechte lieferten. Denn auch unter den Cote d’Azur-Gemeinden gibt es solche, die finanziell nicht ganz so glänzend dastehen und sich diese zusätzliche Gebühr nicht entgehen lassen wollen. Und das ursprünglich immer wieder aufgeführte Problem mit dem Eintreiben der Gebühren sieht man dort gelassen: „Das machen wir mit Politessen, die auf Schlauchbooten abkassieren werden!“

Anderen Städten und Gemeinden, wie etwa Nizza, St. Tropez oder St. Raphael, schwant jedoch nichts Gutes. Der Bürgermeister von Nizza argumentierte unlängst: „Die kleinen und großen Yachten , ja der gesamte Wassersport sind elementar wichtig für Nizza. Es gehört zur französischen Urlaubskultur, einfach mal eben raus in die nächste Bucht zu tuckern, um dort vor Anker den gesamten Tag zu verbummeln. Wenn wir die Leute dafür zur Kasse bitten würden, käme keiner mehr in unsere Region – und die Italiener würden sich die Hände reiben!“

Beispiel Cote d'Azur: Ein Großteil der spannenden Küstenabschnitte könnte betroffen sein © syndicat d'initiative

Beispiel Cote d’Azur: Ein Großteil der spannenden Küstenabschnitte könnte betroffen sein © syndicat d’initiative

Auf Korsika, wo übrigens die ursprüngliche Idee zum Schutz sensibler Küstenzonen entstand, hat man sich mittlerweile darauf geeinigt, in besonders häufig frequentierten Buchten und Ankerzonen Bojen zu verankern. Wer dort während der Hochsaison festmacht, muss bezahlen. Dazwischen ankern ist verboten.

Nur wenige Seemeilen weiter südlich, auf Sardinien, feixt man dagegen schon seit Wochen über die Franzosen. Denn die Idee mit der Ankergebühr setzte man dort schon 2006 um – und verwarf sie ein Jahr später. Angeblich waren damals 50% weniger Yachten in der Gegend zu verzeichnen. Ein Desaster für den Tourismus vor Ort.

Kleine richten keinen Schaden an?

Und was meinen die hauptsächlich Betroffenen, also die Wassersportler dazu? Unter ihnen wird das entsetzte Geschrei immer leiser. Bei vielen Franzosen hat sich mittlerweile der Umweltschutz als wichtiges Alltagsthema etabliert – gleichzeitig will keiner aus der segelverrückten Nation einen Euro zuviel an den Staat bezahlen.

Derzeit setzt sich jedenfalls immer mehr die Argumentation durch, dass „nur große Boote wirklich Dreck machen und mit ihren Ankern Schaden auf dem Meeresboden anrichten!“ Und die „großen Boote und Yachten“ kommen meist aus dem Ausland , aus anderen Regionen Frankreichs oder von den Charterbasen, bei denen sowieso „nur“ Ausländer buchen.

Die kleinen Fischerboote oder 21-Fuß-Segelboote der Einheimischen würden mit ihren „Paar-Kilo-Alu-Ankern“ nichts beschädigen, heißt es weiter. Man solle doch mal an die sowieso schon vom Geldtourismus benachteiligte Bevölkerung der Küstenregionen denken. Was die Behörden dann doch aufhorchen ließ.

"Komm Schatz, da vorne liegen wir schön geschützt!" Vor Wind schon, aber nicht vor Politessen © syndicat d'initiative

“Komm Schatz, da vorne liegen wir schön geschützt!” Vor Wind schon, aber nicht vor Politessen © syndicat d’initiative

Kürzlich argumentierte der für Naturschutz zuständige Abgeordnete des Departements „Provence-Alpes-Cote d’Azur“: „Es kann jedenfalls so nicht weitergehen. Wir werden keine Gemeinde zwingen, an den Ankergebühren teilzunehmen. Auch die Höhe der Gebühren pro Meter Schiffslänge wollen wir den Gemeinden überlassen. Aber vielleicht sollten wir uns Gedanken darüber machen, kleine Boote nicht zur Kasse zu bitten!“

Doch wo hört „klein“ auf und fängt „groß“ an? Tatsache ist, dass schon diesen Sommer in manchen Buchten freundliche Damen und Herren im Gummiboot an der ankernden Charteryacht längsseits gehen, auf der gerade der frisch gefangene Fisch gegrillt wird: „Voila, sie ankern in einem Naturschutzgebiet. Das macht 20 Euro mal 15 Meter Schiffslänge. Dreihundert Euro, s’il vous plait! Et bon appetit!“

Mit Info von André Mayer

avatar

Michael Kunst

Näheres zu miku findest Du hier
Spenden

Ein Kommentar „Anker-Gebühr: Politessen sollen in Frankreich auf Gummibooten abkassieren“

  1. Tja, wird sind nicht mehr weit von der Maut entfernt!.!

    Like or Dislike: Daumen hoch 2 Daumen runter 0

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Sicherheitsfrage (SPAM-Schutz): *