England: Was sich für deutsche Segler bei einem harten Brexit ändern könnte

Wenn die Briten ernst machen

Am 29. März wollte das Vereinigte Königreich eigentlich die Europäische Union verlassen. Wenige Tage vor dem immer noch offiziellen Austrittsdatum ist eine Einigung mit der EU über die genauen Bedingungen des geplanten Austritts aber weiterhin nicht in Sicht. Sollte es doch noch zum Worst Case, einem harten Brexit, kommen, wären die Folgen auch für Segler nicht unerheblich. Der nächste Törn in der paradiesischen Landschaft Cornwalls oder entlang der wilden Küste Schottlands könnte sich jedenfalls um einiges komplizierter gestalten.

Das Foto musste wohl sein. Big Ben beim Showsegeln vor dem Big Ben mit seiner sehr britisch gebrandeten "Rita" © BAR

Big Ben beim Showsegeln vor dem Big Ben mit seiner sehr britisch gebrandeten “Rita” © BAR

Freier Verkehr von Waren, Personen, Dienstleistungen und Kapital – das sind die vier Grundfreiheiten des europäischen Binnenmarktes. EU-Staaten dürfen demnach den grenzüberschreitenden Handel mit Waren nicht beschränken, ihre Bürger sich außerdem überall in der EU frei bewegen, und so weiter. Tritt ein Land aus dem Staatenverbund aus, lautet das Worst-Case-Szenario: Schluss, aus und vorbei mit all diesen Errungenschaften.

Dass dieser Fall doch noch eintreten wird, ist unmittelbar vor dem offiziellen Austrittstermin des Vereinigten Königreichs aus dem europäischen Staatenverbund nicht ganz unwahrscheinlich.

Nachdem das britische Parlament sowohl den neu verhandelten Brexit-Vertrag als auch einen Ausstieg ohne Vertrag ablehnte, hat die britische Premierministerin Theresa May die Europäische Union nun um einen Brexit-Aufschub bis zum 30. Juni gebeten. Ob durch eine solche Verlängerung, der die 27 EU-Mitgliedsstaaten allerdings erst einmal zustimmen müssten, ein harter Brexit doch noch abgewendet werden könnte, ist derzeit aber mehr als fraglich.

Je nach Ausgang der Verhandlungen in den nächsten Tagen oder vielleicht auch Monaten müssen sich auch Segler also möglicherweise auf weitreichende Veränderungen gefasst machen. Die wichtigsten Punkte im Überblick:

Bootskauf

Sollte es trotz aller Gipfel und Gespräche zu einem harten oder vertragslosen Brexit kommen, fiele Großbritannien aus Sicht der EU zunächst einmal auf den Status eines Drittlandes zurück – mit gravierenden Konsequenzen für den Warenverkehr: Zölle nach den Regeln der Welthandelsorganisation (WTO), entsprechende Formalitäten, Sicherheits- und Qualitätskontrollen sowie Veränderungen des Wechselkurses sind nur einige der wichtigsten Folgeerscheinungen, vor denen sich Verbraucher und Unternehmen fürchten – von der Lebensmittelindustrie bis hin zur Wassersportbranche.

Eine der guten Nachrichten: Deutsche Segelbootkäufer, die nicht gerade mit einem britischen Boot liebäugeln, werden vergleichsweise gelassen bleiben können, so die Einschätzung des Geschäftsführers des Bundesverband Wassersportwirtschaft Jürgen Tracht. „Angesichts der Vielzahl von Vorlieferanten weltweit und der sich daraus ergebenden Ausweichmöglichkeiten rechnen wir aufgrund des Brexits nicht mit nennenswerten Preissteigerungen für Segelbootkäufer in Deutschland“, erklärt er.

Die Auswirkungen für deutsche Werften die Yachten nach Großbritannien exportieren, sähen da – trotz eines insgesamt eher geringen Handelsvolumens – schon ein wenig anders aus. Importzölle könnten das Geschäft einzelner Betriebe erheblich schädigen.

Ein- und Ausreise

Große Veränderungen für den Einzelnen könnten sich allerdings hinsichtlich der Ein- und Ausreiseformalitäten ergeben. Zwar war Großbritannien nie Mitglied des Schengenraumes, die Ein- und Ausreise aufgrund eines Abkommens mit den Schengen-Ländern für EU-Bürger aber dennoch unkompliziert – und vor allem ohne Reisepass und Visum möglich.

Sollten hier keine speziellen Vereinbarungen, wie etwa eine bereits angedachte Visa-Freiheit für „kurze Besuche“, getroffen werden, würden Reisende das also schnell zu spüren bekommen – in Form zeitaufwendiger Behördengänge, Papierkram und Gebühren. Für Segler, die zukünftig mit dem Boot Kurs auf das Vereinigte Königreich nehmen wollen, käme das Ein- und Ausklarieren hinzu. Die Mitnahme von vielen Waren, gerade in größeren Mengen, könnte durch anfallende Steuern und Zollgebühren außerdem schnell zur Kostenfalle werden.

Für britische Segler würde all das natürlich nicht besser aussehen. Die Cruising Association warnte schon Ende 2017, dass die Einreise britischer Segler in die EU nach dem Brexit erheblich mehr Kosten und Mühe verursachen könnte.

Die European Boating Association (EBA) wies nun außerdem noch einmal darauf hin, dass Boote, die noch in britischen Häfen liegen, ihren Status als Wassersportfahrzeuge der EU und damit auch ihr Recht auf Freizügigkeit innerhalb der EU im Falle eines harten Brexit verlieren würden. Kehre ein solches Boot dann von Großbritannien zurück in die EU, würde es als ein außerhalb der EU befindliches Gut eingestuft und zollrechtlich wie ein Boot aus einem Drittstaat betrachtet werden. Die EBA rät deshalb dazu, darüber nachzudenken, derzeit in Großbritannien liegende Boote vorsorglich in einen europäischen Hafen auf dem Festland zu verlegen.

Yachtcharter

Für die Yachtcharterbranche zeichnen sich auch im Falle eines No-Deal-Brexits wiederum bessere Aussichten ab. Die Vereinigung Deutscher Yacht-Charterunternehmen (VDC) erwartet keine allzu großen Veränderungen, egal wie die Verhandlungen ausgehen werden. Der Grund: Das Chartergeschäft mit dem Königreich sei eher klein und habe keine große Bedeutung – anders als zum Beispiel im Falle der Türkei, so Jan Hegerfeld, erster Vorsitzender der VDC.

Und für alle, die ein Boot chartern wollen, könnte der Brexit aufgrund der Kursverluste sogar Positives, in Form von fallenden Preisen, mit sich bringen. „Je mehr Unklarheit herrscht, desto mehr wird das englische Pfund fallen. Das wiederum könnte auch das Chartern in Zukunft interessanter machen, weil die Preise durch das niedrige Pfund für die Euroländer günstig werden“, prophezeit Hegerfeld und erklärt weiter: „Unsere Mitgliedsfirmen sind auf diese Situationen vorbereitet und erwarten das Datum mit einer gewissen Gelassenheit.“

Krankenversicherung und Handygebühren

Oft in den Hintergrund gerät, dass sich Segler – wie alle anderen Reisenden auch – im Falle eines harten Brexits mit jeder Menge vergleichsweise kleiner Unannehmlichkeiten herumschlagen müssten, zum Beispiel in Bezug auf den Krankenversicherungsschutz und die Mobilfunkkosten.

Ein Arztbesuch oder Krankenhausaufenthalt gehört zwar selten zur Törnplanung, bisher wurde er Großbritannien-Reisenden aber zumindest ein wenig erleichtert – durch die Europäische Krankenversicherungskarte, mit der Patienten europaweit medizinische Leistungen erhalten. Im schlimmsten Fall könnte damit nach dem Austritt des Vereinigten Königreichs Schluss und eine zusätzliche Auslandskrankenversicherung nötig sein.

Sobald Großbritannien nicht mehr Mitglied der EU ist, könnten außerdem wieder lästige Roaming-Gebühren anfallen. Das Telefonieren und Surfen würde deutsche Segler auf einem schönen Cornwalltörn dann wieder ordentlich Geld kosten – auch das aber natürlich nur im Worst Case.

Ein Kommentar „England: Was sich für deutsche Segler bei einem harten Brexit ändern könnte“

  1. avatar Merkel sagt:

    Wenn man die verlogene Migrationspolitik von v.a. Deutschland betrachtet, haben die Briten mehr als Recht, eine Änderung anzustreben. Schöner wäre es natürlich, wenn sich Europa besinnen würde und die EU Bürokratie auf eine schlankere Form zurechtstutzen würde.

    Nehme allfällige Segel-Komplikationen verständnisvoll in Kauf. Die “Schuld” liegt meiner Meinung nach fast 100 % bei der irrationalen Politik des Kontinents und den, oftmals alten unfähigen Politiker*innen.

    Heisse Debatte. Was meinst du? Daumen hoch 10 Daumen runter 41

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