Antifouling: Europäischer Erfinderpreis für Faserfolie auf Rümpfen – Giftstoffe raus aus dem Meer!

Inspiriert vom Seeigel

Antifouling, neue Beschichtung, Nylonfasern

Rik Breur und sein ganz spezieller Freund. Wird er bald einen Seeotter ins Bild halten? © breur

Dicht gesetzte, kleine Nylonfasern auf Polyesterfolie sollen „Siedler“ jeder Art von unseren Schiffsrümpfen fern halten. Kann das klappen? Das Europäische Patentamt ist jedenfalls davon überzeugt! 

Das Übertragen von Phänomenen der Natur auf die Technik hat bekanntlich eine lange Tradition. Schon Leonardo da Vinci setzte seine Beobachtungen des Vogelflugs bei seinen Flugmaschinen um. Moderne Varianten der Bionik sind etwa der Klettverschluss (nomen est omen: in Anlehnung an die Klette), die Winglets am Flügelende moderner Jets (inspiriert von den Schwingen großer Raubvögel), spinnenartige Roboter, die Verminderung des Reibungswiderstandes wie bei der Haifischhaut.

Der niederländischer Erfinder Rik Breur hat nun den europäischen Erfinderpreis 2019 mit einem Produkt gewonnen, das weltweit in der Schifffahrt und im Wassersport Furore machen könnte: Eine umweltgerechte Antifouling Faserfolie für Schiffsrümpfe. Verbeugung vor der Bionik: Die Idee lieferte der Seeigel!

Natürlicher Feind der Schifffahrt

Alle Segler wissen: Biofouling ist eine der größten Herausforderungen in Sachen Umwelt- respektive Meeresschutz. Was wurde im Laufe der letzten Jahrzehnte nicht alles unter unsere Boote und Yachten geschmiert, damit sich bremsender Bewuchs möglichst lange von unseren popoglatten Rümpfen fern hält. Dass dabei durch Abrieb giftige Stoffe in die Gewässer gelangen, war lange Zeit eine Art „Gentlemans-Delikt“. Hauptsache das Boot lief flott und war vor dem Winterlager einfach zu reinigen. 

Antifouling, neue Beschichtung, Nylonfasern

Die Antifouling Folie sieht erstmal aus wie ein großer Bogen Schlefpapier © breur

Relativ strenge Gesetzgebungen auf Europäischer Ebene sollen mittlerweile zumindest die gröbsten Umweltsünden verhindern, die mit giftigen Materialien auf Yacht- und Bootsrümpfen in den Seen und Meeren verursacht werden. 

Es liegt auf der Hand, dass Biofouling erst recht für die internationale Handelsschifffahrt ein gewichtiger, vor allem ökonomischer Faktor ist. Wenn sich Meereslebewesen welcher Art auch immer auf Schiffsrümpfen ansiedeln, erhöhen sich Fahrtwiderstand und somit der Treibstoffverbrauch eklatant. Zwischen 10 und 40 Prozent mehr Energie muss dann aufgewendet werden, um die Schiffe über die Ozeane zu bewegen. Von den somit vermehrt anfallenden Emissionen ganz zu schweigen. 

Antifouling, neue Beschichtung, Nylonfasern

Das Seeigel-Imitat in der Makro-Aufnahme. Soll angeblich nicht bremsen auf dem Rumpf © breur

Die Branche beziffert allein die zusätzlichen Treibstoffkosten mit weltweit ca. 20 Milliarden Euro, die ausschließlich auf bremsenden Bewuchs an den Schiffsrümpfen zurückzuführen sind. Die entsprechend meist großzügig aufgetragenen Anti-Fouling-Anstriche belasten die Ozeane und Meere in einem bisher noch nicht hinreichend erforschten Maße mit ihrem teils hochgiftigen Abrieb. Antifouling-Anstriche enthalten giftige Organo-Zinn-, Kupfer- und Organo-Stickstoff-Verbindungen, früher auch das inzwischen verbotene Tributylzinnhydrid (TBT). 

Die Evolution und Natur lösen alles

Beim Tauchen fiel dem passionierten Hobby-Meeresbiologen Rik Breur auf, dass sich bei Seeigeln niemals irgendwelche Organismen festsetzen – Siedler jeglicher Art werden ferngehalten. Dies führte Breuer folgerichtig auf die enge, stachelige Struktur zurück, mit der sich die Seeigel vermeintlich in erster Linie vor Angriffen von Fressfeinden schützen. 

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Langfahrtsegler wie Golden Globe Race Finisher Tapio Lehtinen hätten sich gefreut. Deutlich sichtbar ist der Muschelbewuchs am Rumpf © favreau GGR

Breuer beschäftigte sich bereits seit 1996 mit dem Thema Biofouling. Er promovierte damals über die Zusammenhänge von Korrosion und Biofouling und gründete kurz nach der Jahrtausendwende sein eigenes Forschungsunternehmen, das Material Innovation Center. 

Anlässlich der Übergabe des Europäischen Erfinderpreises berichtete er: 

„Die Natur ist eine große Inspirationsquelle für einen Erfinder”, sagt Breur. „Über Jahre an Evolution hat die Natur bereits viele Dinge gelöst, wovon wir als Menschen viel lernen können. Ich wollte eine Folie mit einer Oberfläche aus steifen, stacheligen Mikrofasern entwerfen, ähnlich wie die Stacheln eines Seeigels. Die Herausforderung bestand darin, das richtige Gleichgewicht zwischen Länge, Dicke, Steifheit und Dichte der Fasern zu finden. Nach vielen Testläufen hat es ganz gut geklappt und ich habe sofort ein Patent angemeldet.“ Breur erklärt weiter: „Die Mikrofasern der Folie sind so dicht gepackt, dass sich selbst in den Zwischenräumen keine Lebewesen ansiedeln können. Außerdem werden die Mikrofasern strengsten Prüfungen unterzogen, um sicherzustellen, dass sie sich nicht vom Schiffsrumpf lösen können und als Mikroplastikteilchen die Meere weiter verschmutzen. Die Faserfolie wirkt sowohl, wenn die Schiffe in Bewegung sind als auch wenn sie ruhig vor Anker liegen. Deshalb eignet sich das Produkt nicht nur für Schiffe, sondern auch für andere Konstruktionen im Meer, beispielsweise Ölplattformen oder Offshore-Windturbinen.

Giftstoffe raus aus den Meeren

Breur vermarktet mittlerweile seine Faserfolie als „Finsulate Antifouling“. Die Nylonfasern sind auf einer selbstklebenden (Zweikomponenten-Klebstoff auf Wasserbasis) Polyesterfolie angebracht. 

In breiten Rollen, ähnlich wie Teppichböden geliefert, wird sie unaufwändig gegen den Schiffsrumpf gepresst. 

Antifouling, neue Beschichtung, Nylonfasern

So kann’s aussehen, wenn das Antifouling gar nix nützt © GGR/favreau

Breur versichert, dass die Beschichtung die Schiffe aufgrund sorgfältiger Beachtung der Hydrodynamik keineswegs verlangsamt, die Kraftstoffkosten allerdings um bis zu 40 Prozent gesenkt werden können. Sein wichtigstes Anliegen sei es jedoch gewesen, die Ozeane von den Giftstoffe, die bei herkömmlichen Anti-Fouling-Anstrichen anfallen, zu erlösen. Alle fünf Jahre müsse die Folie allerdings ausgetauscht werden. 

Geschäftlich richtet Breur derzeit sein Hauptaugenmerk auf den Wassersportbereich. Er sei sich sicher, sagte er weiterhin anlässlich der Preisverleihung, dass es immer mehr private Schiffseigner gibt, die ihren Sport und Freizeitbeschäftigungen umweltbewusst ausüben wollen. In einer Pressemitteilung gab das Europäische Patentamt zudem bekannt, dass Breuer mit seinem 1-Mann-Betrieb derzeit auf „Partnersuche“ sei. „Sein Fokus liegt darauf, Geschäftspartner zu finden, die Logistik und Vertrieb bereits vor Ort haben, anstatt ein großes Unternehmen aufzubauen. In Deutschland arbeitet er beispielsweise mit der Tübinger CHT Germany GmbH zusammen. Die Unternehmensgruppe für Spezialchemie konnte Breur bei der Verwirklichung seiner Vision mit einem hochleistungsfähigen Beflockungsklebstoff unterstützen. Diese Strategie lässt ihm die Freiheit, das zu tun, was ihn am meisten interessiert: neue Erfindungen zu entwickeln. Mit seiner nächsten Erfindung, die auf Otterhaut basiert, will er die Kraftstoffeinsparung weiter steigern.“

Thema erledigt?

Ist mit dieser Folie, die sich bereits mitten in der Vermarktungsphase befindet, das Thema „umweltschädliches Antifouling auf Yacht- und Bootsrümpfen“ endlich vom Tisch?  Die Antwort kann nur ein möglichst breit angelegter Test in den diversen Wassersport-Bereichen geben. Mit Sicherheit dürften Rennyachten, die in Rekordgeschwindigkeiten über die Ozeane heizen wollen,  von dem neuen Produkt zunächst nur schwer zu überzeugen sein. Denn an Yachten, die zwei Stunden vor dem Start nochmals schnell von Tauchern sauber gewienert werden, muss der Rumpf für optimalen Speed glatt, glatt und nochmals glatt sein. 

Dafür könnten Fahrten- und Blauwassersegler vom Finsulate Antifouling profitieren. Und Hochsee-Regattasegler, die es nicht ganz so eilig haben. Tapio Lehtinen, durch enormen Muschelbewuchs ausgebremster letzter Golden Globe Race-Finisher, hätte wohl einiges für so eine Beschichtung unter seinem Rumpf gegeben!

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Michael Kunst

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2 Kommentare zu „Antifouling: Europäischer Erfinderpreis für Faserfolie auf Rümpfen – Giftstoffe raus aus dem Meer!“

  1. avatar Theo sagt:

    Mikroplastik, wenn sich einzelne Fasern lösen, ist vermutlich ein Nachteil und auch schädlich für das Meer. Deswegen sehe ich nicht, wieso eine Plastikfolie besser ist.

    Heisse Debatte. Was meinst du? Daumen hoch 5 Daumen runter 5

  2. avatar Roar sagt:

    “…..muss der Rumpf für optimalen Speed glatt, glatt und nochmals glatt sein.”

    Schneller soll ja die der Haifischhaut nachempfundene Rillenfolie (Riblet) sein. Bei Flugzeugen führt sie zu enormen Treibstoffersparnissen.

    Like or Dislike: Daumen hoch 2 Daumen runter 0

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