Boat-Office: Wir arbeiten an Bord – Teil 2: Jan Christoph Athenstädt

„Ich bezeichne mich als Digital Slowmad“

Seit der Pandemie ist mobiles Arbeiten angesagt. Warum nicht an Bord? Wir haben uns mit Seglerinnen und Seglern über ihre Erfahrungen unterhalten. In Teil 2 unserer Boat-Office-Serie berichtet Jan Christoph Athenstädt: 

Jan Christoph Athenstädt hat sich ein kleines Videostudio an Bord eingerichtet

Jan Christoph Athenstädt hat sich ein kleines Videostudio an Bord eingerichtet © Privat

Ich bin eigentlich promovierter Informatiker, aber inzwischen betreibe ich hauptsächlich einen Onlineshop. Ich blogge schon seit ein paar Jahren über Bootstechnik. Durch Zufall bin ich dann eines Tages in Kontakt mit einem Großhändler gekommen, der mir angeboten hat, den Versand zu übernehmen, wenn ich einen Shop für entsprechende Artikel aufsetze.

Nun waren im letzten Jahr die entsprechenden Ladengeschäfte wegen der Pandemie oft und lange geschlossen. Deswegen entwickelt sich mein Shop im Moment ziemlich schnell. Das ist natürlich gut für mich. Aber es bedeutet auch, dass ich deutlich mehr Arbeit habe, als ich ursprünglich geplant hatte.

Dafür kann ich inzwischen von dem Shop nicht nur leben, sondern meine Ersparnisse wachsen sogar. Das erweitert meinen Reisehorizont. Als ich losgesegelt bin, war die Idee, zu reisen, solange lange es Spaß macht und das Geld reicht. Und jetzt ist nur noch die Frage, wie lange es Spaß macht.

Natürlich reise ich dadurch, dass ich nebenher mehr oder weniger einen Vollzeitjob mache, deutlich langsamer. Es ist anstrengend, jeden Tag zu segeln und gleichzeitig Kundenanfragen zu beantworten und technische Probleme an der Infrastruktur zu lösen. Ursprünglich wollte ich im Winter 20/21 über den Atlantik segeln. Den Plan habe ich aufgrund von Corona aufgegeben und stattdessen Griechenland angepeilt. Dann hat es mir aber auf den Balearen so gut gefallen, dass ich dort ein bisschen hängengeblieben bin. Den Winter habe ich dann in Barcelona verbracht.

Den Winter hat Jan Christoph Athenstädt in Barcelona verbracht

Den Winter hat Jan Christoph Athenstädt in Barcelona verbracht © Privat

Die Hafenzeit in Barcelona habe ich genutzt, um ein neues Projekt zu starten. Zusammen mit Nigel Calder und Michael Herrmann produziere ich Onlinekurse rund um Bootstechnik. Deshalb habe ich ein mobiles Studio in meinem Boot eingerichtet, um Videolektionen aufzunehmen. Die Aufnahmen laufen noch, aber jetzt, wo das Wetter besser wird, habe ich auch Lust, wieder segeln zu gehen.

Arbeitszeit und Freizeit abzugrenzen finde ich ziemlich schwierig. Natürlich habe ich die Freiheit, tagsüber schnorcheln zu gehen, wenn ich will. Aber dann arbeite ich auch mal abends bis elf oder zwölf, um Kundenanfragen zu beantworten. Langfristig wäre vielleicht ein fester Rhythmus gut, aber auf der anderen Seite muss ich mich auch oft nach dem Wetter richten.

Wenn ich mich länger an einem Ort aufhalte, wie jetzt in Barcelona, und viel arbeite, dann gehe ich gerne in Cafés oder Coworking Spaces. Meine Laurin 32 ist einfach ein kleines Boot für heutige Verhältnisse. Wenn ich am selben Platz, wo ich frühstücke oder lese, auch noch arbeite, dann wird es auf die Dauer doch ein bisschen zu eng.

Je nachdem, was ansteht, verbringe ich recht viele Stunden am Tag am Rechner. Ich habe immer einen kleinen 4G-Router dabei. Je nach Land hole ich mir dann eine lokale SIM-Karte. Strom kommt von der Sonne. Letztes Jahr war ich von Februar bis Oktober kein einziges Mal am Landstrom. Dass das mit dem Solarstrom so gut funktioniert, hätte ich vorher nicht gedacht.

Jan Christoph Athenstädt segelt eine Laurin Koster 32

Jan Christoph Athenstädt segelt eine Laurin Koster 32 @ Privat

Ich hätte erwartet, dass ich mir früher oder später einen Windgenerator oder vielleicht eine bessere Lichtmaschine zulegen muss. Aber meine beiden 150-Watt-Paneele haben tatsächlich gereicht. Ich habe zur Sicherheit noch eine Solartasche in Reserve, aber es würde wahrscheinlich auch ohne sie gehen.

Darüber bin ich sehr froh, denn so bin ich unabhängig und kann auf teure Liegeplätze in Häfen verzichten. Das kam mir auch in der ersten Welle der Pandemie sehr zugute, als ich in Portugal zunächst nicht an Land gehen durfte. Später hatte ich dann das schönste Robinsonleben an der Algarve vor einer einsamen Insel mit fünf Kilometern Strand nur für mich.

Diesen Sommer geht es wahrscheinlich erst nach Korsika und Sardinien. Mal schauen, was dann kommt. Ich habe gemerkt, dass ich es genieße, auch mal länger an einem Ort zu sein und Land und Leute richtig kennenzulernen. Mir ist das ganz recht so in dem Tempo. Ich bezeichne mich manchmal als “Digital Slowmad”.

Ich habe unterwegs viele Segler getroffen, die ein Sabbatical machen und nach einem oder zwei Jahren wieder zu Hause sein müssen. Die haben natürlich den Ansporn, möglichst schnell zu segeln. Für mich ist es auch okay, wenn ich dieses Jahr nicht über den Atlantik segele. Nächstes Jahr bin ich ja schließlich auch noch unterwegs.

In Teil 1 unserer Boat-Office-Serie berichten Maren und Matthias Wagener.
In Teil 3 unserer Boat-Office-Serie berichtet Jessica Stiefken.
In Teil 4 unserer Boat-Office-Serie berichtet Jasmin Conrad.

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