Entsorgung: Eine Yacht passt den Behörden nicht und wird abgewrackt – oder war’s anders?

Beschlagnahmt und geschreddert

Stellvertreterbild – so ungefähr könnte die Miss Fizz angespült worden sein © kordula vahle/Pixabay

„Das Boot sah etwas mitgenommen aus, weil es unter Planen repariert wurde“, klagen die Eigner. „Die Yacht war ein Wrack, wurde an Land gespült und musste geschreddert werden,“ behaupten die Behörden. Es geht um zwei Millionen Dollar. 

So schnell kann’s gehen: Aus dem kalifornischen Ort Sausalito berichten lokale Medien, dass ein Paar Klage gegen die städtischen Behörden erhebt. Man habe ihre Yacht „Miss Fizz“ unrechtmäßig beschlagnahmt mit der Begründung „verwahrlost und ein Wrack“ und ohne ein ordentliches Verfahren anschließend sofort geschreddert. Die Kläger verlangen zwei Millionen Euro Schadensersatz.

Moment mal – da haben sich vielbeschäftigte Segler mal ein paar Wochen lang nicht um ihr Boot gekümmert, das an einer Mooring-Boje friedlich vor sich hin schwojte, und dann holen es kalifornische Ordnungshüter gleich ab, um es der Entsorgung zuzuführen? 

Nun ist man von der Exekutive in God’s Own Country ja so einiges gewohnt. Und selbst im eher entspannten Marin County kommen mitunter Gesetze zur Ausführung, die nach europäischen Maßstäben gelinde gesagt befremdlich wirken. Doch dass man so einfach mal eben „Säuberungsaktionen“ unter Booten durchführt, die nicht ganz so nietennagelneu aussehen – das wäre auch für Kalifornien ein starkes Stück. 

Ist das ein Boot oder kann das weg?

Hintergrund: Die Städtischen Behörden von Sausalito begannen zu Beginn des Jahres 2017 mit dem lange zuvor geplanten und zeitgleich mit den Bürgern diskutierten Projekt „Eyesore“ (Übersetzung etwa: “Schandfleck”). Wie der Name suggeriert, sollte die Bay vor Sausalito (nördlich von San Francisco) von gewissen schwimmenden Objekten gesäubert werden, die zum Teil jahrzehntelang an Bojen dümpelten, ohne jemals bewegt zu werden. In einigen Fällen sollen die Boote eher Wracks gleichen, als einsätzfähigen Segelyachten. 

Recycling, Yachten, GFK

GFK-Wrack an der Boje © miku

Tatsächlich sind jedoch in der betroffenen Richardson Bay auch viele Boote vor Anker gegangen, auf denen Menschen leben, die dem angeblich normalen Leben an Land den Rücken gekehrt haben. Die Behörden hatten damals offensichtlich 170 Boote ins Visier genommen. 

Kurz: Es gab „soziale Brennpunkte“ und gehörige  Meinungsverschiedenheiten darüber, wie eine „ordentliche“ Segelyacht auszusehen habe und wann ein Boot ein Wrack ist – oder eben NOCH nicht als Wrack behandelt werden darf.

Die Kläger verbreiteten in den lokalen Medien eine Geschichte, in der sie sich als Opfer einer „fatalen und unrechtmäßigen“ Säuberungsaktion darstellten. Ihre „Miss Fizz“ sei tatsächlich renovierungsbedürftig gewesen. Schon im Jahr 2015 heuerten die beiden Eigner einen lokalen Bootsbauer an, der die Yacht für rund 100.000 Dollar wieder auf Vordermann bringen sollte. Da der Bootsbauer keinen eigenes Reparatur-Dock besitzt, legte er das Schiff an eine Boje, die er für Reparaturen außerhalb eines Yachthafens gemietet hatte.

 Für größere Renovierungsarbeiten zog der Bootsbauer offenbar die Yacht mehrfach zu einem „privaten Dock“ des Paares. Zuletzt hing das Boot wieder an der Boje, während der Bootsbauer unter einer Plane offenbar Reparaturarbeiten am Motor, an den Fenstern und an der Elektrik durchführte. 

Ist das noch eine Yacht oder ein Wrack?

Am 10. Januar 2018 slippte die Bojenverankerung in einem Sturm und die „Miss Fizz“ trieb davon. Sie wurde mehreren Seemeilen weiter unter der San Rafael-Brücke angespült, heißt es in der Klage. Man gehe davon aus, dass sich das Schiff noch in einem korrekten Zustand befunden habe.

Dennoch wurde es beschlagnahmt, unter Polizeiaufsicht zum U.S. Army Corps of Engineers transportiert und sofort von städtischen Beamten zerstört, heißt es in der Klageschrift.

Die zuständige Behörde in Sausalito wehrt sich in den Medien mit der Begründung, dass Boote, die einmal beschlagnahmt wurden, nach gültiger Gesetzeslage in weniger als zehn Tagen geschreddert werden müssen. Das schließe auch Boote, ein, die nicht der Definition von Schiffstrümmern entsprechen.

Stellvertreterbild © kordula vahle/pixabay

Ein anstehendes Gerichtsverfahren soll nun klären, ob die Eigner Recht mit ihrer Behauptung haben, die Behörden von Sausalito würden willkürlich und rigoros in der Bucht „aufräumen“. Angeblich seien bereits 79 weitere Boote unrechtmäßig zerstört worden. 

In lokalen Medien und in den Sozialen Netzwerken stellen jedoch „Beobachter“ vor Ort mittlerweile weitere Fragen zu dem Fall: Warum kümmerte sich niemand (auch nicht der mit den Reparaturarbeiten beauftragte Bootsbauer) um die abgetriebene Yacht? Gab es keine Benachrichtigungen an die Eigner des Bootes, nachdem die Behörden die „Miss Fizz“ ganz offensichtlich ins Visier genommen hatten? Und wenn ja, warum reagierte niemand darauf ? 

In Kalifornien wird die „Miss Fizz“ mittlerweile als Präzedenzfall angesehen. Nicht zuletzt, weil offenbar einigen weiteren Gemeinden am Pazifik gewisse mehr oder weniger „herrenlose“ und angeblich „ungepflegte“ Yachten vor der Haustüre „ein Dorn im Auge“ sind. 

2 Kommentare zu „Entsorgung: Eine Yacht passt den Behörden nicht und wird abgewrackt – oder war’s anders?“

  1. avatar cr.102 sagt:

    Die Übersetzung „Eyesore“ (etwa: Blickfang , auch Augenweide) sollte nochmal geprüft werden, da eher das genaue Gegenteil gemeint ist. Aber ansonsten: tolle Seite, die ich gerne und regelmäßig besuche. Schönes Themenauswahl. Bitte weiter so!

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  2. avatar miku sagt:

    Stimmt, eyesore wird in erster Linie mit “Schandfleck” übersetzt. Ich dachte zunächst, “Augenweide” sei ironisch gemeint von der Behörde… hab’s korrigiert 😜

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