Berühmteste Segelschule der Welt: Les Glénans im Porträt

Schule des Lebens

Die französische Segelschule ‚Les Glénans‘ wurde von ehemaligen Widerstandskämpfern der Résistance gegründet, die einen Weg zurück ins Leben suchten. Viele erfolgreiche Profi-Hochseesegler lernten hier das Segeln, darunter Stars wie Isabelle, Joschke, Franck Cammas, Francis Joyon oder Vincent Riou. Ein Porträt der vielleicht berühmtesten Segelschule der Welt.

Mit Pfeife und Südwester: Segelausbildung im Jahr 1958.

Als sich im Sommer 1947 über Hundert junge Menschen auf den Glénan-Inseln vor der bretonischen Küste treffen, ahnen sie nicht, dass sie damit den Grundstein für die bis heute größte französische Segelschule Les Glénans legen. Der Ausflug auf den kargen Archipel ist nur ein Angebot von vielen, die Philippe Viannay und seine Frau Hélène sich ausgedacht haben, um jungen, zum Teil traumatisierten ehemaligen Widerstandskämpfern einen Weg zurück ins Leben in Frieden zu ermöglichen.

Die Viannays sind damals erst 30 Jahre alt, aber gegenüber vielen anderen schon alte Hasen. 1941 gründen sie als Studenten in Paris die Untergrundzeitung Défense de la France (Verteidigung Frankreichs) mit. Diese Zeitung wird mit einer Auflage von 450.000 Stück im Januar 1944 zur am weitesten verbreiteten Publikation in der Widerstandsbewegung gegen die Besatzung. Der Preis des Erfolgs: Die Nazis nehmen viele ihrer Unterstützer gefangen und deportieren sie in Konzentrationslager.

Die Inselgruppe Les Glénan, die der Segelschule ihren Namen gab, besteht aus neun Inseln. Foto: Jaclou DL

Die Viannays mühen sich, ihren Mitkämpfern nach der Befreiung Frankreichs eine Perspektive zu bieten, die auch im Frieden Bestand hat. Noch im November 1944 gründen sie mit anderen Redakteuren von Défense de la France die Tageszeitung France-Soir, die in den folgenden Jahrzehnten zur größten Tageszeitung Frankreichs wird. 1945 folgt die Journalistenschule CFJ (Centre de Formation de Journalistes), 1946 die übergreifende Bildungseinrichtung CFI (Centre de Formation International).

1947 verliert Philippe Viannay die Kontrolle über France-Soir, konzentriert sich auf die Bildungsarbeit – und organisiert das folgenreiche Treffen auf den Glénan-Inseln. Dabei ist das Segeln zunächst nur Mittel zum Zweck. Bis heute lautet das Ziel von Les Glénans, „zwischen Männern und Frauen aus der ganzen Welt durch das Meer freundschaftliche Verbindungen zu schaffen, allen die Kenntnisse der See und des Segelns zu vermitteln und die freiwillige Beteiligung der Mitglieder zu fördern.“

Die Segelschule ist als Verein organisiert und basiert auf der Arbeit von etwa 2.000 jährlichen Helfern. Foto: Les Glénans

Als nach den Anfangsjahren 1952 die erste feste Basis entsteht, in der die jungen Erwachsenen das Segeln lernen, steckt die nautische Ausbildung zu Freizeitzwecken noch in den Kinderschuhen. Es gibt praktisch nichts, worauf Philippe und Hélène Viannay bei ihrer Arbeit zurückgreifen können: keine Schulungsboote, keine Lehrbücher und keine Lehrpläne. Alles entwickeln die Glénans selbst und prägen damit unbeabsichtigt den Segelsport in Frankreich über Jahrzehnte.

Dieser Geist prägt die Segelschule bis heute und erklärt ihren Erfolg. Ehrenamtliche – zumeist selbst ehemalige Segelschüler – sind nicht nur Segellehrer und Skipper, sie warten auch den Bootspark, organisieren die Verpflegung und transportieren die Segelschüler zu den Basen. Von den Teilnehmern wird erwartet, dass sie bei diesen Aufgaben nach Kräften mithelfen. Untergebracht sind alle in Gemeinschaftsunterkünften – der Glénans-Stil ist eher Jugendherberge als Robinson Club.

Ein Beispiel dafür ist die Vaurien-Jolle. Philippe Viannay ist begeistert von dem offenen Kielboot Argonaute des Konstrukteurs Jean-Jacques Herbulot. Doch für den Einsatz auf dem Archipel mit seinen Stränden und Lagunen braucht er eine Jolle und zwar eine seetaugliche. Im Winter 1951/52 entsteht in Viannays Wohnung nach Herbulots Plänen ein Prototyp, benannt nach Viannays Hund Vaurien (Strolch). Im Sommer testen ihn die Glénans. Heute gehört die Vaurien mit über 36.000 Booten zu den größten Klassen.

Ein anderes Beispiel für die grundlegende Bedeutung der Glénans ist das Handbuch ‚Le Cours des Glénans‘. Es erscheint 1961 zum ersten Mal und entwickelt sich bald zum Standardwerk des Segelns in Frankreich und darüber hinaus. Man kann seine Bedeutung nur annähernd ermessen, wenn man es mit dem Ruf der ‚Seemannschaft‘ in Deutschland vergleicht. Von der aktuellen siebten Auflage sind 45.000 Stück verkauft worden, zum Jubiläum dieses Jahr erscheint eine überarbeitete Version.

In Frankreich das Standardwerk für Segler: “Le Cours des Glénans” der Segelschule Les Glénans.

Philippe Viannay selbst bleibt bei allem Einsatz für die Segelschule in ihrer Frühphase in den 1950er-Jahren immer auch ein publizistischer und politischer Kopf. 1961 wird er gebeten, die finanziellen Angelegenheiten des Magazins France Observateur (heute L’Obs) in die Hand zu nehmen und stabilisiert das Hausblatt der Pariser Intellektuellen. Ab den 1960er-Jahren konzentriert er sich mehr auf publizistische Projekte, während seine Frau ihren Schwerpunkt in der Führung der Segelschule setzt.

1979 zieht Hélène Viannay sich aus dem Geschäft zurück. Bald darauf gerät die Segelschule in eine Krise. Nach einer Zeit vermeintlich endloser Expansion mit neuen Basen auf dem Festland, am Mittelmeer und auf Korsika kollidiert die gemeinschaftliche Philosophie der Glénans mit dem individualistischen Zeitgeist der 1980er-Jahre. Die Segelschule organisiert sich neu, trennt sich von der Basis in Irland und geht auf die veränderte Lage mit einem erweiterten Angebot von Surf- und Katamarankursen ein.

Jährlich besuchen mehr als 15.000 Schüler die Segelschule an ihren verschiednen Standorten. Foto: Les Glénans

Philippe Viannay verstirbt 1986, seine Frau 20 Jahre später. Die Kombination aus Weiterentwicklung des Segelprogramms und Vermittlung ihrer grundsätzlichen Werte trägt die Glénans auch ohne ihre Gründer. In den 1990er-Jahren entstehen in Zusammenarbeit mit französischen Werften spezielle Klassen moderner und schneller Boote für die Segelschule. Atlantiküberquerungen finden den Weg ins Programm. Seit 2013 bieten die Glénans auch Kitesurfkurse an.

Heutzutage sind an den verschiedenen Standorten der Glénans jedes Jahr mehr als 200 ehrenamtliche Segellehrer im Einsatz. Sie bilden dabei mehr als 15.000 Segelschüler pro Jahr aus. Seit 1947 sind so insgesamt über 400.000 Männer und Frauen zum Segeln gekommen, von denen viele ihrerseits den Segelsport geprägt haben und immer noch prägen. Der aktuell prominenteste Vertreter der Glénans ist wahrscheinlich der Skipper des französischen America’s-Cup-Teams Groupama.

Volvo Ocean Race

Einer der berühmtesten Schüler aus der Segelschule Les Glénans: Franck Cammas Foto: Martin Keruzore / Volvo Ocean Race

Franck Cammas ist sowohl ehemaliger Segelschüler als auch ehemaliger Segellehrer der Glénans. Das gilt zum Beispiel auch für den französischen Yachtdesigner Jean-Marie Finot, gemeinsam mit Pascal Conq Entwickler unter anderem der Ecume de mer, der Beneteau-First-Linie und diverser IMOCA 60. Auch die Sängerin Anne Sylvestre gehört zu den Botschafterinnen und Botschaftern der Glénans-Linie: „Schule des Segelns, Schule des Meeres, Schule des Lebens“.

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