Extremsegeln: Norbert Sedlacek will auf Vulkanfasern um die Arktis und Antarktis

Mann mit Biss

Mit neuem Boot mal eben durch die Nordwestpassage, zweimal ums Kap Hoorn und sowieso um die Antarktis – der österreichische Hochseesegler Sedlacek hat sich viel vorgenommen. Kann das gutgehen?

Eines muss man Norbert Sedlacek lassen: Der Mann hat Biss. Was er sich vornimmt, zieht er wenn nur irgendwie möglich auch durch. Er war nach seiner Weltumseglungs-Premiere (1996-98, in Etappen) der erste Österreicher, der nonstop einhand rund um die Antarktis segelte. Sedlacek meisterte „The Transat“ und startete bei der Vendée Globe 2004, die er nach einer Havarie an der Kielaufhängung aufgeben musste. Vier Jahre später war er wieder in Les Sables d’Olonnes am Start und beendete die legendäre Einhand-Weltumseglungs-Regatta als Elfter von 30 gestarteten Booten.

Und das auf einer ziemlich „durchgerittenen“ IMOCA, die alles andere als konkurrenzfähig war. Um das klarzustellen: Hinter Sedlacek standen damals keine finanzkräftigen Sponsoren, die mit fetten Budgets eine professionelle Kampagne ermöglichten.  Für Sedlacek galt und gilt bei den meisten Problemen und Widrigkeiten, die sich vor ihm auftaten: Selbst ist der Mann! 

Immer weiter gemacht

Nur in einem Projekt ließ er ein wenig die Flügel hängen. Im November 2013 unternahm er den Versuch, auf der nur 4,90 m kurzen „Fipofix“ den Atlantik einhand mit nur einem Stop auf der amerikanischen Seite zu umrunden. Kurz nach dem Start gab er wegen technischer Probleme auf, kehrte um und schickte seinen Sohn auf den Törn.

Der beendete die quälend lange (Tor)Tour dann tatsächlich – ob der Törn als Erfolg gewertet werden kann, sei dahingestellt. Denn eigentlich sollte die Fahrt ein neues Gelege aus mineralischen „Vulkanfasern“ für den Bootsbau promoten. Das hielt zwar, was es versprach, doch alle Welt war eher daran interessiert, warum der Törn so nervenaufreibend langsam verlief (SR-Kommentar)

Sedlacek, Ant Arctic Lab,

Norbert Sedlacek im Hochsee-Modus © sedlacek

Aber lassen wir das, zurück zum „Biss“ des Norbert Sedlacek. Den will er nämlich erneut unter Beweis stellen. 

Und zwar nicht mit einer läppischen Atlantiküberquerung oder der x-ten Einhand-Nonstop-Weltumseglung, nein, Norbert Sedlacek will den Globus 1,5 mal runden und dabei an der Arktis entlang segeln und die Antarktis umrunden. Einhand, nonstop, versteht sich. 

Das Projekt mit dem bezeichnenden Namen „Ant Arctic Lab“ dürfte ein mehr als 34.000 Seemeilen langer Nonstop-Törn auf einem 60-Fuß-Prototypen werden, bei dem der Österreicher auf sich alleine gestellt sein wird. Bei Gelingen kann sich der ehemalige Straßenbahnfahrer eine Welt-Premiere auf seine Fahnen schreiben – nonstop und einhand ist so eine extreme Weltumseglung bis heute keinem und keiner gelungen. 

Doch Sedlacek sieht „Ant Arctic Lab“ nicht nur als Segel- , sondern auch als ultimative Yachtbau-Herausforderung. 

Vollständig recycelbare Open 60

Womit wir erneut bei der Vulkanfaser sind. Denn Sedlacek ist der Idee, mit dem mineralischen Gelege „Vulkanfaser“ eine umweltfreundliche Alternative zum nicht recycelbaren Glasfiber beim Bootsbau einzusetzen (wie bei „Fipofix“), treu geblieben. 

Also entwarf er gemeinsam mit seiner Frau Marion Koch einen Open 60-Renner im Stile einer IMOCA, der von „Innovation Yacht“ in Les Sables d’Olonnes nahezu vollständig aus nachhaltigen  und recycelbaren Materialien gebaut wurde. Mit Ant Arctic Lab will man „die Kernmaterialien, Vulkanfasern und Matrixsysteme bis an seine Grenzen testen“, ist auf der Website des Projektes zu lesen.

“Rumpf und Deck sind aus Vulkanfaser-Balsakopfholz-Sandwich. Aufgrund dieses Material-Mixes in Verbindung mit für die Umwelt als unbedenklich zertifizierten Matrix-Systemen ergeben sich Nachhaltigkeit, Recyclingfähigkeit, gesundheitliche und biologische Unbedenklichkeit sowie mehr technische Sicherheit.”

Sedlacek, Ant Arctic Lab,

Cooler 60-Fuß-Prototyp aus recycelbaren Materialien © sedlacek

Im Prinzip gehen „Innovation Yachts“ und die Sedlacek-Kochs damit ein in den letzten Jahren mehr als drängendes Problem im Bootsbau an: Wohin mit den alten, nicht mehr verwendbaren Rümpfen aus GFK- und sonstige Verbundmaterialien? Einem Material wie die von Sedlacek gepriesene und angewendete Vulkanfaser, könnte tatsächlich die Zukunft gehören. Vorausgesetzt, es hält den Belastungen während des kommenden Törns stand. Denn hier liegt der eigentliche Sinn von „Ant Arctic Lab“: Eine Promotion für das neue Bootsbaumaterial „Vulkanfaser“

Vulkanfasern im Eis

Die angedeuteten Belastungen werden nicht „von Pappe“ sein. Denn Norbert Sedlacek hat sich eine Route ausgesucht, die selbst erfahrene Hochseesegler mit „sportlich“ bis „Wahnsinn“ bewerten. Mal ganz abgesehen davon, dass ihm keiner die seemännischen und seglerischen Fähigkeiten für solch einem Mammuttörn abspricht, zweifeln viele schon am ersten „Wegepunkt“ von Sedlaceks epischer Reise: Die Nordwestpassage. 

Tatsächlich will der Österreicher nach dem Start in Les Sables d’Olonnes (ab heute genau in 60 Tagen, 29. Juli) zunächst nordwestlich segeln, um dann im arktischen Sommer die legendäre Passage von Ost nach West zu durchsegeln. Klar, die ist in den letzten Jahren relativ häufig eisfrei gewesen. Relativ! Doch viele Segler und Expeditionen, die ebenfalls „oben rum“ in den Pazifik wollten, scheiterten an Treib- bzw. aufgestautem Packeis. Hier wird also Fortuna eine Hauptrolle spielen.

Danach will Sedlacek auf seinem Renner zum anderen Extrem segeln, das der amerikanische Kontinent zu bieten hat: Kap Hoorn. Während der gesamten Nord-Süd-Strecke dürften eher Gegenwinde vorherrschen. Dann folgen südlicher Atlantik, Indischer Ozean, Southern Ocean (und somit Umrundung der Antarktis), erneut Kap Hoorn, Atlantik in seiner Gänze… um dann nach geschätzt 200 Tagen auf See  wieder in Les Sables d’Olonnes anzukommen. Atemberaubend, schon beim Lesen! 

Zwar wird der Segler nicht wie bei Weltumrundungen gegen die vorherrschenden Winde und Strömungen permanenten Kreuzkursen ausgesetzt sein, doch verweisen viele Hochseesegler auf die relativ lange Zeit, die Sedlacek alleine auf den physisch sehr anspruchsvollen Open 60 verbringen wird. Hält man(n) das als Mittfünfziger durch?

Genug Zeit zur Vorbereitung?

Das Innovation Yacht-Team (immer in vorderster Front dabei: Norbert S.) baute den 60-Fuß-Prototypen aus Vulkanfaser in 40.000 Mannstunden (siehe Zeitraffer-Video). Vor einer Woche wurde die knackig gestylte Yacht – Lava fließt übers Deck und Vorschiff – zu Wasser gelassen, vorgestern der Mast gestellt. 

Bei nagelneuen IMOCA-Kampagnen, die zugegebenermaßen auf maximale Geschwindigkeit für eine Weltumseglung ausgerichtet sind, rechnen die „Préparateurs“ und andern Offshore-Techniker ca. ein Jahr voller Tests und Versuchsfahrten, bis wirklich alles so funktioniert an Bord, wie es funktionieren soll. 

Sedlacek hat jedoch nur noch zwei Monate Zeit, um seine Open 60 „auf Vordermann“ zu bringen. Ein wichtiger Faktor, der insbesondere in der Dauerbelastung des Riggs, bei der Elektrik (und somit Autopilot) eine Rolle spielen könnte. Denn des Hochseeseglers liebstes Zitat lautet bekanntlich: über den Erfolg eines Törns wird vor dem Start entschieden. 

Norbert Sedlacek seien ruhige Händchen für die Routenwahl, ein gutes Gespür fürs Wetter und eisfreie Zeiten auf allen Ozeanen gewünscht. Er hat sich dieses Abenteuer wie kaum ein anderer erarbeitet. Und sich alles dafür notwendige Glück mit einem enthusiastischen Seglerleben verdient!

Innovation Yachts

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Website Ant Arctic Lab

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Michael Kunst

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2 Kommentare zu „Extremsegeln: Norbert Sedlacek will auf Vulkanfasern um die Arktis und Antarktis“

  1. avatar breiz sagt:

    Klingt verdammt anstrengend. Ich hoffe, SR berichtet dann auch regelmäßig von seinem Vorwärtskommen.

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  2. avatar Piet sagt:

    Nicht das sein Son wieder übernehmen muss nach 1/4 der Strecke.

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