Extremes: J.-J. Savin treibt in seinem Weinfass westlich der Kanaren – stimmt die Richtung?

Für die Tonne

Weinfass, Transat, Savin

Ein Mann und sein Fass: In drei bis vier Monaten will sich Savin in einer Tonne über den Atlantik treiben lassen © savin

In einem Fass über den Atlantik treiben: Jeder, der schon mal auf dem Ozean unterwegs war weiß, dass so ein Vorhaben nichts mit Romantik zu tun hat. Und dennoch, der 71-jährige Savin ist bereits drei Wochen unfallfrei unterwegs. 

Es schlug buchstäblich Wellen in Europa und den USA, als der 71-jährige Franzose Jean-Jacques Savin im Sommer 2018 ankündigte, dass er in einem Fass über den Atlantik treiben wolle. Alle berichteten: französische, deutsche, schweizer, skandinavische Medien, sogar die ansonsten gewissen Spinnereien eher abgeneigte New York Times ließ sich zu je einem Artikel in der gedruckten und digitalen Ausgabe herab. 

Nun ist Savin bereits seit knapp drei Wochen unterwegs, aber man hört und liest fast nur noch auf seiner Facebook- und Website von ihm. Das liegt selbstverständlich in der Natur der Dinge, denn der selbsternannte “Diogenes der Meere“ hatte bisher wenig Spektakuläres zu berichten. Und wenn die Neuigkeit schon mal „durch“ ist, dass ein Mann in einer Tonne, ohne jegliches Antriebs-Hilfsmittel, in drei Monaten von querab El Hierro, der kanarischen Insel, in die Karibik treiben möchte, dann muss schon Aufregendes passieren, um das noch zu toppen. 

Ohne Segel, ohne Motor – den Strömungen ausgesetzt

Lästermäuler behaupteten von Anfang an, dass solch ein Vorhaben scheitern müsse. Ohne wenn, aber und falls. Zwar gibt es tatsächlich Strömungen unterhalb der Barfuß-Transat-Route, die ein Gefährt, das ohne Segel, sowieso ohne Motor oder sonstige Vortriebsmittel unterwegs ist, zumindest in die richtige Richtung schubsen könnten. 

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Schöne Grüße aus der Tonne © savin

Was dagegen um diese Jahreszeit, während den ersten zwei Dritteln der angedachten Route überhaupt nicht einschätzbar ist, sind die Wettersysteme. Und mit denen hat Savin schon reichlich zu tun gehabt. Der erste, große Sturm, der über ihn herfallen sollte, nahm dann glücklicherweise einen anderen Weg, doch sind Tage und Nächte mit zwei bis drei Metern Wellenhöhe eher die Regel. 

Auch die Tierwelt, auf die sich Savin besonders freute, schaute bisher eher selten vorbei. Noch nicht mal einen Fisch habe er gefangen, schrieb er vor drei Tagen in einem seiner letzten Posts. Aber er habe ja noch genug konservierte Nahrung an Bord und könne durchaus später noch auf frische Fische zurückgreifen. Er werde sich eben noch etwas gedulden müssen. 

Ankunftszeit um zwei Wochen verschoben

Tatsächlich ist Geduld das, von dem ein Mann wie Jean-Jacques Savin nicht genug haben kann. Körperlich in sehr guter Form (ehemaliger Fallschirmjäger, Pilot, Park Ranger in Südafrika und aktuell noch Triathlet) beschreibt er seine Reise als „Geduldsspiel, bei dem er eben nicht auf dem Ozean reise, sondern MIT ihm.“ Und eine gewisse Askese sei ihm schon immer sympathisch gewesen, deshalb auch die Wahl des ungewöhnlichen Fortbewegungsmittels. 

Apropos „fort“, schon während der ersten zwei Wochen seiner Reise wehten die Winde, vor denen Savin mit seinem Weinfass treibt, aus eher ungünstigen Richtungen. Er trieb nordwestwestlich ab und liegt nun deutlich höher, als sein akribisch mit Meteorologen und Seglern ausgearbeiteter Plan das eigentlich vorsah. Entsprechend hat Savin schon mal die Ankunftszeit seiner Reise um zwei Wochen nach hinten verschoben. Was soll’s, schon. Da hat man mehr Zeit für sich und sein Fass. 

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So klein, und bestimmt auch ziemlich instabil © savin

Im Prinzip geht es Savin in seinem Fass, das tatsächlich von einem professionellen Küfer gebaut und größtenteils gesponsert wird, ziemlich gut. Savin richtete sich seine Tonne selbst ein;  im Vergleich zu einem Mini 6.50, mit dem ja bekanntlich auch alleine über den Atlantik gesegelt (manchmal getrieben) wird, gibt es sogar echten Luxus: 

Eine Küchenzeile (!), mit Kocher und Waschbecken(!), ein Bett (!). So mancher Transat-Racer dürfte hier vor Neid erblassen, auch wenn man unter Segeln deutlich schneller unterwegs sein dürfte. 

Wenn Savin bemerkt, dass seine Tonne vom Wind in die falsche Richtung geschoben wird, die Strömungsrichtung allerdings so einigermaßen stimmt, wirft er einen bis mehrere Treibanker aus, die ihn zumindest davon abhalten sollen, allzuweit nach Norden oder gar Osten ab- und zurück zu treiben.

Als kleines Schmankerl hat der Franzose und Weinliebhaber eine Amphore mit Bordeaux-Wein dabei. Der gleiche Wein ist in Frankreich an Land geblieben und die Weinkenner wollen so herausfinden, ob der täglich hin und her rollende und wiegende Wein letztendlich besser schmeckt, als der still gelegte. 

Bescheuert oder genial?

Klar, es ist eine per se ziemlich waghalsige, wenn nicht sogar bescheuerte Reise, die Savin in seinem Weinfass begonnen hat. „Das sagte man auch damals über Alain Bombard, der 1952 auf einem Schlauchboot 65 Tage ohne Süßwasser über den Atlantik trieb und sich ausschließlich von rohem Fisch ernährte,“ kontert Savin. „Und Bombard wird heute als Held gefeiert.“ 

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Beim Einwassern © savin

Seine bislang letzte Meldungen setzte Jean-Jacques Savin am Mittwoch und heute ab. Er berichtete von einigen Stunden „auf der Dachterrasse“ seines Fasses, wo er bei relativ ruhigem Meer in einer sanften Dünung stundenlang seine nur vermeintlich eintönige Umgebung genoss. Das habe ihn an seine langen Ausflüge in die Sandwüsten unserer Erde erinnert und an die vier Atlantik-Überquerungen, die er schon unter Segeln hinter sich habe. „Ich hatte nach langer Zeit erstmals wieder das Gefühl, zu existieren.  

Endlich hätten auch erstmals Tiere bei ihm vorbei geschaut, freut sich Savin: Ein riesiger Wal und eine imposante Schildkröte. Ein Handelsschiff sei wenige Meilen vor ihm gefahren, auf Savins Funkkontaktversuche habe aber niemand reagiert. “Was muss das für ein Gefühl für Schiffbrüchige sein, die in Not sind und einfach nicht erhört werden?”

„Dieses Gefühl von Freiheit, genau das habe ich gesucht. Ich bin der Gnade der Elemente ausgeliefert, die mich überall hin mitnehmen können. Und das Land kann mir noch eine Weile gestohlen bleiben!“ 

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Technische Fass-Daten

Das Fass ist größtenteils aus Polyester gefertigt, um Brechern zu widerstehen. Es hat vier Bullaugen: eines auf jeder Seite und eines unter dem Rumpf und eine Öffnungsluke, die von einer Blase (Durchmesser 60 cm) überragt wird. Ein Kiel hält das Fass im Gleichgewicht. 

Länge: 3m – Durchmesserbreiten: 2,10m und 1,70m auf den Stirnseiten

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Michael Kunst

Näheres zu miku findest Du hier

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