Class 40: Wie ein Korken in den Wellen – Kenterung mitten auf dem Atlantik

Rettung aus dem Vollwaschgang

Eine moderne Class-40 wurde vor den Azoren bei der Atlantik-Rücküberführung von einer extremen Welle getroffen. Sie kenterte und lief voll. Beide Segler mussten per Helikopter abgeborgen werden.

Erstens: es kommt alles anders. Zweitens: als man denkt! So oder ähnlich dürfte Louis Duc gedacht haben, als er in der Koje seiner Class 40 plötzlich spürte, wie sein Boot hart krängte, quer schlug und von einer Welle so brutal erwischt wurde, dass es durchkenterte und abschließend der Vollwaschgang für Crew und Boot eingeleitet wurde.

Vielleicht dachte Louis aber auch: „Shit, das war’s dann wohl!“ Als zentnerschwere Segelsäcke auf ihn fielen, er für gefühlte Ewigkeiten unter Wasser gedrückt wurde bis er sich nach Luft schnappend befreien konnte, sein am Kopf verletzter Mitsegler Thomas Servignat blutüberströmt vor ihm auftauchte, und Louis in dem gesamten infernalischen Getöse aus brechenden Wellen, gurgelndem Wasser, heulendem Wind und ächzendem Rumpf ahnte, dass es nun ans „Eingemachte“ gehen würde. 

Die Class 40 “Carac” von Louis Duc © duc

Natürlich war alles anders vorgesehen. Denn wer rechnet schon damit, dass sich nach einer bis zu diesem infernalischen Moment coolen und gewissermaßen ereignislosen Atlantiküberquerung das Blatt so radikal wenden würde? Schließlich waren die beiden auf einem Boot unterwegs, das in der Hochseeszene gerne als „Arbeitspferd der Meere“ bezeichnet wird. Auf das man sich In fast allen Situationen verlassen kann und das vor allem für gutes bis sehr gutes Verhalten in schwerem Wetter geschätzt wird.

Und so richtig „schwer“ kam den beiden Seglern die Lage kurz vor der Kenterung noch nicht vor: 35 Knoten Wind plus Böen, ca. fünf Meter Wellenhöhe, das Ganze auffrischend. Eine für Hochseesegler nicht unübliche Wetterlage, die man mit der entsprechenden Beseglung problemlos beherrschen kann.

Alles dabei

Am 2. Dezember waren die beiden Segler auf ihrer Class 40 aus dem Jahr 2017 im brasilianischen Salavatore de Bahia gestartet, um das Boot nach einer durchaus erfolgreichen Transat Jacques Vabre (Rang 5 für das Duo Duc/Ducroz)  wieder zurück in seinen Heimathafen Lorient/Bretagne zu segeln. Diesmal wurde Skipper Louis Duc von Thomas Servignat begleitet, der als Bootsbauer bei der kleinen, aber sehr geschätzten Werft „Gepeto“ zwischen den Bunkern von La Base in Lorient mit am Boot gebaut hatte. 

Knapp an einer Katastrophe vorbei geschrammt © Louis Duc

An Bord befand sich das nach den strengen Class-40-Klassenregeln übliche Security-Equipment wie etwa Rettungsinsel, Epirb, Grab-Bag, Yellow Brick-Tracking und alle Möglichkeiten, um auf See Wetterdaten zu empfangen und entsprechenden Analysen vorzunehmen. 

Während der ersten beiden Wochen war das Wetter gnädig bis günstig. Bei moderaten Windverhältnissen aus Nord-Ost mussten sich Männer und Boot eher in der westlichen Hälfte des Atlantiks aufhalten, bis sie sich in Richtung Azoren aufmachten. 

Langfristige Wettervorhersagen ergaben, dass ungefähr im Zeitraum der Annäherung ans Azoren-Archipel der Durchzug eines Tiefs zu erwarten sei. Entsprechend bereiteten sich die Beiden darauf vor, eventuell für ein paar Tage Unterschlupf in Horta zu finden. 

Ausgeknockt © francois denis

Louis Duc erzählt: „Wir segelten ungefähr 200 Seemeilen südöstlich der Azoren. Unsere Route sollte zwischen Flores und Faial verlaufen, weil wir wussten, dass sich östlich des Archipels ordentlich was zusammenbraute. Die See ließ zwar etwas ihre Muskeln spielen, aber andrerseits hatte ich auch unbedingtes Vertrauen in das Boot, mit dem ich auch alleine schon deutlich härtere Situationen durchgestanden hatte. Dabei verspürte ich nie das Gefühl, ans Limit des Bootes gegangen zu sein. Wäre ich mir unsicher gewesen, hätte ich einfach beigedreht und abgewettert.“ 

Doch wie das auf den Rennschüsseln eben so ist: Die Kiste lief hervorragend, im Surf bis zu 26 Knoten, dazwischen ging die Geschwindigkeit bis auf 9 Knoten hinunter. Das Boot krängte nur wenig, die Situation war also durchaus stabil. 

Zuviel oder zu wenig?

„Wie sich später herausstellte, waren wir jedoch etwas untertakelt,“ erinnert sich Louis. „In der Nacht zuvor war die Genua eingerissen, so dass wir uns entschlossen, den Hafen von Horta nun wirklich anzupeilen, um dort die nötigen Reparaturen vorzunehmen. Wir segelten also eher entspannt unter Sturmfock und mit zwei Reffs im Groß weiter.“ Doch wahrscheinlich war diese Segel-Kombination ein Teil des Verhängnisses. 

Hier passierte die Kenterung © yellow brick

Zuvor hatte der Autopilot gezickt und das Boot ließ sich nicht mehr im Modus „Wind“ steuern. Soll heißen, der Autopilot richtet sich nur noch nach den eingegebenen Kompassdaten.

„Als ich dann nachts, wie alle Seeleute, mit einem schlafenden und einem wachenden Auge in der Koje lag und das Boot sehr stark krängte, ahnte ich schon, dass es jetzt ungemütlich werden würde,“ berichtet Louis heute. „Aber so ungemütlich?“

Eine außergewöhnlich hohe, rasch brechende Welle, die wie aus dem Nichts erschien, machte aus Männern und Boot einen Spielball der Elemente. Louis: „Wir waren wie ein Korken auf dem Wasser, schlugen quer, kenterten durch und dann war nur noch Chaos! Ich befürchte, dass wir letztendlich zu langsam waren – mit mehr Segelfläche hätten wir die Welle länger und sicherer abreiten können.“ 

Nach den ersten Schrecksekunden, als sich die beiden Segler – zwar angeschlagen, aber immerhin – wiedergefunden hatten, waren die automatischen Reflexe gefordert. Hüfthoch im Wasser in der Kajüte stehend, kappten sie zunächst den Strom, um ein Feuer an Bord zu verhindern. Dann zog Louis die EPIRB-Bake aus der Halterung unterhalb der Niedergangstreppe. Die Überlebenstasche hing direkt daneben, doch die Überlebensanzüge waren auf den ersten Blick in all’ dem Chaos aus Segeln und Inventar nicht zu finden. 

Louis (rechts) und Thomas zu Beginn der Überführung © duc

Beide Segler zogen sich auf das Vordeck zurück – der einzige Ort, der nicht vollständig unter Wasser war. Erste Bilanz: Nach der Kenterung war das Deck besenrein gefegt, der Mast also gebrochen, die Wanten ein unglaubliches Chaos. Das Boot war zur Hälfte abgesoffen, ob es bereits Schäden im Rumpf gegeben hatte, war nicht abzusehen.

Alles war mit Wasser überspült, bis auf den vorderen Bugbereich. Dort hatte das Boot wohl Auftrieb durch die hermetisch geschlossene Crashbox. Die Rettungsinsel befand sich im hinteren Teil des Rumpfes ca. einen Meter unter Wasser. Doch aufgrund des hinter dem Heck umhertreibenden Gewirr aus Wanten und Mastteilen kam Louis Duc trotz mehrfacher Versuche „ums Verrecken nicht an die Rettungsinsel ran“.

Schließlich gab Louis auf. Auch weil die beiden Segler befürchteten, er könne sich in den Wanten und Seilen verheddern und ertrinken. „Irgendwann trieben dann die beiden Rettungsanzüge an uns vorbei,“ erinnert sich Louis noch heute kopfschüttelnd. Ein Geschenk des Schicksals nach dem Schicksalsschlag. 

Fast alles richtig gemacht

Louis Duc: „Die Class-40-Security-Spezialisten können bei den Checks vor den großen Regatten richtig nerven. Aber als ich jetzt zum Beispiel keine Sicherheitsbox dabei hatte, sondern auf deren Anraten einen Sicherheitsrucksack, durch den ich die Hände frei hatte und der so nicht verloren gehen konnte, war ich richtig dankbar für solche Ideen. Und auch die Regel, dass die Class 40 unsinkbar sein müssen, war in unserer Situation ungemein beruhigend.

Das ist zwar letztendlich nicht bei allen Booten der Fall – wie will man das überprüfen? –  doch hiermit sei unserem Konstrukteur Lombard nochmals gedankt und versichert: Du hast alles richtig berechnet, das Boot blieb stabil an der Wasseroberfläche. Obwohl es nahezu restlos vollgelaufen war!“  

Zwischenzeitlich hatte die Beiden längst die Notfall-Bake EPIRB ausgelöst. „Doch als wir dann stundenlang auf dem Deck rumsaßen, wuchsen die Zweifel, ob unsere Hilferufe wirklich empfangen wurden,“ berichtet Louis weiter. „Bei mir löste das zuerst einmal Wut über das Schicksal aus. Ich fluchte rum, dass wir von einer einzigen Welle umgeschmissen wurden, wir hatten mit viel Glück die Überlebensanzüge gefunden, wir saßen auf einem offensichtlich unsinkbaren Boot – und jetzt klappt der Notrufsender nicht!“ 

“Wir haben eine Menge Schwein gehabt” – Duc an der Pinne seiner mittlerweile wohl gesunkenen Class 40 © duc

Doch das EPIRB arbeitete perfekt: „Nach einer halben Nacht und einem Tag auf dem Boot überflog uns gegen Einbruch der zweiten Nacht ein Flugzeug der portugiesischen Seenotretter und gab unsere Position weiter. Kurz darauf schwebte über uns ein Hubschrauber des MRCC Punta del Garda. Der Rest ist Geschichte – wir mussten nur noch den Anweisungen dieser unglaublich mutigen und effektiven Rettungscrew folgen. Bei 40 Knoten Wind flogen die Millimeter-Manöver, nahmen uns auf und brachten uns in Sicherheit.“

Das Boot trieb weiter, halb abgesoffen, aber eben noch an der Wasseroberfläche. Der Yellow-Brick-Tracker sendete zwar weiter, aber nur noch unregelmäßig. Zwei bis drei Mal am Tag, und das auch nur noch bei ruhigem Wetter. Die Versicherungsgesellschaft, die Louis Ducs Boot absicherte, schickte einen Bergungsspezialisten nach Horta, der von einem gecharterten Fischerboot aus die treibende Class 40 aufspüren und begutachten sollte.

Doch schließlich sendete der Tracker keine Signale mehr. Nach mehrere Versuchen zwischen zwei Tiefs gab das Team auf.  Ob das Boot letztendlich doch gesunken ist oder noch immer als UFO durch den Atlantik treibt, konnte nicht geklärt werden. 

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Michael Kunst

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