Logbuch eines Fast-Untergangs. Teil zwei

"Ein Containerschiff gibt Starthilfe..."

Von Oliver Schmidt Rybandt

Der Containerfrachter trifft ein. Die Besatzung übergibt per Floß eine neue Batterie © O. Schmidt Rybandt

Fortsetzung vom ersten Teil …Mir stockt der Atem: wir haben an Backbord einen Riss in der Außenhaut. Langsam sickert Wasser durch die klaffende Öffnung. Den Tank zur Seite geschoben zeigt sich an Backbord ein weiterer Riss. Beide sind gut 70cm lang und 30-40cm voneinander entfernt. Der Sandwichkern ist darin gut zu erkennen. Jedes mal wenn das Boot einsetzt, pulsiert der Boden des Rumpfes zwischen den Öffnungen einige Zentimeter hoch und runter.

Risse im Rumpf. Der Bugbereich ist dabei zu delaminieren © O. Schmidt Rybandt

Schnell wecke ich Matze und drehe das Boot bei, um den Rumpf zu entlasten. Matze hat einige Epoxydknetstifte dabei, die auch unter Wasser aushärten. So machen wir uns an die Notreparatur.

Den Tag über bleibt der Wassereinbruch konstant niedrig und wir können vom Rad aus mit der Handlenzpumpe ab und zu lenzen. Nachts aber nimmt der Wind wieder zu. Wir reduzieren, um nicht zu schnell zu fahren. Dafür kracht der Bug nun ein ums andere Mal kraftlos in die See.

Der Wassereinbruch wird stärker. Die Nacht ist noch dunkel. Ich komme nicht mehr mit dem Pumpen hinterher. Trotz ständigen Lenzens steigt das Wasser, und erstmals beschäftige ich mich in Gedanken mit der Rettungsinsel. Wieder muss ich das Boot beidrehen. Matze schöpft während ich pumpe, viel schlafen können wird nicht.

Das Epoxy, mit dem wir geklebt haben, schwimmt in der Bilge. Der Boden pulsiert sehr viel heftiger in der hohen Dünung. Wir müssen den Boden eher stabilisieren als dichten. Also denken wir uns etwas Neues aus.

Der sich auflösende Boden im Vorschiff wird mit einer Stempel-Konstruktion stabilisiert. Der Spibaum drückt durch das Vorluk auf den Boden © O. Schmidt Rybandt

Eine selbstaufblasende Campingmatratze wird V-förmig gefaltet und auf die Risse gelegt. Darüber platzieren wir eine Konstruktion aus Bodenbrettern und Kojenauflagen. Dann ziehen wir den Gennackerbaum aus seinem Koker und stemmen ihn durch das geöffnete Vorschiffsluk auf die Bretter.

An Deck erhält er eine Art Verstagung in vier Richtungen. So übt der Baum ordentlich Anpressdruck auf den delaminierten Bereich aus und siehe da: der Boden ist vorerst wieder steif. Wir nehmen aber immer noch eine Menge Wasser über. Deutlich mehr sogar, als wir während unserer Wachen auspumpen könnten.

Blick ins Vorschiff, wo der Spibaum nach unten drückt © O. Schmidt Rybandt

Wir müssen uns entscheiden: das Schiff segeln oder nur über Wasser halten? Wir entscheiden uns erstmal gegen die Option sinken und halten das Boot beigedreht, damit wir vernünftig pumpen und schöpfen können. Aber jedwedes Schönreden nützt nichts: wir haben ein ernsthaftes Problem.

So greifen wir zum Iridiumtelefon und kontaktieren Bremen Rescue. Die hören sich unsere Lage an und stellen eine Verbindung zum MRCC Delgada her, die für unser Seegebiet zuständig sind. Der Rückruf von Delgada klingt aussichtsreich.

Wir liegen auf der Route eines Containerschiffes heißt es, und dieses hält mal kurz bei uns an, um Starthilfe zu geben. In vier bis sechs Stunden sei es da, wir mögen uns so wenig wie möglich bewegen. Das bekommen wir hin.

Am späten Abend desselben Tages schreiben wir in einer Mail:

Was für eine Aktion! Früh nachmittags erschien tatsächlich ein Containerschiff am Horizont und fragte über Funk, ob wir bei ihm längsseits gehen könnten, damit er uns eine Batterie abfieren könnte.

Das ging natürlich nicht, da es in der Welle zuerst Rigg und dann Boot gekostet hätte. Also baute die findige Containerschiffbesatzung ein Floß, stellte eine wasserdicht verpackte Batterie drauf und fierte es über die Seite.

Chaos unter Deck. Die Reparaturarbeiten gehen auf Kosten der Gemütlichkeit. © O. Schmidt Rybandt

Bei nunmehr sieben Windstärken und drei Metern Dünung manövrierte ich das Boot an das Floß und nahm es an Bord. Hurra, gleich 100 Amperestunden in einer zwar älteren aber voll geladenen Batterie! Bei diesen Aktionen musste natürlich weiter fast ohne Pause gepumpt werden…

Fortsetzung im dritten Teil

avatar

Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.
Spenden
http://nouveda.com

3 Kommentare zu „Logbuch eines Fast-Untergangs. Teil zwei“

  1. avatar jan sagt:

    sehr spannend!! 🙂 wo bleibt denn der letzte Teil? da ich dich ja letztens getroffen habe, kann es nur gut ausgegangen sein, aber trotzdem will ich wissen wie 😉
    na ich werde mich wohl noch ein bisschen gedulden ….

    grüße jan

    Like or Dislike: Daumen hoch 0 Daumen runter 0

  2. avatar DC sagt:

    Her mit dem 3. Teil! 🙂

    Like or Dislike: Daumen hoch 0 Daumen runter 0

    • avatar Carsten sagt:

      nur geduld, geduld…hat mit dem spannungsbogen zu tun 🙂 überleben unsere helden, oder nicht? wetten werden noch angenommen.

      Like or Dislike: Daumen hoch 0 Daumen runter 0

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Sicherheitsfrage (SPAM-Schutz): *