Italiens Corona-Strategie: Wie die Nachbarn mit Seglern umgehen – Vorsichtige Lockerung

Häfen bleiben gesperrt

Während hierzulande die Politik noch rätselt, wie sie den Segelsport behandeln soll, lohnt sich ein Blick über den Tellerrand nach Italien. Ab dem 4. Mai dürfen dort einige Segler aufs Wasser.

Wann man die italienische Gastland-Flage wohl wieder setzen darf?

Italien ist schwer gebeutelt vom Corona-Virus. Die Zahl der infizierten Menschen hat die Marke von 200.000 überschritten. Mehr als 27.000 Menschen sind gestorben. Zwar sinkt die Zahl der Patienten auf den Intensivstationen, und die Basis-Reproduktionszahl liegt mit 0,2 bis 0,7 niedriger als in Deutschland (zuletzt 1), aber Regierungschef Giuseppe Conte hat am Sonntag bekanntgegeben, dass die vor sieben Wochen eingeführten massiven Einschränkungen nur vorsichtig gelockert werden.   

Bildliche Adaption der Argumentation von Corona-Lockdown-Gegnern – auch in Deutschland. © FB

Weitere Etappen sind der 18. Mai und der 1. Juni. Ab dem 4. Mai dürfen die Italiener nun zwar wieder ihre Verwandten besuchen, und mehr Sport im Freien treiben, ansonsten herrscht  de facto aber weiterhin Hausarrest. Die rigiden Maßnahmen haben offensichtlich zum Abebben den Ansteckungsgefahr geführt, aber wie auch in Deutschland mehrt sich die Kritik wegen der erheblichen wirtschaftlichen Auswirkungen. In Italien soll bis zu 30 Prozent der Unternehmen die Pleite drohen.

Die von Conte als „Phase zwei“ bezeichnete Etappe im Kampf gegen die Viruskrankheit ab dem 4. Mai soll zwar auch Erleichterungen für die Wirtschaft beinhalten, die gehen vielen aber nicht weit genug. Die Wasserport-Industrie ist besonders betroffen. 

Denn den Bürgern ist es nach wie vor nicht erlaubt, ihre Region zu verlassen. Die meisten kommen also nicht zu ihren Booten. Und wenn doch, dann ist es immer noch verboten, auf eigenem Kiel den Yachthafen zu verlassen. Nur für die Spitzensegler ist eine Ausnahmeregelung ab dem 4. Mai vorgesehen. Sie dürfen auf dem Wasser trainieren, so wie in Deutschland auch.

Mehr Freiheit für Freiluftsportarten?

Die italienische Segelszene hatte gehofft, dass sich die Regierung zu der Überzeugung hätte hinreißen lassen, Freiluftsportarten wie dem Segeln mehr Möglichkeiten zu gewähren. Schließlich könne besser Abstand gehalten werden, als etwa beim Fußball. Aber nun müssen auch die Segler bis zum 18. Mai als nächsten Stichtag warten. Dann könnten weitere Erleichterungen umgesetzt werden.

Die Segler sind sich aber noch nicht sicher, wie sich die neuesten Vorgaben aus Rom genau für sie interpretieren lassen. Auch hier zeigt sich die Parallele zu Deutschland. Das Wissen der Politiker über die Freizeitbeschäftigung auf dem Wasser ist zu gering, um die Ansteckungsgefahren realistisch einschätzen zu können.

Eigentlich sind Individualsportarten wie Radfahren oder Surfen erlaubt, aber da alle Sportvereine auch nach dem 4. Mai geschlossen bleiben, kommen auch die meisten Jollensegler nicht zu ihrem Material. Verboten ist eben auch das Verlassen der Regionen. Und gerade diese Regel dürfte laut Politik-Beobachtern noch länger bestehen bleiben. Deshalb erwarten italienische Segelfunktionäre keine Wettkampfaktivitäten auf dem Wasser vor August oder September.

Allerdings gibt es auch in Italien Beispiele für Sonderregelungen, an denen sich die Segler orientieren und von denen sie eine Vorbildfunktion erwarten. So hat die Region Ligurien ausdrücklich die Sportfischerei vom Boot erlaubt.

Unternehmen atmen auf

Produzierende Unternehmen der Sportbootbranche können etwas aufatmen. Laut aktuellem Regierungserlass dürfen in ganz Italien Firmen, “die von strategischer Bedeutung für die nationale Wirtschaft” sind, wieder produzieren. Auch wenn sie hauptsächlich auf den Export ausgerichtet sind. Ihre Wichtigkeit wird daran gemessen, ob internationale Marktanteile verloren gehen könnten. Per Formular muss die “vorherrschende Exportorientierung” bescheinigt werden.

Dem Branchenverband Confindustria Nautica ist es gelungen, zuständige Regierungsvertreter davon zu überzeugen, dass die Lieferketten mithilfe spezieller Schutzmaßnahmen ohne größere Ansteckungsgefahr sichergestellt werden können.

Angst vor der “zweiten Welle”

Italienische Politiker scheinen generell aber ebenso hilflos mit dem Thema Segeln und Corona umzugehen, wie in Deutschland. Vor dem Hintergrund, dass schon die Bedingungen geprüft werden, unter welchen Bedingungen ab dem 18. Mai die Fußball-Liga Serie A wieder ihren Betrieb aufnehmen kann, scheint es wesentlich realistische, den Seglern zuzutrauen verantwortungsvoll die Risiken der Ansteckung zu minimieren. Wie ginge es besser als die Isolation auf einem Segelboot?

Die Angst vor einem “Rückfall”, vor der “zweiten Welle”, ist gerade in Italien allgegenwärtig. Neben den gesundheitlichen Folgen wären auch die wirtschaftlichen noch schlimmer als bei einer geduldigen Lockdown-Politik. Aber gerade viele italienischen Beobachter der Situation glauben inzwischen, dass in der Bevölkerung das Verständnis für Risiken und die Gegenmaßnahmen mit Mundschutz, Abstandhalten und Hygieneregeln derart gewachsen ist, dass man der Eigenverantwortung des Einzelnen vertrauen kann.  

Segeler diskutieren auch in Italien, dass es nicht darum gehen kann, die Wasserzeit zu beschränken. Gefahr geht von den Begegnungen an Land aus. Jedem sollte verständlich sein, dass die Corona-Lockerungsmaßnahmen-Party am Clubgrill ausfallen sollte. Wenn aber ein Segler mit Handschuhen und Maske in sein Auto zu steigt, um mit Familie oder allein das Schiff im Yachthafen zu erreichen, und er dort die Leinen löst, sollte es keine Probleme geben.

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

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