CO2 Ausstoß: Absurde Diskussion um ein Tempolimit auf dem Rhein

Radarfallen auf dem Rhein?

Rheinwoche

Bei der Rheinwoche: Gefangen zwischen Berg- und Talfahrer. Der Pirat kreuzt lässig zwischen den Frachtern… © Tobias Moesgen

Viel nachgedacht haben Kölns Oberbürgermeisterin Reker und ihr Beraterstab wohl nicht, als sie ausgerechnet mit einem Tempolimit die Emissionswerte der Binnenschifffahrt reduzieren wollten. 

Der Ansatz war vielleicht richtig. Ende 2018 wurden im Zuge der Diskussionen rund um drohende Automobil-Dieselfahrverbote in den Städten auch Stimmen laut, die andere Emissions-Sünder in und rund um die betroffenen Städte ausgemacht hatten. Und da bekanntlich die Handels- und Kreuzfahrt- bzw. Tourismus-Schifffahrt – ganz egal, ob binnen oder zur See – zu den größten Umweltsündern auf unserem Planeten zählen, witterten die Gegner der Dieselfahrverbote Morgenluft.

Binnenschifffahrt, Tempolimit

Ziemlich viel los: Binnenschiffe auf dem Rhein bei Köln © R. Heinrich/wikipedia

In lokalen Medien entlang schiffbarer Flüsse erschienen hin und wieder Artikel, in denen Fragen nach Emissionswerten der Binnenschifffahrt gestellt wurden, Rufe nach Messstationen entlang der Flüsse waren (verhalten) zu vernehmen.

Bis sich die Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker vor dem dritten „Dieselgipfel“ in Berlin Ende letzten Jahres  öffentlich einmischte. Der Schiffsverkehr trage erheblich zur Luftverschmutzung in Köln bei, argwöhnte sie. Hintergrund waren wohl die vom Kölner Verwaltungsgericht im November beschlossenen Fahrverbote: Ab April 2019 sollen Dieselautos der Abgasklasse 4 oder schlechter sowie Benziner der Klassen 1 oder 2 aus dem größten Teil des Stadtgebiets ausgeschlossen werden. Ab September sind auch Fahrer von Euro-5-Dieseln betroffen.

Bis hierher war alles ein ganz normaler politischer Vorgang: Pro und Contra und die Suche nach neuen Argumenten. Doch dann brachte Reker einen Vorschlag ins Spiel, der aufhorchen ließ. „Deshalb ist ein Tempolimit unumgänglich, sowohl für die Personen- als auch für die Frachtschifffahrt.“

Ist die Idee jeck?

Tempolimit auf dem Rhein? Die Autolobby war entzückt, schließlich wurde so von deren Sünden abgelenkt. Doch alle, die jemals mit der Schifffahrt auch nur im Entferntesten zu tun hatten, runzelten die Stirn. Schließlich sind Binnenschiffe nicht gerade dafür bekannt, dass sie über die Flüsse rasen. Und somit deren Emissionsausstoß eben nicht mit Geschwindigkeit, sondern mit anderen Faktoren in Zusammenhang gebracht werden sollte.

Binnenschifffahrt, Tempolimit

Containerschiff der neuesten Generation – bald auch mit E-Motor? © F.Lang/wikipedia

In manchen Medien wurde dezent auf die suboptimal ausgerichtete Argumentation hingewiesen, in anderen wurde sie gleich als „Schnapsidee“ bezeichnet.

Immerhin ging die Aufregung so weit, dass die FDP in einer kleinen Anfrage an den Bundestag zum Thema „Emissionen in der Binnenschifffahrt“ neben Fragen zu Stickstoffdioxid-Belastung durch Binnenschiffe und deren Auswirkungen auf flussnahe Städte auch die Frage stellte, ob die Bundesregierung auf dem Rhein ein Tempolimit für Binnenschiffe befürworte. 

Kein Anlass für ein Tempolimit

Deren Antwort wurde nun bekannt gegeben. „Der Einfluss von Binnenschiffen auf die Stickstoffdioxid-Konzentration in den Städten ist gering.“ Deshalb sehe die Bundesregierung keinen Anlass für ein Tempolimit auf dem Rhein. Ein niedrigeres Tempo würde den Emissionsausstoß nur unmerklich verringern, heißt es.

Wie viele Emissionen ein Binnenschiff verursache, hänge davon ab, ob es stromauf- oder stromabwärts fahre und ob es voll beladen oder leer sei. Die Geschwindigkeit sei nicht ausschlaggebend.

Weil die Antwort auf die Sinn- oder Unsinn-Frage eines Tempolimits so logisch ausfällt und somit viele Lacher auf der Seite der Berufsschiffer stehen dürften, ist eine andere, im Prinzip viel wichtigere Diskussion zumindest in der Öffentlichkeit nun „unter den Tisch gefallen“.

Strengere Grenzwerte

Seit dem 1. Januar 2019 gelten die weltweit strengsten Grenzwerte für Motoren unter 300 kW und ab dem 1. Januar 2020 oberhalb von 300 kW auf europäischen Wasserstraßen. Das Europäische Parlament und der europäische Rat hatten die „Non-Road-Mobile-Machinery-Verordnung – kurz: NRMM) verabschiedet. Deren Ziel ist die stetige Reduktion von Emissionen und das Ersetzen älterer Motoren durch umweltfreundlichere Motoren für mobile „Nicht-Straßenfahrzeuge. Was somit auch für Binnenschiffe gilt.

Entsprechend interessant wäre es zu wissen, ob Motoren-Hersteller überhaupt innovativ auf die neue Gesetzgebung reagieren (mehr als 150 Motoren können pro Jahr wohl nicht an die Binnenschifffahrt verkauft werden). Schließlich ist die gesamte Branche Binnenschfffahrt dafür bekannt, dass sie auf sehr langlebigen Transportmitteln unterwegs ist. Und wie ernsthaft werden die neuen Bestimmungen auf den Binnenschiffen eingehalten?

In Skandinavien fahren mittlerweile bereits die ersten Binnenschiffe und Fähren mit E-Motoren-Antrieb, Hybrid-Antriebe sind bis in Kreuzfahrtschiffe zur See vorgedrungen. Wann wird es entsprechende Antriebe auf dem Rhein und anderen Wasserstraßen geben? Reicht dafür eine EU-Verordnung aus?

Was jetzt schon sicher sein dürfte: Die Diskussion darüber wird nicht halb so laut ausfallen wie nach der Forderung eines Tempolimits auf dem Rhein.

Tipp: André Mayer

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Michael Kunst

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Ein Kommentar „CO2 Ausstoß: Absurde Diskussion um ein Tempolimit auf dem Rhein“

  1. Hallo Herr Kunst,

    welche Befürchtungen haben Sie denn bezüglich der Frage “Wie ernsthaft werden die neuen Bestimmungen auf den Binnenschiffen eingehalten”? Die Richtlinie trifft ja nur auf Neubauten und Neumotorisierungen zu. Die Branche selbst befürchtet wie Sie auch schildern, dass die Motorhersteller zu wenig in Neuentwicklungen investieren, da der Markt “europäische Binnenschifffahrt” zu klein ist.

    Eine Ergänzung: Auch auf hiesigen Gewässern gibt es bereits Elektro- und Hybrid-Antriebe:
    https://www.bonapart.de/nachrichten/beitrag/gemeinde-oberbillig-bestellt-erste-elektro-faehre-deutschlands.html
    https://www.bonapart.de/nachrichten/beitrag/getauft-tankmotorschiff-hedy-jaegers-faehrt-mit-hybridantrieb.html
    Weitere Beispiele wären da GMS “Goblin” sowie sämtliche “Longships” der Viking River Cruises.

    Beste Grüße

    Christian Grohmann

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