Aufblasbares Segel: Michelin pumpt Flügel auf – Michel Desjoyeaux optimiert die Technik

Mehr als heiße Luft

2017 sorgte Gleitschirm-Erfinder Laurent de Kalbermatten mit einem aufblasbaren Segel für Aufsehen. Nun will Reifenhersteller Michelin mit dieser Technologie die Segelwelt revolutionieren – mit prominenter Hilfe.

Das Flügelsegel ist schon auf einem Cruiser vor dem Michelin-Werk installiert. © Wisamo

Segel bergen? Einfach die Luft rauslassen. So könnte in Zukunft das Manöver aussehen, bevor man in einen Hafen einläuft. Die Schweizer Laurent de Kalbermatten, 1985 Erfinder des ersten Gleitschirms, stellte vor vier Jahren das zusammen mit Edouard Kessi entwickelte Inflated Wing Sail (IWS) vor und zeigte auf einem 5,5er, dass alternative Segel-Antriebe auch ästhetisch aussehen können.

Designstudie der aufblasbaren Segel von Wisamo installiert auf einem Frachter und einer Yacht. © Wisamo

Die Schweizer hatten mit ihrem aufblasbaren Segel am Teleskopmast aber mehr im Sinn als einen skurrilen Vortrieb für den Genfer See zu entwickeln. Sie suchten nach Partnern, um das wirtschaftliche Potenzial für Seetransporte auszuschöpfen, und wurden vor einem Jahr beim Reifenhersteller Michelin fündig.

Der hat nun das Ergebnis der Zusammenarbeit vorgestellt und glaubt daran, dass in darin mehr als heiße Luft steckt. Die Firmenchefs glauben mit der neuen Segeltechnik einen wichtigen Beitrag zur Verringerung des CO2-Ausstoßes in der Schifffahrt leisten zu können. Das Konzept von Michelin sieht vor, riesige Exemplare der aufblasbaren Flügel auf Frachtschiffen zu installieren. Diese sollen mit den Segeln bis zu 20 Prozent Treibstoff einsparen. Michelin scheint ein logischer Partner zu sein wegen seiner Kompetenz im Bereich druckluftgefüllter Materialien. 2022 wird der erste Prototyp auf einem Frachtschiff getestet.

Insbesondere der Input des Vendée-Globe-Siegers Michel Desjoyeaux scheint aus dem Projekt mehr als ein Hirngespinst zu machen. Der französische Segelstar hat schon auf einer Fahrtenyacht mit dem System experimentiert und scheint überzeugt davon. So könnte es auch für die Sportschifffahrt eine rasante Entwicklung nehmen. Durch die Bedeutung für die kommerzielle Schifffahrt kann bei der Optimierung jedenfalls mit deutlich höheren Budgets geplant werden.

Das Projekt wird von den beiden Schweizern und Michelin zusammen mit Desjoyeaux unter dem Namen Wisamo (Wing Sales Mobility) fortgeführt. Es wurde von Michelin gerade bei MovinOn 21 vorgestellt, einer weltweiten virtuellen Konferenz für nachhaltige Mobilität.

Das Segel im eingefahrenen Zustand. Der Teleskop-Mast kann ausgefahren werden. © Wisamo

Dabei wurde besonders der im Vergleich zu anderen Windantrieben breite Einsatzbereich betont. Der Flügel könne auf allen Seewegen eingesetzt werden und sorge auch am Wind für guten Vortrieb. Das Teleskopsystem erleichtert die Passagen von Brücken.

Abhängig von den weiteren Testergebnissen will Michelin das Projekt 2022 intensiv vorantreiben. Die Firmenleitung weist allerdings auch darauf hin, dass man nun auch keine Wunderdinge von dem Segelantrieb erwarten solle. Dafür seien die Transportschiffe des 21. Jahrhunderts einfach zu groß. Und die Schifffahrtsrouten folgen längst nicht mehr den vorherrschenden Winden. Aber für die Freizeitschifffahrt könnte diese Entwicklung durchaus noch eine große Rolle spielen.

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

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