Diogenes auf dem Meer: Transatlantik in der Tonne geglückt – heute Ankunft auf Martinique

Die Entdeckung der Langsamkeit

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Diogenes Savin  hat’s geschafft: Er trieb mit seiner Tonne bis in die karibische See. Dort ließ er sich von einem Frachtschiff aufnehmen und kommt heute auf Martinique an. © Savin

Jean-Jacques Savin trieb quälend langsam in einer Tonne mit 6 qm Wohnfläche  über den Atlantik. Ohne Motor und Segel erreichte er glücklich und unversehrt, allen Unkenrufen zum Trotz nach 122 Tagen die Karibik.

122 Tage in einer Tonne. 122 Tage alleine auf dem Atlantik. 122 Tage Spielball der Winde, Wellen und Strömungen. 122 Tage Einsamkeit in einem Gefährt, das wohl die meisten Menschen nicht mal an Land länger als eine Stunde bewohnen könnten, ohne Platzangstattacken fürchten zu müssen.

122 Tage, in denen der 73-jährige Franzose Jean Jacques Savin von der Kanaren-Insel El Hierro quer über den Großen Teich in die Karibik driftete. Ohne Motor- oder Segelantrieb, ohne Muskeleinsatz am Ruder oder Paddel (SR-Bericht)

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Expedition oder waghalsiges Abenteuer? oder beides? © savin

Als der ehemalige Fallschirmjäger, Ausdauersport-Freak und Abenteurer am 26. Dezember 2018 in seiner Tonne vor der Küste von El Hierro in die offene See geschleppt wurde, um fortan Richtung Westen zu treiben, da musste man sich schon schwer zurückhalten, um nicht einen bissig-kritischen Text über dieses Vorhaben zu schreiben.

Klar, es gibt in Sachen Abenteuerlust keine Grenzen: Menschen rennen um die Welt, klettern ohne Sauerstoff auf die höchsten Berge, segeln einhand, nonstop auf riesigen Trimaran-Monstern oder im Mini 6.50 um den Globus. Sie schwimmen durch den Ärmelkanal, laufen Marathon in der Antarktis und rudern mal eben über den Pazifik. Da mutet ein eher wenig schweißtreibendes Abenteuer wie die Transat in einer Tonne noch harmlos an. 

Dennoch stellte sich im Falle des Jean Jacques Savin von Anfang an die Frage nach dem „Warum?“.

Spirituelles Vorbild

Savin wich in Interviews meistens aus, wenn er nach den Gründen für sein Vorhaben gefragt wurde. Zwar erwähnte er immer wieder die angestrebte Nähe zu seinem „spirituellen Vorbild“ Alain Bombard, der 1952 in einem Schlauchboot den Atlantik  – ohne Trinkwasser und Nahrungsmittel – trieb (dessen Leistung allerdings vom Deutschen Hannes Lindemann nach dessen entsprechendem Selbstversuch angefochten wurde).

Doch Savin stellte bereits vor der Abfahrt klar, dass er zumindest für 90 Tage Lebensmittel an Bord haben und auf Hoher See möglichst häufig frischen Fisch in seinen Menüplan integrieren werde. Und für den ständigen Süßwasser-Nachschub sorgte – neben aufgefangenem Regenwasser – eine kleine Entsalzungsanlage an Bord der Tonne.

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Schöne Grüße aus der Tonne © savin

 Auch wissenschaftliche Experimente und meeresbiologische Forschungsarbeiten, die er im Auftrag einiger Universitäten durchführen wollte, nannte Savin als Grund für seinen Törn. Doch was da genau erforscht werden sollte, blieb unklar: Die Strömungsverhältnisse im Atlantik werden längst mit Hightech-Bojen und Satelliten-Aufnahmen unter die sprichwörtliche Lupe genommen und zu was Menschen alles fähig sind, darüber weiß man seit jeher hinlänglich Bescheid (siehe oben). 

Mahner und Warner

Als er am Samstag, dem 27. April nach 122 Tagen offiziell sein Abenteuer für beendet erklärte, da ihn eine Strömung nach tagelangem „Kreiseltreiben“ endlich über den Längengrad schubste, hinter dem die Karibische See, also Savins erklärtes Ziel lag, da zeigte sich der Abenteurer etwas mitteilungsfreudiger.

In kurzen Interviews mit diversen Medien machte er deutlich, dass ihn hauptsächlich seine Lust am Außergewöhnlichen, eine Tiefe Liebe zur Natur, zur Meeresfauna im Besonderen und der Wunsch nach einem möglichst einfachen Leben zu diesem Törn über den Atlantik getrieben haben. 

Also nichts anderes als die weitere Robinsonade eines Ego- und Exzentrikers? 

Njaein müsste  man antworten.

Denn trotz aller anfänglichen Skepsis schaffte es Savin, eine große Anzahl Menschen für seinen Transatlantik-Törn in der Tonne, die übrigens tatsächlich von einem Weinfass-Küfer gesponsert und zum Teil gebaut wurde, zu begeistern.

Mehr als 25.000 Menschen verfolgten allein auf Facebook seine täglichen Berichte (in Französisch und Englisch) von Bord seines „Kompagnons“, wie Savin die Tonne nannte. Zahlreiche, hauptsächlich französische Medien berichteten in relativ kurzen Abständen über Savins Fortschritte oder Rückschläge – letztendlich erreichte der quirlige Ü70-Extremsportler hohe Aufmerksamkeitswerte. 

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Ein Mann und sein Fass: 120 Tage trieb Savin über den Atlantik. © savin

So konnte der 73-Jährige seine Warnungen in Sachen Umweltverschmutzung aussprechen, wenn er „praxisnah“ verstärkt Plastikmüll um sich und seine Tonne treiben sah. Oder er zeigte anhand emotional berührender Beschreibungen von Begegnungen mit der Meeresfauna, etwa mit Walen, Delphinen und Schildkröten, dass die Menschheit immer noch einen der elementarsten Bereiche der Natur ignoriert, zu einem großen Teil zerstört und damit alles zum Untergang verurteilt. 

Natürlich tragen auch die Abenteuer, die Savin auf seiner Solo-Reise zuhauf erlebte, zum hohen Unterhaltungsfaktor des Tonnen-Törns im Stil eines Diogenes zur See bei. Als Savin zum Beispiel in allerletzter Minute durch Abschießen einer Seenotrakete die Kollision mit einem Frachter auf Hoher See verhindern konnte.

Oder als er bei einer kleinen Reparatur-Arbeit an der Außenhaut seiner Tonne den Halt verlor, abrutschte und an seiner Lifeline wie ein Jojo außenbords hing. Bei 2 Knoten „Fahrt“ krängte die Tonne leicht, was jedoch reichte, damit Savins Kopf öfter unter Wasser gedrückt wurde, bevor er sich nach einer gefühlten Ewigkeit aus der peniblen Situation befreien konnte.

Alleine, nicht einsam!

Was offenbar am meisten interessierte, waren Savins Berichte vom Alleinsein. Was wohlgemerkt nichts mit der oft negativ besetzten „Einsamkeit“ zu tun habe, wie er in seinen Blogs erwähnte. 

Savin schaffte es mit teils poetischen und immer wohl formulierten Blog-Beiträgen, Begeisterung für eine andere Art des Überlebens außerhalb unserer Gesellschaft zu erzeugen. Allerdings kann man nun wirklich nicht davon ausgehen, dass bald Dutzende Nachahmer-Tonnen mit ihrer menschlichen Fracht über die Ozeane treiben werden.

Doch Savin könnte einer dieser Mahner werden, die einen wichtigen Beitrag zum Naturschutz leisten, indem sie medial gefördert werden. Schon jetzt, obwohl immer noch auf See, ist der Abenteurer bereits für Dutzende Wassersport-Messen als Redner ausgebucht und sein tonnenförmiger Kompagnon soll ebenfalls in einer Art Wanderausstellung gezeigt werden. Ein Buchvertrag steht in Aussicht, mehrere TV-Sender haben ihn zum Interview geladen. 

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Kleine Tonne, unendlicher Ozean © savin

Doch noch ist der „Diogenes der See“ auf derselben. Nachdem er vor 12 Tagen in die karibische See hinein trieb, streckte Savin sozusagen den Tramper-Daumen aus, rief per Funk vorbeifahrende Handelsschiffe und Tanker an und bat um eine Mitfahrgelegenheit gen Westen.

Doch ganz so einfach war sein Wunsch nicht zu erfüllen – nur wenige der angefunkten Schiffe hatten einen Kran an Bord, mit dem die Tonne ( 3m Länge, 2,10 m Durchmesser, 6 qm Überlebensfläche) an Bord gehoben werden könnte. 

Zuletzt gelang es Diogenes Savin dann doch, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Ein Frachter nahm den Tonnen-Skipper und seinen Kompagnon auf und brachte beide nach Martinique. Dort wird Savin sehnsüchtig von Angehörigen und Freunden erwartet. Ankunft heute Morgen, 11 Uhr (europ. Sommerzeit). Kurz zuvor informierte Savin über Telefon noch über sein nächstes Abenteuer: Den Ärmelkanal schwimmend durchqueren!

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Michael Kunst

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