Behindertensegeln: Chinesische Werft „Fareast“ baut S/V14-Jolle für 2.600 € – Segeln im Stuhl

„Dem Sport etwas zurück geben“

Wie kriegt man möglichst viele behinderte Segler „in die Boote“? Indem man ihnen eine Jolle gibt, die preiswert, modern und mit viel Spaß zu segeln ist.

Im Laufe der letzten Jahrzehnte gab es für den Behindertensport wohl keine betrüblichere Nachricht, als den Ausschluss der behinderten Segler von den Paralympics. Ausgerechnet eine der Sportarten, die mit Behinderungen unterschiedlichen Grades und Einschränkungen unterschiedlichster Natur ausgeübt werden kann, wurde aus dem Programm gestrichen. Gelinde gesagt: eine Enttäuschung. Nicht nur für die Behinderten, sondern für die gesamte Welt des Segelns. 

Behinderte, S/V14-Jolle, Paralympics

Segeln für alle! © s/V14

Für viele Segler mit Behinderung war dies jedoch kein Grund, den Kopf in den vielzitierten Sand zu stecken. Vielmehr gab und gibt es einige unter ihnen, die diesen olympischen Ausschluss als Herausforderung ansehen. Sie fragten sich, was wohl passieren würde, wenn sie den Segelsport viel mehr Behinderten als bisher zugänglich machten? Müsste dann nicht im Umkehrschluss das IOC eine so erfolgreiche Sportart wieder in ihren Reigen aufnehmen?

Boote für Menschen mit Handicap

Beim Behindertensegeln kommt dem Boot logischerweise eine Schlüsselrolle zuteil. Mehr als bei Seglern ohne Behinderung sind Behinderte auf eine spezifisch ausgerichtete Funktionalität angewiesen. Schaut man sich auf dem Markt um, gibt es nur sehr wenige funktionierende Konzepte bzw. Bootstypen wie etwa die 2.4mR, Skud und Sonar, auf denen die letzten Paralympics gesegelt wurden. 

Behinderte, S/V14-Jolle, Paralympics

Als Bausatz in Holz © S/V14

Da die Boote in niedrigen Stückzahlen gebaut werden, steigt der Preis proportional. Die Folge: Eher wenige behinderte Einsteiger wagen sich an den Segelsport, auch Vereine und Gruppierungen halten sich aufgrund hoher Anschaffungskosten lieber an andere Sportarten. 

All’ das könnte sich nun mit einem Vertrag ändern, den eine engagierte Gruppe behinderter und nichtbehinderter Segler und Designer mit der asiatischen Großwerft „Fareast“ ausgehandelt hat. Demnach verpflichtet sich die Werft – bekannt als weltgrößter „Optimist“-Hersteller mit einer Sportbootpalette von 19-37 Fuß, inkl. des Racers 28R – die Behinderten-Jolle S/V14 zum Basis-Preis von 3.000 US$ (2.560 Euro) herzustellen. Nach den ersten 1.000 Booten dieses Typs respektive bis Ende 2019 bleibt dieser Preis fix, danach soll er sich lediglich analog zu Materialkosten-Erhöhungen und um die Inflationsrate in der Volksrepublik China erhöhen. 

Cooles Design, kühl-kalkulierter Preis

S/V14? Nur wenige werden von der 4,34 m langen und 1,49 breiten Jolle gehört haben, die kürzlich speziell für Behinderte entwickelt wurde.

2015 postete der Niederländer Peter Jacops, ein CE-Inspektor für die Zertifizierung von Yachten, eine kleine Notiz auf seiner Facebook-Seite. Er fragte an, ob Designer bereit wären, ein wirklich preiswertes Segelboot speziell für behinderte Menschen zu entwerfen und diesen Riss allen frei zugänglich zu machen. Alex Simonis und Maarten Voogd von Simonis Voogd Design nahmen die Herausforderung an und entwarfen schließlich die S/V14 unter der Prämisse „finanziell erschwinglich mit maximaler Segelperformance für behinderte Menschen“. 

Behinderte, S/V14-Jolle, Paralympics

Cooles Design © S/V 14

Zunächst setzten Jacops, Simonis und Voogd auf ein Design, das aus Holz relativ einfach als Bausatz zuhause in der Garage gebastelt werden kann. Die Pläne sind gratis und frei zugänglich, die Materialkosten (Holz) sollten kaum mehr als 3.500 Euro betragen.

Doch Boots-Selbstbau ist bekanntlich nicht Jedermanns Sache – wie nichtbehinderte Segler wollen Segler mit Handicap am liebsten sofort raus aufs Wasser. Auch wenn einige wirklich erfolgreiche Bausatz-Boote enorme Erfolge feiern konnten (etwa Waarship oder vor über 50 Jahren die Mirror Dinghys, mit mehr als 70.000 gebauten Booten)  finden heutzutage nur wenige im Eigenbau eine ähnliche Befriedigung wie bei der Gleitfahrt unter Gennaker… 

Soziales Engagement aus Fernost

Also schaute man sich zusätzlich nach sozial engagierten Werften um, die sich für ein Konzept interessieren könnten, bei dem es nicht ausschließlich um Gewinn, Marge und Kosten geht.

Obwohl, so richtig lange mussten Voogd und Simonis dafür nicht suchen. Schließlich arbeiten sie bereits seit mehr als zehn Jahren mit der chinesischen Werft „Fareast“ zusammen. Nur zwei Mal trafen sich Simonis und die chinesische „Fareast“-Geschäftsführerin Demolar Du zu entsprechenden Gesprächen. Bald war klar: Der soziale Wille ist auch bei den Chinesen da, der Rest nur noch Rechnerei. 

Behinderte, S/V14-Jolle, Paralympics

Sieht nach reichlich Spaß aus © S/V14

„Obwohl unsere kulturellen Hintergründe so unterschiedlich sind, wollen alle, die sich an diesem Deal beteiligen, dem Segelsport auf diese Weise etwas zurück geben,“ erklärt Simonis nach der Vertragsunterzeichnung in China. 

Fareast Yachts hat unterdessen bereits mit dem CNC-Fräsen der Formen für die S/V14 aus Aluminium begonnen. Obwohl es sich hier um ein relativ teures Verfahren handelt, können so die Boote mit der für eine Einheitsklasse notwendigen, hohen Genauigkeit gebaut werden. Der Rumpf der  S/V14 wird im Vakuum-Infusions-Verfahren aus GFK/Schaumkern hergestellt . Das Gewicht ist das gleiche wie bei der originalen Holzversion, damit beide Modelle in Regatten eingesetzt werden können.

Behinderte, S/V14-Jolle, Paralympics

Ein Bild, das man nicht oft genug am Steg sehen kann © s/v14

Die S/V14-Jolle könnte es schaffen, schon in relativ kurzer Zeit möglichst viele Behinderte „in die Boote“ und aufs Wasser zu bringen. Klasse, dass sich eine Großwerft auf so ein Projekt einlässt! 

Website S/V14

S/V14

Länge WL: 4,34 m

Breite: 1,49 m

Segelfläche am Wind: 9,10 qm

Segelfläche vor dem Wind: 18, 10 qm

Zwei Sitzplätze

Selbst aufrichtend: Das Boot kann kentern (90 ° – 130°), richtet sich jedoch selbständig wieder auf. 

Mehr technische Info

avatar

Michael Kunst

Näheres zu miku findest Du hier
Spenden

9 Kommentare zu „Behindertensegeln: Chinesische Werft „Fareast“ baut S/V14-Jolle für 2.600 € – Segeln im Stuhl“

  1. avatar Andreas Borrink sagt:

    Ein interessantes Projekt und ein wirkliches toll aussehendes Skiff.

    Allerdings erschliesst sich mir nicht, warum einerseits eine Aluform gefräst wird, um höchste One-Design Standards zu gewährleisten, das Boot aber andererseits als DIY-Kit angeboten werden soll. Da liegt die Präzisionslatte verdammt hoch beim geneigten Hobby-Bootsbauer!

    Auch passen die Aussagen “Basis-Preis von 3.000 US$ (2.560 Euro)” und “die Materialkosten (Holz) sollten kaum mehr als 3.500 Euro betragen” irgendwie nicht recht zusammen, oder!?

    Trotzdem, dieser tollen Idee sei viel Erfolg gewünscht!

    Like or Dislike: Daumen hoch 0 Daumen runter 0

  2. avatar Michael Kunst sagt:

    Ja, Andreas, hab’ mich auch gewundert, zunächst. Es ist aber tatsächlich so, dass die Materialkosten für das Holzkit deutlich höher liegen als der fertige Werft-Serienbau. Hier schießt eben die Werft reichlich Geld zu und versteht sich als sozialer Partner. Ich gehe sowieso davon aus, dass jetzt die meisten S/V14-Interessenten den Serienbau anpeilen werden… 😎

    Like or Dislike: Daumen hoch 0 Daumen runter 0

  3. avatar Peter Jacops sagt:

    Michael hat recht, die Bootswerft investiert so viel Geld als soziale Ursache, dass ihre Glasfaserversion billiger ist, als wenn man sie selbst in Sperrholz bauen würde. Es könnte jedoch immer noch Gründe geben, Sperrholz zu bauen, zum Beispiel die Möbelschule in den Niederlanden als Schulprojekt. In diesem Fall werden alle Zeichnungen kostenlos angeboten.
    Peter Jacops
    http://www.sv14.org

    Like or Dislike: Daumen hoch 0 Daumen runter 0

  4. avatar Kenner sagt:

    @Miku

    Das ist keine Jolle sondern ein Kielboot !!!

    “Definitions:

    SV14 a 14ft long keelboat designed by Simonis Voogd Design B.V. for SV14.org.”

    Sonst würde sich das Boot nach einer Kenterung nicht wiederaufrichten und die Benutzung des Bootes wäre ohne Kiel nur bei Schwachwind möglich !

    Like or Dislike: Daumen hoch 0 Daumen runter 0

    • avatar Michael Kunst sagt:

      @ Kenner: Kieljollen gibt’s ja auch noch 😜

      Like or Dislike: Daumen hoch 0 Daumen runter 0

      • avatar Kenner sagt:

        Sorry Miku. Es gibt keine Kieljollen. Der Duden kennt sie nicht. Kiel und Jolle sind in sich ein Widerspruch. Es gibt stattdessen “Offene Kielboote”.

        Like or Dislike: Daumen hoch 0 Daumen runter 0

    • avatar Andreas Borrink sagt:

      Klar ist das ein Kielboot. Die Vorstellung, dass es (als Jolle) mit einer bewegungsunfähigen Person auf dem Pilotenstuhl durchkentert, machen wir uns dann ja auch lieber nicht……

      Like or Dislike: Daumen hoch 0 Daumen runter 0

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Sicherheitsfrage (SPAM-Schutz): *