COVID19: Auf Ferrozement-Yacht von Australien nach Amsterdam – vom Segeln keine Ahnung

Flucht vor Corona

Kann das klappen? Auf einer Ferrozement-Yacht von Australien nach Europa via Panama-Kanal? Zwei Greenhorns wollen den Törn wagen – von der Kontaktsperre in die Isolation.

Die beiden Niederländer sind sich ihrer Sache ziemlich sicher. Wenn sie auch keine Ahnung vom Segeln haben © van der Voort

Eigentlich haben die „einfach-mal-machen“-Typen bei SegelReporter schon immer reichlich Sympathien erhalten. Denken wir nur die Segeljungs – vier Abiturienten, die 2018/19 im „learning-by-doing-modus“ von Deutschland aus immerhin bis in die Karibik kamen (SR-Bericht). Oder die „Sailing Conductors“: Die segelnden Dirigenten legten vor Jahren in Australien ebenfalls mit eher rudimentärer Segelahnung ab und rundeten auf ihrer etwas angeknockt wirkenden „Marianne“ fast den ganzen Globus. Dabei schufen sie eine wörtlich zu nehmende, echte World Music, die vielen Seglern noch heute die Gänsehaut aufstellt (SR-Berichte)

Oder Elyna und Riley (mittlerweile mit Nachwuchs), die auf „La Vagabonde I“ vor Jahren in Griechenland ohne jegliches Segel-Know-How die Leinen losmachten und es immerhin bis in die pazifische Südsee schafften. Ganz nebenbei wurden sie dabei YouTube-Stars mit Millionen Followern und einem derart hohen Marktwert, dass man ihnen für die Wiederholung der Reise einen Luxus-Kat zur Verfügung stellte. Mit dem sie immerhin auch schon die Klimaaktivistin Greta Thunberg über den Atlantik schipperten (SR-Berichte).

Lust am Abenteuer

Auch die folgende Geschichte reiht sich im Prinzip nahtlos in die Anfänge der o.g. (und weiterer) Törns ein. Es geht um Spontanität, Abenteuerlust und den „Anders-leben-Faktor“. Der gewisse Unterschied: Die segelahnungslosen Protagonisten wollen spektakulär auf einer Segelyacht vor dem Corona-Virus fliehen.

Doch schön der Reihe nach.

Da ist zunächst der 29-jährige Jordy van der Voort. Der Niederländer reiste mehrere Jahre lang in einem Camping-Truck durch Australien. Vorletzte Woche verkaufte er den Truck „für einen guten Preis“ und wollte eigentlich zurück in die Heimat fliegen. Doch auch in Australien herrscht Corona-Alarm – nicht zuletzt niederländische Flüge waren und sind nahezu vollständig annulliert, Plätze im Flieger werden hoch gehandelt.

Jordy wollte zwar raus aus Australien, zurück in die Heimat, hatte aber keine besondere Eile und schon gar keine Vorliebe für ein Transportmittel. Da bot man ihm „Samara“, eine 47-Fuß-Ketsch aus Ferrozement an. Für eine guten Preis, versteht sich.

Jordy ist kein Freund von langem Zögern und kauft „Samara“, die seines Erachtens nach in einem guten Zustand ist. Doch dem stolzen Neu-Eigner wird bald klar: Alleine kann ich damit nicht auf und davon segeln.

Wenig Ahnung

Einen Tag nach dem Kauf von „Samara“ streckte rein zufällig Daniel Wiessing seine Fühler auf einer niederländischen Rucksack-Touristen-Facebook-Seite aus. Der 23-jährige Holländer wollte wegen COVID19 dem Rucksacktouristen-Paradies Australien den Rücken kehren und – mangels Flügen – über den Ozean segelnd nach Hause zurückkehren. Er fragte nach, ob bei anderen Interesse bestehe, mit einem noch nicht gekauften, „coronafreien“ Katamaran zurück nach Amsterdam zu segeln.

Logisch, dass sich die beiden noch in der gleichen Woche zusammen setzten, um aus zwei vielleicht einen „Fluchtplan“ zu schmieden.

Daniel, der irgendwann mal gehört hatte, dass Katamarane schneller Seien als andere Yachten, musste übrigens nicht besonders von den Vorteilen einer großzügig ausgebauten Ferrozement-Yacht überzeugt werden. Als er den Bootsnamen „Samara“ sah, sei es um ihn sowieso gleich geschehen gewesen, schließlich habe er für eine Schweizer Freundin gleichen Namens vor kurzem besonders tiefe Gefühle gehegt.

Bloß weg hier © van der Voort

Die beiden werden sich schnell einig: So schnell wie möglich dem Corona-verseuchten Land den Rücken kehren und ab in die Niederlande. Schließlich stimmte bisher alles: Der Plan ist geschmiedet, das Boot sieht klasse und vor allem seegängig aus und das Abenteuer lockt.

Einen Haken gibt es jedoch: keiner von beiden kann segeln. Und schon gar nicht eine Yacht über einen Ozean navigieren.

Flucht vor der Sperre in die Isolation

Also wird ein Crash-Kurs gebucht, der jedoch zum größten Teil online stattfinden muss. Schließlich hat auch Australien strikte Maßnahmen im Kampf gegen Corona ergriffen. Zudem überlegen die beiden frischgebackenen Skipper-und Co-Skipper, erfahrene Segler für ihren Törn in die nördliche Hemisphäre mitzunehmen. Doch Jordy van der Voort konnte schon vor der Corona-Epidemie eines „ums Verrecken“ nicht ausstehen: Auf engstem Raum mit anderen Leuten unterwegs zu sein.

So kommt es, dass man nun nach zwei geeigneten Mitseglern bzw. Seglerinnen sucht (obwohl das Boot acht Kojenplätze bietet), die gemeinsam mit den beiden Niederländern den Törn in die nördliche Hemisphäre wagen wollen.

Und der Begriff „wagen“ ist hier ernst zu nehmen. Denn „Samara“ und ihrer Crew stehen zwei ziemlich anspruchsvolle Routen von Australien in Richtung Europa zur Wahl. Und beide sind saisonabhängig.

Da wäre zunächst der Törn durch den Indischen Ozean und später durch den Suezkanal ins Mittelmeer. Hierfür müssten sie allerdings noch sechs Monate warten, bis der Frühling in der südlichen Hemisphäre wieder für ruhigere Wetterbedingungen sorgen wird. Beim Thema „Piraten“ im Golf von Aden winken die beiden ab: Man habe ja keine Wertsachen an Bord und sei somit uninteressant für Kaperer, werden sie etwas naiv in australischen lokalen Medien zitiert.

Kap Hoorn wäre besser?

Die zweite Routen-Option verläuft über den Pazifik, durch den Panama-Kanal und schließlich über den Atlantik in die (offenbar vielgeliebte) Heimat. Gelingt der Start in den kommenden drei Wochen könnte das erfahrungsgemäß wettertechnisch im Southern Ocean noch klappen. Allerdings könnte auch dieser Törn Richtung Panama-Kanal – meist gegen den Wind und gegen die vorherrschenden Strömungen – ziemlich rabiat werden. In den heftig diskutierenden Segler-Foren empfehlen Australische Salzbuckel ihnen die Route rund Kap Hoorn.

Doch noch stecken die beiden in den Vorbereitungen für ihren Törn und „sichten“ gerade die Bewerbungen interessierter Mitsegler mit Hochsee-Erfahrung.

Daniel Wissing verweist auf das Paradox ihrer Reise: Sie fliehen vor einer drohenden Ausgangssperre in Australien auf einem Boot, das sie auf Hoher See vom Rest der Welt völlig isoliert.

Und Jordy van der Voort beschäftigt sich schon mal mit akribischer Vorbereitung: Man habe sich mit ausreichend Konserven und Rum eingedeckt – Bier nehme eben zuviel Platz an Bord ein.

Mit acht Schwimmwesten an Bord, einer Rettungsinsel, zwei zusätzlichen, möglichst erfahrenen Seglern, mehreren Social-Media-Accounts könne doch eigentlich nichts mehr schiefgehen bei ihrem Törn, schreibt Jordy in den Sozialen Medien.

Eine Flucht vor dem Corona Virus in eine Heimat, die derzeit auf einem Bruchteil der australischen Landfläche mehr als vier Mal so viele Corona-Infizierte verzeichnet wie Australien. Doch selbst unter glücklichen Umständen wird der Törn wohl so lange dauern, dass man bei „Samaras“ Ankunft in Amsterdam (hoffentlich) nur noch von einer Corona-Pandemie in der Vergangenheitsform redet.

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Michael Kunst

Näheres zu miku findest Du hier

2 Kommentare zu „COVID19: Auf Ferrozement-Yacht von Australien nach Amsterdam – vom Segeln keine Ahnung“

  1. avatar Oliver sagt:

    Kann eigentlich nichts mehr schiefgehen, sagen sehr erfahrene Segler mit erprobten Yachten und dann geht doch jede Menge schief. Eine nette Story, aber man kann den Beiden nur raten, lasst es!
    Sonst könnte es sein das man von ihnen bald in der Vergangenheitsform spricht.

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 4 Daumen runter 0

  2. avatar Kugelfisch sagt:

    Ideale Voraussetzungen:
    ein Schiff, das in den Augen eines völlig Ahnungslosen “klasse und seegängig” aussieht, zwei blutige Anfänger, einer davon kann nicht auf engem Raum mit anderen leben, solide ausgebildet per Online-Crashkurs (gibt’s da auch SRC/LRC?) – da kann ja wirklich nichts schief gehen. Wenn die als “Mitreisende” nicht zwei gute Blauwassersegler finden, die ihnen alles, aber auch wirklich alles beibringen und im Ernstfall den Arsch retten, dann brauchen die deutlich mehr Glück als Verstand.

    Nichts gegen Abenteuer, aber das liest sich fahrlässig!

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