Autobiografie: Sebastien Destremau – ein Leben zwischen Rock’n Roll und Blues

Allein auf der Welt?

Destremau, Buch, Vendée Globe

Sebastien Destremau, wie er leibt und lebt: Loses Mundwerk, kommunikativ, bester Laune © vendée globe

Gewalttätiger Vater, beleidigte Kinder, Kiezkneipenwirt, Piratenüberfall und dann noch Letzter bei der Vendée Globe… das Leben mancher Segler ist kein Ponyhof! 

Man kennt das ja: Eine lange Reise geht zu Ende, und obwohl dieselbe im Stundenrhythmus per Video, Audio und Fotografie dokumentiert wurde, muss danach eben auch noch schnell ein Buch veröffentlicht werden. In dem man dann die bereits erzählten Erlebnisse wieder aufkocht, etwas ausschmückt, noch ein wenig würzt… und fertig ist das „Abenteuer meines Lebens“! 

Nun ist es so, dass man von Sebastien Destremau – Journalist,  Weltenbummler, America’s Cup- und Olympiasegler sowie Vendée Globe-Finisher – von vornherein etwas anderes, als die oben beschriebene „Routine“ erwartete. Die „Grande Geule“, wie die Franzosen ihre Typen mit ziemlich losem Mundwerk nennen, war schließlich seit Jahren bekannt für außergewöhnliche Berichterstattungen und mitunter spektakuläre, zumindest aber aufmerksamkeitsstarke Sujets (SR-Porträt zum letzten Rang bei der Vendée Globe).  So „verzieh“ man ihm etwa, dass er bei seiner Ankunft in Les Sables d’Olonnes nach der VG-Weltumseglung vollmundig ankündigte, im Moment würden die Rotationsmaschinen anlaufen, weil er sein Buch draußen auf See geschrieben habe. Genug Zeit hatte er schließlich und überhaupt wollte er als Letzter der Regatta zumindest Erster in den Buchhandlungen sein. Was sich als ziemlich übertrieben herausstellte, da Destremau jetzt davon spricht, dass er in den Monaten nach seiner Rückkehr ins Vendée wochenlang „hart an seinem Buch“ arbeitete. 

Destremau, Buch, Vendée Globe

Bei der Arbeit während der Vendée Globe © Liot/vendée globe

Und dennoch, Destremau enttäuscht seine Fans nicht. Ganz im Gegenteil: Was er jetzt „ablieferte“ respektive vor wenigen Tagen auf den französischsprachigen Buchmarkt brachte, ist weit mehr als nur eine Beschreibung seiner Abenteuer während der Vendée Globe (Seul au monde , XO Editions/ = Allein auf der Welt). Es ist vielmehr die schonungslos ehrliche Autobiographie eines Mannes, der nur oberflächlich betrachtet immer auf der Sonnenseite des Lebens stand. Und der seine Gedanken, Erinnerungen und Träume tatsächlich während der Vendée Globe aufschrieb: Der selbsterklärte „Vielleser“ hatte kein Buch an Bord und im Prinzip also 124,5 einsame Tage auf See Zeit, um sein urpersönliches Buch zu schreiben. 

Prügel und Pumpgun

Die französische Segelszene gibt sich jedenfalls erstaunt, seitdem die ersten Details aus Destremaus Autobiografie bekannt wurden. Denn den lockeren „Sunnyboy“ muss man nun aus einem anderen Blickwinkel betrachten. Oder anders formuliert: Nur wenige Leben sind ein “langer, ruhiger Fluss” – auch nicht unter Seglern. 

Da wäre zunächst der gewalttätige Vater, der zutiefst von seinem Sohn enttäuscht war, weil er nicht „seinen“ Weg der Musik ging. Was sich in endlosen, immer wiederkehrenden Streits äußerte, die den Sohnemann verstockt und verbockt werden ließen und in regelmäßigen Prügelstrafen mit dem Gürtel des offenbar cholerischen Vaters gipfelten. Dass Sebastien Destremau damals seine Mutter besonders brauchte, fiel der heute 85-Jährigen erst nach Lektüre des Buches wie die berühmten Schuppen von den Augen. 

Destremau, Buch, Vendée Globe

Trotzig oder traurig? Destremau im zarten Kindesalter © Gilles Morelle

Oder Destramaus Zeit als Heißsporn. Als er eine Kneipe im Kiezviertel der (Militär)-Hafenstadt Toulon aufmachte, in der sich die Prostituierten mit ihren Kunden trafen, die Zuhälter ihren Apéro tranken und wo Sebastien nur ein paar Mal mit der Pumpgun in die Decke schießen musste, um allzu brutale Schlägereien zu beenden. Seine Eltern hielten ihn für einen Gangster – doch wenn er mit echten Gangstern zusammensaß, trank er nur Minztee!

1989, als er längst sein Talent für den Segelsport entdeckt hatte und als Kadersegler der „Grande Nation“ segelte, geriet er in die „Klauen des KGB“, wie er das heute nennt.  Der russische Geheimdienst wollte es nicht hinnehmen, dass ein sowjetischer Nationalcoach beim gemeinsamen Training mit den französischen Teams vom Schlauchboot fiel und ertrank. „Wir hatten keine Ahnung, wie das passieren konnte. Mir hatte schon der Anblick der Wasserleiche gereicht – und dann die Verhörmethoden des KGB!“ erinnert sich Destremau in seinem Buch. Ein Seglerleben ist eben kein Ponyhof. 

Sturer Vater, sture Kinder

Destremau berichtet weiter von der (ihm irgendwie bekannt vorkommenden) Sturheit seiner Kinder, die jahrzehntelang keinerlei Kontakt mehr mit ihm hatten, weil er seine Frau und deren Mutter einfach so, von einem Tag auf den anderen verlassen hatte, da man in Australien als Segelprofi (und Single) einfach besser voran kam. 

Sein wohl spannendstes, weil lebensgefährliches Hochseeabenteuer erlebte Destremau, als er die betagte IMOCA, mit der er später die Vendée Globe segeln sollte (für das Schiff war es übrigens die dritte Teilnahme), von Südafrika nach Europa überführte. Vor Afrika fuhr plötzlich ein äußerst verdächtig wirkendes Boot auf ihn zu. „Die hatten ja keine Ahnung, dass das ein alter Pott war und man mit mir als Geisel kein Geld verdienen konnte,“ erinnert er sich heute. Doch die bis an die Zähne Bewaffneten wollten ihm ganz offensichtlich „ans Leder“. Destremau bekam regelrechte Panikattacken, nicht zuletzt, weil einer seiner besten Freunde ein paar Jahre zuvor bei einem Piratenüberfall ums Leben kam. „Ich bluffte und sagte den Piraten über Funk, dass ich ein französisches Marineboot erwarte, dass mir bei einer Motor-Reparatur helfen sollte. Den Piraten wurde die Sache nach kurzer Beratung zu heiß und sie bogen ab… 

Destremau, Buch, Vendée Globe

Keel walk, keel sit… kann Destremau auch alles! © vendée globe

Dagegen sind natürlich tage- und wochenlanges Heulen vor Einsamkeit im Southern Ocean während der Vendée Globe regelrechte Kinkerlitzchen. Und auch die vielbeschriebene Hungerphase gegen Ende der vermeintlichen ewig andauernden Weltumseglung – geschenkt! Viel wichtiger sei ihm, dass seine Kinder im Rahmen der Vendée Globe wieder Kontakt mit ihm aufgenommen haben und er sogar seine Enkelkinder kennenlernen durfte. 

Es habe sich viel geändert mit der Vendée Globe,“ sagt er verständlicherweise. Aber vieles wäre zuvor ohne den ewigen Traum von der Einsamkeit der Hochsee auch so nie passiert. 

Zukunft? Mal sehen… 

Über seine Pläne für die Zukunft gibt er sich bedeckt. Er habe alles, was er besaß in die Vendée Globe gesteckt, sagt er. Seine alte IMOCA sei höchstens noch einen“ Appel und ein Ei“ wert. Und dennoch, ein Trainingszentrum für Hochseesegler im Mittelmeer, das wäre doch was. So im Stile von Port la Foret, der berühmten Talentschmiede in der Bretagne. Und mit dem Journalismus wolle er auch weitermachen. Es gebe da so das eine oder andere Angebot für eine eigene TV-Sendung! 

Doch erstmal wolle er chillen. In seinem kleinen Appartement in Toulon abhängen, durch die Bars vom Hafenviertel ziehen und so oft wie möglich einen Schlag segeln. Diese ganze Schreiberei habe ihn erschöpft, und er müsse wieder frische Energie tanken. Und das am liebsten auf See, betont er. Schließlich habe das Leben mit Sicherheit noch einige Überraschungen für ihn parat. 

Vendée Globe, Destremau

Ende einer episch langen Reise – Destremau finisht 50 Tage nach dem Erstplatzierten © vendée Globe

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Michael Kunst

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