Boat-Office: Wir arbeiten an Bord – Teil 3: Jessica Stiefken

“Manche Ideen hätte ich ohne diesen Arbeitsplatz nicht gehabt“

Seit der Pandemie ist mobiles Arbeiten angesagt. Warum nicht an Bord? Wir haben uns mit Seglerinnen und Seglern über ihre Erfahrungen unterhalten. In Teil 3 unserer Boat-Office-Serie berichtet Jessica Stiefken: 

Arbeitsplatz in der Messe der "Alexander von Humboldt"

Arbeitsplatz in der Messe der “Alexander von Humboldt” © Privat

Am Anfang der Pandemie stand bei mir die Bachelor-Arbeit an. Ich studiere Geschichte und bin eine reine Bibliotheksarbeiterin. Als die Uni zugemacht hat, stand ich also ohne Arbeitsplatz da. Dazu kommt, dass in meiner Nachbarwohnung gerade der Fußboden herausgerissen wurde.

Nun arbeite ich nebenbei ehrenamtlich in der Stammcrew der „Alexander von Humboldt“, die zu dem Zeitpunkt gerade in Harlingen in die Werft gegangen war. Es hatten sich 140 Leute zur Mitarbeit angemeldet, aber wegen Corona kamen nur 30. Also bin ich hin und habe neben der Arbeit am Schiff im Salon weiter an dem Text gearbeitet.

So bin ich auf den Geschmack gekommen. In Kiel bin ich im Verein aktiv und segele seit zwei Saisons auf einer Albin Express, mit deren Skipper ich auch gut befreundet bin. Der hatte mitbekommen, welche Probleme ich hatte, und vorgeschlagen, an Bord zu arbeiten. Zusätzlich konnte ich es mir auf den barrierefreien Jollen des Vereins bequem machen.

Ich verbringe ohnehin einen großen Teil meiner Zeit im Hafen und WLAN gibt es da auch.
Ich habe es sehr schätzen gelernt, auf dem Boot zu arbeiten. Es herrscht eine ganz besondere Stimmung. Die üblichen Alltagsdinge, die einen zu Hause ablenken, sind weit weg, dafür schaukelt es angenehm. Zudem hatte ich nette Menschen um mich, wenn ich Kontakt brauchte. Aber sie haben mich auch in Ruhe arbeiten lassen, weil sie wussten, dass ich nicht zum Spaß da sitze. 

Jessica Stiefken gehört zur Stammcrew der "Alexander von Humboldt"

Jessica Stiefken gehört zur Stammcrew der “Alexander von Humboldt” © Privat

Ich hatte es mir schwieriger vorgestellt, mich nicht ablenken zu lassen. Zum Beispiel durch das Training. Es ist mir gut gelungen, den Rechner dann einfach zuzuklappen und später an der gleichen Stelle weiterzuarbeiten. Vielleicht war es sogar eher ein Ansporn, sich den Feierabend zu verdienen. Jedenfalls habe ich die Bachelor-Arbeit an Bord beendet.

Ich habe sehr viel gelernt und gearbeitet, weil ich ruhig vor mich hinschreiben konnte. Ich bin auch auf Ideen gekommen, die ich ohne diesen Arbeitsplatz gar nicht gehabt hätte. Zum Beispiel musste ich eine Hausarbeit über die Antike schreiben. Es ging darum, nachzuweisen, ob ein bestimmter griechischer Herrscher Kontakt mit Ägypten gehabt haben konnte.

Eigentlich hätte mich das nicht besonders interessiert. Aber umgeben von den ganzen Booten ist die Idee entstanden, einen Schiffstyp aus der Zeit zu untersuchen. Darüber ist wenig bekannt, weil es kein Kriegsschiff war. Jedenfalls konnte ich zeigen, dass die Rumpfform und das Rigg dazu geeignet waren, schnell zwischen Griechenland und Ägypten zu reisen.

Arbeitsplatz für die Bachelor-Arbeit auf einer Albin Express

Arbeitsplatz für die Bachelor-Arbeit auf einer Albin Express © Privat

Das Verrückte war, dass ich fast nur im Cockpit gearbeitet habe. Ein Sonnensegel über dem Baum hat Schutz geboten, aber ich war trotzdem in Kontakt mit den Elementen. Wenn es in Strömen geregnet hat, habe ich mich schon mal untergestellt. Aber meistens habe ich in der dicken Segeljacke an Deck gesessen, das war erstaunlich gemütlich.

Ich habe außerdem das Glück, dass ich nebenbei beim Seglerverband arbeite. Viele andere haben einfach ihre Jobs verloren. Aber der Verband ist natürlich relativ flexibel. Ob ich mich jetzt nachmittags für drei Stunden auf dem Boot hinsetze oder zu Hause, spielt für das Ergebnis keine Rolle. Diese Sorge hatte ich also nicht.

Allerdings habe ich inzwischen gemerkt, dass das Internet im Hafen seine Grenzen hat. Recherche ist kein Problem, aber der Lehrbetrieb mit Videokonferenzen geht ab der Mittagszeit nicht mehr.

Inzwischen wechsele ich also zwischen den Arbeitsplätzen. Ich genieße es zum Beispiel auch, nach einem Tag Arbeit an Bord Feierabend zu machen und wieder nach Hause zu fahren.

In Teil 1 unserer Boat-Office-Serie berichten Maren und Matthias Wagener.
In Teil 2 unserer Boat-Office-Serie berichtet Jan Christoph Athenstädt.
In Teil 4 unserer Boat-Office-Serie berichtet Jasmin Conrad.

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