Corona-Virus: Zum Training nach Norditalien? – Sind Regatten auf dem Heimrevier sicher?

"Eigenverantwortlich entscheiden!"

Zuhause bleiben und ein paar Trainingseinheiten ausfallen lassen oder ein weiteres Ansteckungsrisiko eingehen und wie gewohnt in Norditalien oder auf dem Heimrevier die Saison eröffnen? Fragen, auf die es derzeit noch keine eindeutige Antworten gibt.

Kippt das Virus die Regatten? © IODA

Das Corona-Virus ist mittlerweile, zumindest im übertragenen Sinne,  längst in der Segelszene angekommen. Wenn auch glücklicherweise unter deutschen Seglern noch keine Corona-Infektionen bekannt geworden sind, sorgt sich vor allem die Regattaszene verstärkt um den baldigen Saison-Beginn: Werden Trainingsveranstaltungen oder Regatten abgesagt? Sind Reisen ins Ausland, speziell ins sonst so beliebte Norditalien, zwecks Training oder Wettkampf überhaupt noch zu verantworten? Oder noch naheliegender: Sollte man den nächsten Clubmitgliederversammlung nicht doch besser um ein paar Wochen oder gar Monate verschieben? 

Asien wird (vorerst) gemieden

Vor allem die beiden 470er-Segler Göttlich/Klasen machten in deutschen Seglerkreisen von sich reden, als sie beim Training in China wegen COVID-19 regelrecht strandeten (SR-Artikel). Die Weltumseglungsregatta Clipper Race mit Amateur-Crews wurde bereits umgeleitet und wird asiatische Häfen nicht anlaufen. Und das Gerücht, das IOC überlege, wegen der Corona-Ansteckungsgefahr die anstehenden Olympischen Spiele vom asiatischen Raum nach London zu verlegen, hält sich hartnäckig (SR-Bericht). Last not least: Der Mühlenberger Segelclub sagte als erster deutscher Segelclub ein Trainingslager in Norditalien mit 200 Seglern und Seglerinnen aus dem Verein kurzfristig ab.

Ist Norditalien tabu?

Überhaupt, die Trainingslager und Regatten in Norditalien. Hauptsächlich süddeutsche Clubs sind traditionell ab März bis weit in den Frühsommer hinein beim Training auf den norditalienischen Seen unterwegs. Auf Revieren wie dem Garda- oder Comer-See, dem Lago Maggiore oder dem Iseo-See wären normalerweise in den kommenden Wochen Hunderte Kinder, Jugendliche und Erwachsene auf ihren Booten aktiv.  Außerdem stehen dort erste Regatten an, die seit Jahren als Season-Opener beliebt und entsprechend gut besucht sind.

Massenevent auf dem Gardasee trotz Corona-Virus – könnte das gutgehen? © 

Apropos gut besucht: Am meisten Sorgen macht den Vereinen und (Jung)Seglern derzeit ein Segelevent, das in COVID-freien Zeiten zu einem der beliebtesten in der frühen Saison zählt: Das „Lake Garda Meeting“ – der Welt größte Optimisten-Regatta, für die in diesem Jahr 900 Teilnehmer (deutlich weniger als in den letzten Jahren) gemeldet haben. 

Können oder dürfen solche Events in einer Gegend stattfinden, in deren weitläufiger Nachbarschaft das Corona-Virus vrstärkt aufgetreten ist, wo sogar Dörfer und Kleinstädte von der Außenwelt isoliert bzw. abgeschnitten werden? Oder anders betrachtet: In unserer mobilen Welt, in der Entfernungen sowieso kaum noch eine Rolle spielen und Viren im wahrsten Sinne der Worte aus allen Ecken der Welt herangeschleppt werden können – müssten zum Schutz der Sportler und ihrer Begleitung nicht per se derartige Veranstaltungen abgesagt werden? 

Risiko grundsätzlich erhöht

Bleiben wir beim Lake Garda Meeting (geplant: 9.4 bis 12.4.), das derzeit stellvertretend für einige andere Regattaveranstaltungen in Norditalien in der Diskussion steht. Einmal auf dem Wasser, sind die jungen Segler wohl kaum noch dem Risiko ausgesetzt, sich mit COVID-19 anzustecken. Doch vor allem bei allen sozialen Veranstaltungen, bei Team- und Regattabesprechungen und Pre-und Post-Race-Geselligkeiten, bei denen es immer eng zugeht, ist das Risiko einer Ansteckung eindeutig erhöht. Wie bei allen anderen Massen Events – und als solches kann man das Lake Garda Meeting wirklich bezeichnen – übrigens auch. 

Göttlich/Klasen beim Training mit Mundschutz in China. © Göttlich/Klasen

Was können Segler angesichts einer Ansteckungsgefahr also tun? Vor allem im Internet, in Segel-Foren aber auch auf privaten Blogs, polarisiert das Virus und der Umgang mit demselben bis ins Extrem.

Da sind einerseits Vereine und Eltern, die sich am liebsten von allem fern halten möchten und entsprechend ihre geplanten seglerischen Aktivitäten auf ein Minimum herunterfahren bzw. alles absagen. Eine besonders aufrüttelnde und glaubhaft besorgte Mahnung, sich von Regatten in Norditalien fern zu halten, hat der Segler und Ökonom Jean-Pierre Kiekens unter dem Titel „Sailing and the Corona-Virus“ im Internet gepostet (Link). 

Und es gibt die anderen, die derartige Maßnahmen mit „hysterisch“ bezeichnen und ihre anstehenden Trainingslager oder Regatten ohne Vorbehalte besuchen möchten. Vorausgesetzt sie finden statt! 

Pause für das Lake Garda Event?

Denn in Sachen Seuchenbekämpfung haben auch die Behörden ein Wörtchen mitzureden. Wenn also der Staat beschließt, dass Sportveranstaltungen grundsätzlich annulliert oder zumindest verschoben werden müssen, werden die Segler vor vollendete Tatsachen gestellt. Doch bisher wird – in Italien wie in Deutschland – den Veranstaltern (noch) die Wahl gelassen, ob sie ihre Rennen respektive Regatten absagen oder durchführen.

Dabei zögern jedoch viele Regatta-Veranstalter und sparen mit Informationen und Transparenz gegenüber den potentiellen Teilnehmern. Aus Insiderkreisen ist zu vernehmen, dass man beispielsweise angesichts der Opti-Weltmeisterschaft, die im Juli ebenfalls auf dem Gardasee stattfinden soll, unbedingt einen Image-Verlust vermeiden möchte. Ob das nun eine einjährige Pause für das Lake Garda Opti-Event bedeutet, bleibt abzuwarten. 

Optimist Meeting

Alle Jahre wieder Ostern am Gardasee. © FVR

Auch die Verbände halten sich mit Empfehlungen für Vereine, Segler und (im Fall der Optis) Eltern eher zurück.

Die International Optimist Dinghy Association hat zum Beispiel am 28. Februar bekannt gegeben, dass die Südamerikanischen Meisterschaften trotz Corona-Virus in Argentinien stattfinden werden. Die Organisatoren seien in engem Kontakt mit Beamten des öffentlichen Gesundheitswesens. Während der Veranstaltung wollen die Organisatoren präventive Maßnahmen auf dem gesamten Gelände sowie an den Unterkunfts- und Verpflegungsorten bereitstellen. (Link). Zur Opti-WM oder zum Lake Garda Meeting, also Events, in deren Umgebung das Corona-Virus derzeit besonders grassiert,  äußerte man sich jedoch noch nicht. 

DODV empfiehlt eigenverantwortliche Entscheidung

Auf der Website der Deutschen Optimist Dinghy Vereinigung (DODV) informiert man (Link ) seit dem 1. März mit einer Einschätzung der Coronavirus-Epidemie des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) und mit einer Maßnahmen-Übersicht des Robert-Koch-Instituts. 

In der DOSB-Empfehlung heißt es u.a.: „Für Organisationen, die Wettkämpfe ausrichten und Gäste aus Risikogebieten erwarten, empfehlen wir, frühzeitig mit dem zuständigen Gesundheitsamt Kontakt aufzunehmen.

o Diese Kontaktaufnahme sollte im Vorfeld der Anreise der Teilnehmer geschehen. Zuständig ist das Gesundheitsamt des Landkreises, in dem die Veranstaltung stattfindet.

o Gegebenenfalls wird über das Gesundheitsamt eine Quarantänemaßnahme und / oder eine Testung veranlasst. Solchen Vorgaben ist dann verpflichtend Folge zu leisten.

Die DODV schließt die Informationen auf ihrer Website mit den Worten „Bitte entscheidet in eigener Verantwortung, ob und an welchen Regatten ihr in den nächsten Wochen teilnehmen wollt.“ 

Auf unsere Nachfrage beim Deutschen Segler Verband DSV antwortete Generalsekretär Dr. Germar Brockmeyer telefonisch, dass der DSV keine offizielle Empfehlung zum Thema Coronavirus abgebe. Man versende die Einschätzungen des DOSB und die Maßnahmen-Übersicht des Robert-Koch-Instituts  (sowie deren Updates) an die Landesverbände und Klassenvereinigungen. 

(Der letzte Absatz des Artikels wurde geändert, die SR-Redaktion)
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Michael Kunst

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