Aquapower: Törn gegen Plastik-Müll – zwei Welten, ein Meer

"Alle in einem Boot!"

Florian Jung muss alleine in die Wellen, Felix Oehme kann das Schnellsegeln nicht lassen und Wale schauen auch vorbei. 2. Teil des Expeditionsberichtes gegen Meeresverschmutzung

Mit meinem Board erkunde ich ein paar Spots auf der Insel San Miguel und werde auf der Nordseite fündig. Einfach herrlich, nach so langer Zeit auf engem Raum, wieder ein paar Wellen abzureiten. Mit Freudenschreien flitze ich durch die hohl brechenden Wellen und befinde mich wieder in meinem Element. Keine Patenthalse, keine Crewmitglieder – nur ich und die Wellen. Auf dem Rückweg zum Boot genieße ich das satte Grün der Insel. Die vielen Farben wirken viel intensiver nach den letzten Wochen auf dem Atlantik.

Von Delfinen begleitet

Durch Kontakte aus ihrer Promotionszeit erhält Frauke, unsere Meeresbiologin, Zugang zu den neusten wissenschaftlichen Erkenntnissen im lokalen maritimen Ökosystem. Zusammen mit unserer Kamerafrau Doro können die beiden eine neue Episode für unseren Videoblog drehen.

Aquapower, Florian Jung, Meeresverschmutzung

Zwischendurch mal weg vom Alle-in-einem-Boot-Feeling: Florian Jung beim Surfen © jung/aquapower

Auch bekommen wir Verstärkung an Bord durch Felix Oehme, einen Kumpel aus Hamburg, der die Weltmeere aus seiner Westentasche kennt. Die Wettervorhersage scheint günstig und so stechen wir gegen den guten Brauch an einem Freitag in See. Begleitet von zahlreichen Delfinen ziehen wir unser Kielwasser zunächst südlich der Insel San Miguel in den Atlantik.

Für einige Tage müssen wir hart am Wind segeln und die steile Dünung schüttelt unseren Katamaran ganz schön durch. Gelinde gesagt, habe ich in meiner Koje gelegentlich das Gefühl, in einem Boxring zu stehen und während ich zu Boden gehe, noch einen Leberharken einzustecken. Wer unter solchen Bedingungen auch nur zwei Minuten an einem Bildschirm arbeiten kann, der kann sich getrost als immun gegen Seekrankheit bezeichnen.

Videos müssen geschnitten werden, Berichte geschrieben und soziale Medien betreut werden. Diese Dinge sind für die sogenannte „Awareness“ des Projektes von hoher Bedeutung und so muss man wohl oder übel in kurzen Etappen am Computer arbeiten.

Langsam segeln? Unerträglich!

Mit Felix hält auch eine neue Art der Routenplanung Einzug. Mit Wetterdaten (Gribfiles) und dem Polardiagramm für unseren Katamaran berechnet er den optimalen Kurs zu unserem nächsten Zielhafen Tarifa in Südspanien. Dazu bekommen wir jeden Abend einen Wetterbericht für die nächsten 48 Stunden, so dass wir unsere Aktivitäten besser planen können.

Aquapower, Florian Jung, Meeresverschmutzung

Außenbordkamerad © jung /aquapower

Ein paar Elemente von Regattasegeln sind für Expeditionen gut zu gebrauchen. Dazu zählt vor allem eine möglichst frühe und genaue Vorsage der Ankunftszeit. Denn Schulklassen und Journalisten im Zielhaften wollen möglichst schon zwei Wochen vor Ankunft auf eine halbe Stunde genau wissen, wann wir ankommen.

Im Drei-Stunden-Wachrhythmus nähern wir uns langsam dem europäischen Festland. Wie Felix mir bestätigt, lernt man schnell, die unterschiedlichen Geräusche zuzuordnen. So stelle ich in meiner Koje rasch fest, dass unser Eigner die Segel gerne etwas einrefft.

Felix, der die Wache direkt im Anschluss hat, wartet etwa 15 Minuten, und wieder vernehme ich das „verdächtige“ Geräusch der Rollanlage für das Vorsegel. Ich habe mich nicht getäuscht. Die Boxhiebe werden härter: Der Regattasegler kann es einfach nicht ertragen, wenn man das Potential nicht voll ausschöpft.

Dann ein Knall. Was war das? Schnell in die Stiefel, Jacke und Schwimmweste an. Die Steuerbord-Schotklemme für das Vorsegel versagt ihren Dienst. Und kurz darauf auch die Klemme für das Genuafall.

Mit vereinten Kräften legen wir das Fall auf die Code-Zero-Klemme um, die war ohnehin nicht mehr zu gebrauchen. Und weiter geht’s, Tarifa wir kommen.

Aquapower, Florian Jung, Meeresverschmutzung

Mal eben schnell den Strand säubern © aquapower/jung

Nochmals auf die Probe gestellt

Südlich der portugiesischen Küste schläft der Wind komplett ein. Wir nutzen die Möglichkeit für ein kurzes Bad im Atlantik als plötzlich einige Rückenflossen an der Wasseroberfläche auftauchen. In Rekordzeit ist die Crew wieder an Bord, Kameras werden rausgekramt und siehe da: Wale. Endlich, ganz nahe schwimmt eine Schule Pilotwale an unserem Katamaran vorbei. Frauke ordnet die Wale sofort den Zahnwalen zu. Ein ganz junges Kalb folgt seiner Mutter und wir sind völlig gebannt von diesem besonderen Moment.

Die darauffolgenden Tage werden wir nochmals kurz vor dem europäischen Festland auf die Probe gestellt. Der Lokale Passatwind “Levante” weht mit mehr als 30 Knoten aus der Straße von Gibraltar. Somit müssen wir kreuzen und “der Kampf in der Koje” startet erneut. Zwei Tage später ist es endlich soweit und wir laufen schließlich im Fischerhafen von Tarifa ein.

Mit Müllsäcken geht es direkt an den Strand wo wir ein Beach clean up mit lokalen Surfern organisieren. Schnell sind drei Säcke voll und fachgerecht entsorgt. Einige Freunde haben Wind von der Expedition bekommen und wollen unseren Katamaran in Augenschein nehmen.

So richtig fassen können sie es nicht, dass ich auf dem Ding über den Atlantik gesegelt bin. Kannten sie mich bisher doch vor allem vom Wellenreiten und Windsurfen. Zwei Welten, ein Meer, das uns alle verbindet.

Am nächsten Morgen heißt es wieder „Leinen los“. Wir wollen schnell Richtung Marseille, wo wir nach einer Woche mit moderaten Wind, am 8. Juni, dem „Tag der Ozeane“ schließlich ankommen. Familienmitglieder, Freunde und Journalisten empfangen uns mit einer Überraschungsparty, die mit den übrigen Rum-Vorräten stimmungsvoll begossen wird.

Aquapower, Florian Jung, Meeresverschmutzung

Immer mit der Welt verbunden bleiben © aquapower/kung

“Wir sitzen alle in einem Boot”

Rückblickend war es einzigartiges Erlebnis, das ich jederzeit wieder machen würde. Auch wenn ich fast tagtäglich im Wasser bin, habe ich durch das Segeln eine ganz neue Perspektive zum Meer kennengelernt. Die unendliche Weite, das stündlich wechselnde Farbenspiel, der indirekte Kampf mit den Naturgewalten und die Beobachtung der Meeresbewohner waren für mich neue und zugleich faszinierende Erfahrungen, die tiefe Spuren hinterlassen haben.

Ich hoffe mit dieser Reise auch anderen Wassersportler für Das Thema „Meeresverschmutzung“ zu sensibilisieren. Jedes Jahr enden mehr als 12 Millionen Tonnen Plastikmüll in den Weltmeeren. Nach Ansicht der Wissenschaft gibt es zwei Möglichkeiten, dieser Verschmutzung entgegenzuwirken: Die Entsorgung verbessern und den Plastikverbrauch einschränken. Da es sich dabei um ein globales Problem handelt, hat jeder von uns eine gewisse Verantwortung.

70% der Erdoberfläche ist von Meeren bedeckt. Am Ende sitzen wir alle in einem Boot.”

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Ein Kommentar „Aquapower: Törn gegen Plastik-Müll – zwei Welten, ein Meer“

  1. avatar Heinrich sagt:

    Ist schon anstrengend, wenn man für seinen Urlaub jedes Mal noch einen höheren ideologischen Zweck suchen muss, damit man sich als Gutmensch präsentieren kann, gelle?

    Heisse Debatte. Was meinst du? Daumen hoch 5 Daumen runter 4

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