Evakuierung aus der Karibik: Marine kann Konvoi nicht begleiten – Hurrikansaison im Rücken

Atlantik-Flottille

“Die vielleicht schönste Quarantäne der Welt” nennt BILD die Situation deutscher Langfahrtsegler, die auf einer einsamen Insel festsitzen. Und auf den ersten Blick mag es durchaus angenehmer wirken, die Krisenzeit jetzt auf seiner Yacht zu verbringen, als gefangen in den eigenen vier Wänden.

Wasser-Versorgung am Ankerplatz von Isla de Lobos auf den Kanaren. © Guardia Civil

Aber das Bild passt nicht zur Realität. Zahlreiche Skipper dringen darauf, möglichst schnell zurück über den Atlantik nach Europa zu kommen, können aber den Törn kaum organisieren. Die Segler haben eine Interessengruppe gegründet, die sich digital austauscht. Es soll um insgesamt rund 200 internationale Yachten gehen. Die Deutschen haben sich in einer Petition an das Auswärtige Amt gewandt. Darin heißt es:

“Ich weiß von über 80 Booten, aus der ganzen Karibik, die sich derzeit in einer WhatsApp Gruppe versammeln und beratschlagen, wie sie es schaffen können, in Zeiten der Quarantäne, Proviant, Diesel und Wasser zu bunkern, um demnächst über den Atlantik aufzubrechen. Niemand weiß wo er dann anlanden kann, alle europäischen Grenzen sind zu. Zumal es derzeit unmöglich ist Crew einfliegen zu lassen, die Meisten werden also auf sich allein gestellt sein und zu zweit, teilweise sogar mit Kindern allein segeln müssen.”

Das Problem: Die Zeit läuft weg. Denn es ist keine Option, einfach vor Ort die Quarantäne auszusitzen. Ende Mai beginnt in der Karibik die Hurrikansaison. Und die Stürme haben in den vergangenen Jahren immer mehr Schäden angerichtet. Die Yachten müssten schon jetzt im Begriff sein, die Gefahrenzone zu verlassen.

Versicherungsschutz gefährdet

Yachtversicherungen haben traditionell um die Hurrikansaison herum Breitengrade festgelegt, zwischen denen sich das Schiff ab dem 1. Juni oder Juli eines jeden Jahres bis zum November nicht befinden darf.

Deshalb gehört es zur Planung eines Blauwasserseglers, seinen Törn so zu organisieren, dass er sich nicht in dem betroffenen Gebiet befindet. Die Lockdown-Situation auf den verschiedenen Inseln macht den Cruisern aber jegliche Bewegung unmöglich.

Interaktive Karte zu den Corona-Beschränkungen in den Häfen (klicken)

So wollen viele jetzt zurück über den Atlantik und die Überfahrt mit einem Konvoi organisieren. Dabei wurde auch die Idee geäußert, die Marine um Schutz zu bitten. Die Segler hofften laut FAZ auf die Eskorte der Fregatte „Baden-Württemberg“, die im Südatlantik unterwegs ist und am Dienstag auf den Kapverden erwartet wird. Sie hätte theoretisch in einer Woche die Karibik für die Rückholaktion erreichen können.

Eskorte nicht möglich

Aber eine Evakuierung dieser Art wird nicht stattfinden. Die Eskorte eines solchen Verbandes sei angesichts der ohnehin angespannten Personal- und Materiallage schlicht nicht leistbar, sagte ein Marine-Sprecher der FAZ. Ein notwendiges Versorgungsschiff wäre nicht verfügbar.

Die Situation ist also nach wie vor schwierig. Denn die Bewegungsfreiheit in den Blauwasserrevieren dieser Welt ist kaum vorhanden. Die aktuelle Situation in den Häfen hat der Trans Ocean Verein zur Förderung des Hochseesegelns nach Rücksprache mit seinen Stützpunktleitern zusammengefasst.

Langfahrtsegler Martin Jambo fasst die Situation in Sainte-Anne auf seinem Blog zusammen:

“Wir fühlen uns ganz gut vorbereitet für das, was vor uns liegt. Aber das geht nicht allen Crews in der Karibik so. Viele hatten andere Pläne als nach Deutschland zu segeln und wollten ihr Boot zu den hurrikan-sicheren Inseln im Süden bringen, wo jetzt auch fast alles dicht ist. Andere wollten für die Atlantiküberquerung Crew einfliegen lassen, was im Moment auch nicht mehr geht.

Und die Uhr tickt, denn ab Juni fängt hier die Hurrikan-Saison an, und man sollte sich dann nicht mehr mit seinem Schiff auf den kleinen Antillen aufhalten. Gerade im Norden bedeutet es meist den sicheren Verlust der Yacht und man bringt sich natürlich selbst auch in Gefahr, wenn man an Bord bleibt.

Im Süden kann es schon mal gut gehen und der erwähnte Segler aus Martinique hat hier in Le Marin schon einmal eine Saison an einer sehr guten Mooringboje überstehen können. Aber es ist ein Glücksspiel und nicht jeder kann sich darauf einlassen. Wir haben viel Verständnis für diese Segler, insbesondere wenn noch Kinder mit an Bord sind, die oft auch nicht auf eine Atlantiküberquerung vorbereitet sind. Wir hoffen, dass es gelingt, Crews einzufliegen oder Grenzöffnungen mit Quarantäne im Süden ermöglicht werden, damit Yachten dorthin verholt werden können.”

Vielen Seglern geht es wie der Crew einer Yacht, die seit über 10 Tagen vor der unbewohnten Kanaren-Insel Isla de Lobos ankert und keinen Hafen anlaufen darf. Als das Trinkwasser und die Lebensmittel ausgingen, wählte der Skipper die Notfallnummer der Guardia Civil. Schließlich kauften die Beamten ein. Geld verlangten sie für ihre Lieferung nicht.

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

3 Kommentare zu „Evakuierung aus der Karibik: Marine kann Konvoi nicht begleiten – Hurrikansaison im Rücken“

  1. avatar Brezh sagt:

    Ihr seid mit dem Thema ja ganz vorne dran …
    Da waren andere Medien aber deutlich schneller.

    Heisse Debatte. Was meinst du? Daumen hoch 5 Daumen runter 6

  2. avatar SV DIOTIMA sagt:

    Liege neben den Jungs vor Lobos, Guardia Civil hat bier & schnapps & wasser & einen sack kartoffeln vorbei gebracht beim nachbarn ;-). klar haben die bezahlt. ich habe ch 16 angefunkt und unkompliziert eine schriftliche genehmigung fuer Corralejo Port zum bunkern bekommen vor zwei wochen. Die guardia hatte eigentlich nur gefragt ob wir was brauchen und die frenchies haben halt gleich liefern lassen hahahaha.
    naja, naechstes mal wenn die ranger vorbei schauen fragen wir die mal ob wir ihr speed boat zum wakeboarden mieten koennen fuer ne stunde wenn nix los is am break.
    surf’s up & sun’s shining! paradies hier- eine der besten wellen europas laeuft auf lobos genau neben dem boot & keine sau da um sie zu surfen! once in a life time… hammer on the nail!!!
    stay safe & segler gruss aus der quarantaine von Leo, SV “DIOTIMA”

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  3. Haha das ist die beste Antwort auf diese Panik Nachrichten seit langem!

    Besten Gruß aus Martinique,
    Wir dürfen zwar die Insel nicht verlassen, aber ansonsten ist alles relativ entspannt hier Zeit für Bootsarbeiten!

    Liebe Grüße vom Sailing Naked team 😉

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