England: Was sich für deutsche Segler bei einem harten Brexit ändern könnte

Wenn die Briten ernst machen

Ende März 2019 verlässt das Vereinigte Königreich die Europäische Union – so zumindest aktuell weiterhin der Plan. Noch immer ist nicht sicher, zu welchen Bedingungen. Im Worst Case wären die Folgen auch für Segler nicht unerheblich.

Der nächste Törn in der paradiesischen Landschaft Cornwalls oder entlang der wilden Küste Schottlands könnte sich jedenfalls um einiges komplizierter gestalten.

Das Foto musste wohl sein. Big Ben beim Showsegeln vor dem Big Ben mit seiner sehr britisch gebrandeten "Rita" © BAR

Big Ben beim Showsegeln vor dem Big Ben mit seiner sehr britisch gebrandeten “Rita” © BAR

Freier Verkehr von Waren, Personen, Dienstleistungen und Kapital – das sind die vier Grundfreiheiten des europäischen Binnenmarktes. EU-Staaten dürfen demnach den grenzüberschreitenden Handel mit Waren nicht beschränken, ihre Bürger sich außerdem überall in der EU frei bewegen, und so weiter. Tritt ein Land aus dem Staatenverbund aus, lautet das Worst-Case-Szenario: Schluss, aus und vorbei mit all diesen Errungenschaften.

Ob dieser Fall mit dem Austritt des Vereinigten Königreichs aus dem europäischen Staatenverbund am 29. März 2019 doch noch eintreten wird, ist auch wenige Monate vor dem Austrittstermin nicht auszuschließen. Der Erhalt der ein oder anderen Freiheit, ein No-Deal-Brexit oder doch gar ein neues Referendum?

Verbleib im Binnenmarkt

Zwar haben sich die Verhandlungsführer beider Seiten, das britische Kabinett sowie die Regierungschefs der 27 EU-Länder Ende November auf ein Austrittsabkommen verständigt, das unter anderem den Verbleib Großbritanniens im EU-Binnenmarkt mindestens bis zum Ende einer knapp zweijährigen Übergangsphase vorsieht, detaillierte Antworten auf viele zentrale Fragen enthält dieses Abkommen aber noch nicht.

Und solange das britische Parlament, das Europäische Parlament sowie mindestens 20 der EU-Mitgliedsstaaten den Austrittsvertrag noch nicht angenommen haben, ist die Gefahr eines ungeregelten Brexits nicht gebannt. Zentraler Streitpunkt ist und bleibt der Backstop, eine Art Sicherheitsnetz für die irische Insel. Denn nach dem Brexit wird Irland weiterhin in der EU bleiben, Nordirland aber nicht. Es wird dann nur noch zu Großbritannien gehören.

Für dessen zeitliche Begrenzung des Backstop forderte Premierministerin Theresa May zuletzt eine rechtlich bindende Erklärung, wurde bei der EU jedoch abgewiesen. Je nach Ausgang der Verhandlungen in den nächsten Wochen müssen sich auch Segler also möglicherweise auf weitreichende Veränderungen gefasst machen. Die wichtigsten Punkte im Überblick:

Bootskauf

Sollte es trotz aller Gipfel und Gespräche zu einem harten oder vertragslosen Brexit kommen, fiele Großbritannien aus Sicht der EU zunächst einmal auf den Status eines Drittlandes zurück – mit gravierenden Konsequenzen für den Warenverkehr: Zölle nach den Regeln der Welthandelsorganisation (WTO), entsprechende Formalitäten, Sicherheits- und Qualitätskontrollen sowie Veränderungen des Wechselkurses sind nur einige der wichtigsten Folgeerscheinungen, vor denen sich Verbraucher und Unternehmen fürchten – von der Lebensmittelindustrie bis hin zur Wassersportbranche.

Eine der guten Nachrichten: Deutsche Segelbootkäufer, die nicht gerade mit einem britischen Boot liebäugeln, werden vergleichsweise gelassen bleiben können, so die Einschätzung des Geschäftsführers des Bundesverband Wassersportwirtschaft Jürgen Tracht. „Angesichts der Vielzahl von Vorlieferanten weltweit und der sich daraus ergebenden Ausweichmöglichkeiten rechnen wir aufgrund des Brexits nicht mit nennenswerten Preissteigerungen für Segelbootkäufer in Deutschland“, erklärt er.

Die Auswirkungen für deutsche Werften die Yachten nach Großbritannien exportieren, sähen da – trotz eines insgesamt eher geringen Handelsvolumens – schon ein wenig anders aus. Importzölle könnten das Geschäft einzelner Betriebe erheblich schädigen.

Nicht zuletzt weil ein No-Deal-Brexit die britische Wirtschaft sogar noch weitaus härter treffen würde als die der verbleibenden EU-Staaten, wurde um die zukünftigen Handelsbeziehungen bereits intensiv gerungen: Während EU-Ratspräsident Donald Tusk Großbritannien Anfang Oktober ein Ceta-ähnliches Handels- und Sicherheitsabkommen anbot, hielt Premierministerin Theresa May an ihrem von der EU als „Rosinenpickerei abgelehnten Chequers-Plan fest. Der sieht im Warenverkehr eine Anbindung Großbritanniens an den EU-Binnenmarkt vor, strebt in Sachen Dienstleistungen, Kapital und Personenfreizügigkeit jedoch eigene Wege an.

Der Ende November vorgelegte Austrittsvertrag klammert konkrete Handelsfragen noch aus. Tritt er in Kraft, sollen diese während der Übergangsphase bis Ende 2020 geklärt werden. Ziel ist laut der beiliegenden politischen Erklärung aber ein umfassendes Handels- und Partnerschaftsabkommen.

Als Alternative dazu erwägen einige britische Politiker mittlerweile auch einen Deal ähnlich dem Norwegen-Modell, bei dem das Vereinigte Königreich im Europäischen Binnenmarkt bleiben und eine zusätzliche Zollunion mit der EU beschließen könnte.

Ein- und Ausreise

Große Veränderungen für den Einzelnen könnten sich allerdings hinsichtlich der Ein- und Ausreiseformalitäten ergeben. Zwar war Großbritannien nie Mitglied des Schengenraumes, die Ein- und Ausreise aufgrund eines Abkommens mit den Schengen-Ländern für EU-Bürger aber dennoch unkompliziert – und vor allem ohne Reisepass und Visum möglich.

Sollten hier keine speziellen Vereinbarungen getroffen werden, würden Reisende das also schnell zu spüren bekommen – in Form zeitaufwendiger Behördengänge, Papierkram und Gebühren. Für Segler, die zukünftig mit dem Boot Kurs auf das Vereinigte Königreich nehmen wollen, käme das Ein- und Ausklarieren hinzu. Die Mitnahme von vielen Waren, gerade in größeren Mengen, könnte durch anfallende Steuern und Zollgebühren außerdem schnell zur Kostenfalle werden.

Für britische Segler würde all das natürlich nicht besser aussehen. Die Cruising Association warnte schon Ende 2017, dass die Einreise britischer Segler in die EU nach dem Brexit erheblich mehr Kosten und Mühe verursachen könnte.

Der Ärger über die Zuwanderung im Rahmen der europäischen Personenfreizügigkeit gilt als wichtiger Punkt für die Entscheidung des Vereinigten Königreichs, sich von der EU zu lösen. Theresa May verkündete bereits mehrfach, die Personenfreizügigkeit für EU-Bürger mit dem Ende der Übergangsphase Ende 2020 beenden zu wollen. Brexit-Abkommen und politische Erklärung sehen nun allerdings immerhin ein Bleiberecht für die in Großbritannien lebenden EU-Bürger sowie eine Visa-Freiheit für „kurze Besuche“ vor.

Yachtcharter

Für die Yachtcharterbranche zeichnen sich auch im Falle eines No-Deal-Brexits wiederum bessere Aussichten ab. Die Vereinigung Deutscher Yacht-Charterunternehmen (VDC) erwartet keine allzu großen Veränderungen, egal wie die Verhandlungen ausgehen werden. Der Grund: Das Chartergeschäft mit dem Königreich sei eher klein und habe keine große Bedeutung – anders als zum Beispiel im Falle der Türkei, so Jan Hegerfeld, erster Vorsitzender der VDC.

Und für alle, die ein Boot chartern wollen, könnte der Brexit aufgrund der Kursverluste sogar Positives, in Form von fallenden Preisen, mit sich bringen. „Je mehr Unklarheit herrscht, desto mehr wird das englische Pfund fallen. Das wiederum könnte auch das Chartern in Zukunft interessanter machen, weil die Preise durch das niedrige Pfund für die Euroländer günstig werden“, prophezeit Hegerfeld und erklärt weiter: „Unsere Mitgliedsfirmen sind auf diese Situationen vorbereitet und erwarten das Datum mit einer gewissen Gelassenheit.“

Krankenversicherung und Handygebühren

Oft in den Hintergrund gerät, dass sich Segler – wie alle anderen Reisenden auch – im Falle eines harten Brexits mit jeder Menge vergleichsweise kleiner Unannehmlichkeiten herumschlagen müssten, zum Beispiel in Bezug auf den Krankenversicherungsschutz und die Mobilfunkkosten.

Ein Arztbesuch oder Krankenhausaufenthalt gehört zwar selten zur Törnplanung, bisher wurde er Großbritannien-Reisenden aber zumindest ein wenig erleichtert – durch die Europäische Krankenversicherungskarte, mit der Patienten europaweit medizinische Leistungen erhalten. Im schlimmsten Fall könnte damit nach dem Austritt des Vereinigten Königreichs Schluss und eine zusätzliche Auslandskrankenversicherung nötig sein.

Sobald Großbritannien nicht mehr Mitglied der EU ist, könnten außerdem wieder lästige Roaming-Gebühren anfallen. Das Telefonieren und Surfen würde deutsche Segler auf einem schönen Cornwalltörn dann wieder ordentlich Geld kosten – auch das aber natürlich nur im Worst Case.

 

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