Extrem-Törn: Mit der Yacht von Clark Stede – einhand nonstop um Amerika und Antarktis

Schneller, weiter, einsamer

Auf deutscher Alu-Yacht zur Rekordfahrt: Der Kalifornier Randall Reeves will als erster Einhand-Segler rund Antarktis und durch die Nordwestpassage – ohne Landgang!

Warum ist Segeln ein Ausdauersport? Weil manche Segler den „Hals nicht vollkriegen“ können, und den Begriff Langfahrtsegeln allzu wörtlich nehmen. Bei (zugegeben faszinierend) waghalsigen Törns rund um die Welt wollen sie eben dieser Welt zeigen, dass sie einen „langen Atem haben“. 

Schneller, weiter, einsamer könnte man den alten Leichtathletik-Spruch für die Solo-Skipper abändern – erklärtes Ziel ist, genau das zu erledigen, was noch keiner zuvor geschafft hat.

Je länger, desto einsamer

Nach den „simplen“ Einhand-Nonstop-Weltumseglungen mit dem Kap der Guten Hoffnung als erster Bahnmarke bogen die Solo-Nonstop-WeltumseglerInnen gegen den Wind und die vorherrschenden Strömungen zur Abwechslung dann am Kap Hoorn ab. Es gab Segler, die blieben alleine jahrelang ohne Landgang auf See und malten vor lauter Langeweile mit ihrem Kielwasser Herzchen auf den Tracker. 

Rekordfahrt, Antarktis, Nordwestpassage

Fühlt sich wohl im Kühlen: Randall Reeves © reeves

Eine 70-jährige schaffte als älteste Frau die Nonstop-Einhand-Weltumseglung, ein 81-Jähriger versucht den (männlichen) Altersrekord derzeit im vierten Anlauf. Ach ja, und ein 14-jähriges Mädchen ist auch schon solo um die Welt gesegelt, allerdings mit Zwischenstopp. 

Es wird in immer riesigeren Trimaranen einhand, nonstop und logischerweise in Rekordzeiten um die Welt gebrettert. Oder, im Gegenteil, auf winzigen Booten dieselbe Route in quälend langer Zeit absolviert. Als einzige Konstante in alledem ist auszumachen: Die Suche nach neuen, noch nie abgesegelten Rekordrouten. 

Wird er Sedlacek zuvorkommen?

Wie zum Beispiel bei Norbert Sedlacek. Der Österreicher startete vergangenes Jahr mit reichlich PR-„Tam-Tam“ zu einer Einhand-Nonstop-Weltumseglungs-Expedition, die es „in sich hatte“, weil sie so noch nie gesegelt wurde.  Sedlacek wollte auf seinem, erst kurz zuvor fertig gestellten Open 60 aus Vulkanfaser durch die Arktis und rund um die Antarktis segeln. Alleine, ohne Zwischenstopp, versteht sich. 

Rekordfahrt, Antarktis, Nordwestpassage

Coole Yacht mit deutscher Geschichte: Die Moli segelte bereits mit Clark Stede © reeves

Dass der Törn schon im Atlantik nach ein paar Tagen aus technischen Gründen abgebrochen wurde, könnte man tatsächlich als Schicksalsschlag bezeichnen. Denn selbst wenn es Sedlacek schaffen sollte, wie angekündigt sein Vorhaben mit nun tatsächlich präpariertem Boot im nächsten Jahr zu wiederholen, könnte ihm ein anderer Segler in Sachen „Rekordfahrt durch die Nordwestpassage und rund Antarktis“ zuvorgekommen sein. 

„Figure 8-Voyage“

Denn derzeit ist der US-Amerikaner Randall Reeves auf dieser Route unterwegs. Der 48-Jährige startete in San Francisco, hat vor zwei Tagen das Kap Hoorn backbord liegen gelassen und segelt nun im südlichen Atlantik. Reeves will rund Antarktis segeln, das Kap Hoorn ein zweites Mal passieren, dann in die nördlichen Atlantikbreitengrade schippern um die Nordwestpassage zu bezwingen.

Die abschließenden Meilen von Alaska hinunter nach San Francisco vollenden dann eine grobe „Acht“ auf dem Tracker. Deshalb nennt Reeves sein Abenteuer auch „The Figure 8-Voyage“ – rund um die beiden Amerikas und um die Antarktis. 

Rekordfahrt, Antarktis, Nordwestpassage

Reeves fühlt sich wie für die See geboren © reeves

Nun gibt es bekanntlich viele, die zu großartigen Reisen vollmundig starten und dann relativ rasch klein beigeben. Doch bei Randall Reeves könnte sich ein „langer Atem“ – auch beim Beobachter – durchaus lohnen. 

Zwar ist Reeves bereits im zweiten Anlauf unterwegs, doch der erste Versuch zeigt bereits, dass er und sein Boot das „Zeug“ dazu haben, eine derart extreme Reise überhaupt durchzustehen. Letztes Jahr segelte Reeves auf seiner 45-Fuß-Aluminium-Yacht zum ersten Mal von San Francisco aus los, kam auch gut in seinem Vorhaben voran, wurde jedoch im Southern Ocean mehrfach mit dem Rigg aufs Wasser geschleudert. Die Yacht „Moli“ wurde dabei so stark beschädigt, dass Reeves einen Reparaturstopp auf Tasmanien einlegte und den „Reset“-Knopf für sein „Figure 8“-Vorhaben drückte. 

Etwas angeschlagen kehrte er im Sommer 2018 durch den Pazifik, über Hawaii nach San Francisco zurück. Nur um ein paar Wochen später gleich wieder zu seiner „Acht“ zu starten.

Schon einiges erlebt

Bereits vor diesem ersten Versuch zeigte Reeves, dass er „für die See und speziell für lange Strecken geboren ist“, wie er in den Sozialen Medien behauptet. Erste Solo-Segeltörns erledigte er auf Flüssen im Hinterland von San Francisco, später borgte er sich während der Geschäftsreisen seines Vaters die elterliche Yacht ohne Vorankündigung für längere Törns entlang der Pazifik-Küsten aus.

Seine Hörner stieß er sich endgültig bei einem Hawaii-British-Columbia-Törn ab. 2010 startete er zu einer zweijährigen Solo-mit-Stops-Weltumseglung in einem 30-Fuß-Boot, 2014 bezwang er die Nordwestpassage in einem ziemlich aufreibenden 65-Tage-Trip.

Rekordfahrt, Antarktis, Nordwestpassage

Deutlich erkennbar: Die Acht rund Amerika © reeves

Seine Initialzündung respektive erste Inspiration für lange Solo-Reisen erlebte er als Student. Als er für eine Campus-Radiostation den berühmten Bernard Moitessier interviewte, war es um ihn geschehen. „Von da an wollte ich nur noch raus aufs Meer, und das bitteschön möglichst alleine“. 

Auch seine Yacht „Moli“ ist prädestiniert für Abenteuer wie die „8“ rund Amerika.  Die 12,44 m lange Aluyacht wurde 1989 von Dübbel und Jesse auf Norderney gebaut. Unter dem Namen „Asma“  segelte auf ihr der deutsche Abenteurer, Fotograf und Blauwassersegler Clark Stede gemeinsam mit seiner Partnerin Michelle Poncini in den Neunzigerjahren rund Nord- und Südamerika.

Ihr nächster Besitzer, Tony Gooch, taufte sie auf den Namen „Toaouni“ und war 2002 der erste, der von einem Ausgangspunkt in Nordamerika aus eine Nonstop-Solo-Weltumseglung über den Southern Ocean absolvierte.

Untypisch mitteilungsfreudig

Was Reeves und seine Reise zudem besonders macht, ist die für erklärte Solosegler eher untypische Kommunikationsbereitschaft des Skippers. Er dokumentiert mit einer spannenden Akribie und viel Sinn für Unterhaltung nahezu täglich seine Reise auf Facebook und auf seinem Website-Blog.

Rekordfahrt, Antarktis, Nordwestpassage

Ziemlich mitteilsam für einen Solo-Segler © reeves

Schon seine bisherige, knapp 60 Tage dauernde Reise ist eine epische Erzählung über das Leben auf See, die gesuchte und gefundene Einsamkeit, die Routine an Bord und die Naturwunder direkt daneben –  in, auf und über dem Wasser. Eine faszinierende Lektüre für die eine oder andere Stunde auf dem Sofa. Oder beim Besuch im winterfesten Boot, mit der einen oder anderen Flasche Craft-Beer neben der Koje.

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Michael Kunst

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