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Aus Fehlern lernen, besser werden

Bernt Lüchtenborg polarisiert derzeit die Segelszene Foto: © www.sail2horizons.com

Seit dem 27. Juni ist Bernd Lüchtenborg mit seiner Segelyacht „Horizons“ auf See. Sein ursprüngliches Ziel, die Welt zweimal einhand und nonstop zu umrunden, einmal mit den vorherrschenden Winden, einmal gegen sie, ist längst gescheitert. Zum einen weil sich der Skipper nicht an die vorgegebenen Regeln hielt. Zum anderen, weil er südwestlich von Neuseeland aufgrund von Havarie sein Schiff verlassen musste. Segelreporter.com hatte nun die Gelegenheit zu einem Interview.

Betrug, so muss man wohl nennen, was sich Bernt Lüchtenborg während seiner Reise geleistet hat. Nicht nur, dass er der Öffentlichkeit unterschlug, eine Person von Deutschland bis auf die Kanaren mit an Bord gehabt zu haben, auch meldete er diverse Landgänge seiner angepeilten Nonstop-Fahrt nicht, versuchte gar mit dem verdecken des Schiffsnamens am Heck, unentdeckt zu bleiben.

Lüchtenborgs "Horizons" unter Segeln Foto: © www.sail2horizons.com

Seit dem prasseln auf den Segler Beschwerden, Beschuldigungen und Beschimpfungen von allen Seiten ein. Sogar in der Bild-Zeitung, die sich ansonsten mitnichten um Freizeitsegler kümmert, war Lüchtenborg tagelang großes Thema. Es wurde in seinem Leben geforscht und Leute aus seinem Umfeld befragt. Ihm selbst wurde indes wenig Gehör verschafft.

Segelreporter.com kritisiert die Fehler Bernt Lüchtenborgs ebenfalls aufs Schärfste. Dennoch segelt der Mann nun seit Monaten einhand und nonstop. Er wetterte schwerste Stürme ab, musste sein Schiff aufgeben und hat wieder mehr als 10000 Seemeilen durch den Süd-Pazifik und rund Kap Hoorn einhand und nonstop gemeistert.

Bernt Lüchtenborg segelt derzeit im Süd-Atlantik und hat seinen Kurs bereits gekreuzt. In den nächsten Tagen wird er seine erste einhand Weltumrundung – nicht aber nonstop – beendet hat.

Segelreporter.com hat mit ihm gesprochen.

Segelreporter.com: Herr Lüchtenborg, sie haben Bedenken geäußert, zu diesem Zeitpunkt ein weiteres Interview zu geben. Warum?

Bernt Lüchtenborg: Ich bin mir nicht sicher ob es zu diesem Zeitpunkt richtig ist, ein großes Interview zu geben. Meine Anworten würden doch wohl nur von anonymen Foren-Hochseeseglern seziert und aus dem Zusammenhang gerissen werden. Im Moment kann und muss ich durch sportliche Leistung überzeugen – auch meine vielen Kritiker. Ich möchte mich nun an meine alte Parole halten: In der Ruhe liegt die Kraft. Und ich werde mich ganz sicher nicht mehr zu Allem äußern, auch wenn das Projekt, und damit meine ich auch das Kinderhilfsprojekt in Wismar, positive Nachrichten benötigt.

Bernt Lüchtenborg bei der Rundung Kap Hoorns vor wenigen Wochen Foto: © www.sail2horizons.com

Worüber sprechen sie dann?

Fragen zu den sportlichen und abenteuerlichen Seiten des Törns werde ich gerne beantworten. Ich möchte mich nicht mehr so sehr unter Druck setzen – es kommt wie es kommt. Und mit diesem Karma läuft es doch gut, wie man es ja auch an dem Törn seit Neuseeland sieht –  trotz Stürme, Orkane und Kap Hoorn bis in den Atlantik hinauf. An diese Leistung möchte ich weiterhin anknüpfen.

Sie sind sie derzeit auf Ihrem längsten nonstop gesegelten Seestück unterwegs.

Definitiv ja. Von Neuseeland bis zum Ende der 1. Weltumseglung in Las Palmas/Gran Canaria werden es rund 10.000 Seemeilen nonstop und alleine sein.

Wo und wann erlebten Sie auf dieser Reise ihren schwersten Sturm?

Im Oktober letzten Jahres im Indischen Ozean nahe der antarktischen Konvergenzzone, als ich eine Woche zwischen Stürmen mit Orkanstärke, also 60 Knoten Wind und mehr, unterwegs war, und regelrecht verprügelt wurde. Das Gefährliche in den Bedingungen war jedoch nicht der Wind – darauf kann ich mich und das Schiff einstellen – sondern die extrem hohe, teilweise brechende See mit Wellen bis zu 10 Meter und höher.

Die "Horizons" südwestlich von Neuseeland, kurz bevor Bernt Lüchtenborg abgeborgen wurde Foto: © www.sail2horizons.com

Ist die Einsamkeit des Solo-Nonstop-Seglers in Zeiten der Internet-Kommunikation überhaupt noch einsam? Zum Vergleich: Wilfried Erdmann griff während seiner Nonstop-Reise gegen die vorherrschenden Wind nur ein paar mal zum Satellitentelefon.

Wenn du mit dir  allein sein möchtest, schaltest du halt die Anlage nicht ein. Einsam ist eh nicht der richtige Ausdruck. Einsamkeit hat einen negativen Beigeschmack und klingt nach sozialer Kälte.  Gleichwohl falle ich in der Verlassenheit der Ozeane mitunter in die tiefen Löcher der Isolation und dann ist die Satelliten-Kommunikation ein durchaus angenehmer Begleiter dieser Reise. Es ist schön, dann mit meiner Frau zu telefonieren und ihre Stimme zu hören, die mir Mut macht und Kraft gibt. Oder eben auch den Kontakt über e-mails zu haben. Mit Freunden, meinem Support-Team, Sponsorenpartnern und vielen lieben Menschen, die mich via Internet auf diesem Törn begleiten.

Bekommen Sie gerade das “lange, ruhige, Allein-Segeln” von dem Sie vor
Reisebeginn geträumt haben?

Offen gestanden, so richtig erst seit Neuseeland. Bis dahin lief einiges aus dem Ruder, da ich bereits zu Beginn der Reise die Dummheit mit der Begleitung einer Ex-Freundin bis nach Las Palmas begangen habe. Fortgesetzt mit den verschwiegenen Landgängen auf Grund technischer Probleme und dem immensen Druck, durch immer wieder neu auftretende, technische Probleme an Bord. Ein einziges Chaos, mental und technisch.  Dadurch bin ich eigentlich nie richtig zur Ruhe gekommen. So habe ich das, was ich am Fahrtensegeln so liebe, nur gelegentlich spüren können.

Wie fühlt es sich nun an? Entspricht es Ihren Vorstellungen?

Seit Neuseeland und gerade jetzt im Süd-Atlantik, lebe und empfinde ich wieder die Meereslust. Das Segeln zwischen glitzernden Horizonten, uferlos dahin ziehen, auf einem schmalen Grat zwischen Hölle und Paradies unterwegs zu sein. Angst und Freude, Ruhe und Chaos, Wagnis und Demut. Nirgendwo ist man seinen Gefühlen so nah, wie auf einer wochenlangen Segelfahrt  allein über einen Ozean. In diesem Mix bin ich unterwegs. All das zu “erfahren” ist der Reiz dieses Törns und darin finde ich auch den Antrieb, weiterzumachen.

Wie sieht Ihre Kommunikation mit dem Team und ihrer Frau aus?

Mit meiner Frau telefoniere ich über Iridium dreimal pro Woche. Einmal am Tag rufe ich meine e-mails ab. Immer dann, wenn ich das TripCon Internetlogbuch führe und zum Senden die Inmarsat- Anlage hochfahre. Ich verschicke dann die mails vom Vortag und halte darüber auch den Kontakt mit Freunden, meinem Land-Team und Sponsorenpartnern.

Was waren die größten technischen Probleme?

Motor, Autopilot, Energieversorgung, abgesoffene Batterien, Generator, Pütting/Want an Backbord, Ruderschaden durch die Kollision, gerissene Alu-Schweißnaht eines Wassertanks, defektes Kutterstag. Es ging einiges kaputt.

Was steht auf ihrer To-Do-Liste?

In Las Palmas muss auf jeden Fall das Kutterstag von einem Rigg-Spezialisten neu angefertigt werden, dazu brauche ich eine neue, große Genua. Die Alu-Naht des von mir provisorisch geflickten Wassertanks muss nochmals geprüft und eventuell auch erneuert werden. Ein undichtes Fenster im Vorschiff muss ausgebaut und ersetzt werden. Bei der Verankerung der Püttinge muss noch nachgeschweißt werden und der Wasserablauf am Süllrand muss besser funktionieren. Dazu sind diverse Lochbohrungen fällig. Das Rigg muss gecheckt- die Segel nachgeschaut werden, und vermutlich muss das Schiff noch aus dem Wasser um die Annoden zu wechseln und den Rumpf vom Muschelbewuchs zu befreien. Der Batteriekasten in der Bilge muss neu und sicherer gebaut und verankert werden. Dazu kommt ein großer Arbeitszettel voll mit kleineren Reparatur- und Instandsetzungsarbeiten. Was aber normal ist, denn „Horizons“ ist in einigen Monaten mal eben fast 30000 Seemeilen gesegelt.

Wie viel Zeit nehmen die Reparaturen in Anspruch?

Das alles sind Arbeiten die rund zwei bis drei Wochen dauern und an Land ausgeführt werden. Dabei will ich mich auch gar nicht unter Druck setzen. Safety first – denn für die zweite Runde muss das Schiff in einer absoluten Top-Verfassung sein.

Sie wollen die zweite Runde also tatsächlich noch angehen?

Unbedingt, Ja. Aber noch bin ich nicht so weit. Ich lebe im Hier und Jetzt und möchte zunächst diese erste Weltumseglung  zu Ende bringen. Kleine Schritte gehen, hin zu einem großen Ziel. Dazu gehören keine Absichtserklärungen, sondern seglerische Leistungen mit denen ich überzeugen möchte. Dass es möglich ist, zeigt sich im laufenden Törn von Neuseeland durchs Südpolarmeer, mit der Rundung von Kap Hoorn, durch den Südatlantik bis hoch nach Las Palmas. Ungefähr 10000 Seemeilen nonstop und allein. Eine Strecke die bisher nur ein deutscher Fahrtensegler, der von mir geschätzte Wilfrid Erdmann, geschafft hat.

Was denken Sie über die Gegen-den-Wind-Runde?

Es ist ja nicht nur eine Gegen-den-Wind-Runde, sondern viel mehr. Ein Törn, der überwiegend im antarktischen Winter stattfindet. Und das bedeutet Segeln bei Minustemperaturen, Schnee, Eis, Hagel. In Stürmen und Orkanen. Das wird schon eine harte Nummer, vor der ich allergrößten Respekt habe. Mitunter auch Schiss. Aber Angst ist nicht die richtige Voraussetzung, um ein Ziel erreichen zu wollen. Angst kann man kanalisieren und in verantwortungsvolles Handeln umwandeln.

Mit welchen Problemen rechnen Sie?

An Bord passiert ständig etwas und weil das so ist, muss man auf diesem Extremtörn auch Tag und Nacht mit allem rechnen – ob es nun technischer, psychischer oder physischer Art ist, oder die tägliche Auseinandersetzung mit den Naturgewalten. Wenn man sich der Probleme und des Risikos nicht bewusst ist, sollte man besser nicht starten. Aber in dem Risiko liegt für mich auch der Reiz des Unterwegsseins. Eben die Herausforderungen anzunehmen, sich ständig mit Unvorhergesehenem auseinander setzen zu müssen.

Das Gespräch führte Mathias Müller

Derzeit segelt Bernt Lüchtenborg im Süd-Atlantik, noch rund 2000 Seemeilen von Gran Canaria entfernt. Mehr Informationen zu Bernt Lüchtenborgs Reise:www.sail2horizons.com

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