Extremsegeln: Ohne Beine im Hobie-Kat durchs Mittelmeer – 2020 sm im August 2020

Zwei Männer, zwei Beine

Rüdiger Böhm, beinamputierter Extrem-Sportler, will gemeinsam mit Lars Kyprian (ehemaliger Schweizer Meister 470er) auf einem Hobie-F18-Katamaran 2020 sm segeln – von Tarifa bis Palermo.

Segeln ist für Menschen mit Behinderung längst eine der beliebtesten Sportarten. Die vielfältigen Möglichkeiten, die in unterschiedlichsten, teils speziell für Behinderte konstruierten oder zumindest umgebauten Bootsklassen möglich sind, überzeugen ganz offensichtlich Behinderte wie auch Betreuer. 

Zwar kann es niemals genug Inklusionsmöglichkeiten in Clubs, Initiativen, Stiftungen und Fördervereinen geben, doch wird dem Segelsport in Europa von Menschen mit Handicap meist ein „gutes Zeugnis“ ausgestellt. 

Eine wichtige Funktion nehmen dabei – wie überall im Sport – Vorbilder und ihre meist spektakulären Leistungen ein. Zwar hat die Segelgemeinde mit dem allseits kritisierten und für die meisten bis heute unverständlichen Rauswurf der Segler bei den Paralympics einen schmerzhaften Schlag hinnehmen müssen. Doch tat das (gefühlt) dem positiven Image des Segelsports unter Behinderten keinen Abbruch. 

Andere Zeiten, andere Vorbilder

Nicht zuletzt, weil andere Leistungen behinderter Sportler unter Segeln für medienwirksame Aufmerksamkeit sorgen. Wie etwa Einhand-Weltumseglungen im Rolli, Mini-Transats buchstäblich einhand (armamputiert) oder die anstehende Vendée Globe Teilnahme 2020 (einhand, non-stop um die Welt) des Franzosen Damien Seguin, der tatsächlich nur mit einer Hand „zupacken“ kann.

Seguin war bereits Paralympics-Goldmedaillengewinner (2004, ein Jahr später wurde eine unlautere Manipulation seines 2.4-Kiels festgestellt, die Medaille aber nicht aberkannt), er schaffte die Top Ten bei der Route du Rhum 2010 in der Class 40 und machte auch bei der Transat Jacques Vabre auf seinem IMOCA bereits eine gute Figur.

Nun will ein behinderter Abenteurer und Hochleistungssportler als Quereinsteiger im Segelsport Furore machen. Rüdiger Böhm, beinamputierter Extrem-Sportler wird gemeinsam mit Lars Kyprian (ehemaliger Schweizer Meister 470er) auf einem Hobie-F18-Katamaran das Mittelmeer durchqueren – ca. 2020 sm von Tarifa bis Palermo.
Dreißig Tage hat das ungleiche Duo für den Törn entlang der Küsten von Spanien, Frankreich und Italien angesetzt. Unter dem Motto „Zwei Männer, zwei Beine“ will und wird Böhm zeigen, dass Behinderungen auch im Extremsport nicht unbedingt Hinderungen sein müssen.

Keine Beine, keine Grenzen

Mit „No legs, no limits“ setzt Rüdiger Böhm seit 1998 als Behindertensportler seine ganz persönlichen Akzente in unterschiedlichen Sportarten. Der seit jeher von (fast) allen Bewegungsformen begeisterte Sportstudent wurde im April 1997 bei seiner ersten Trainingsfahrt mit einem nagelneuen Rennrad von einem LKW angefahren – beide Beine mussten amputiert werden. 

Rüdiger Böhm und Lars Kyprian in Action © gp challenge

Nach einem schmerzhaften Kampf ums Überleben, mit starkem Willen und jeder Menge Mut fand der heute 50-Jährige damals wieder ins vermeintlich normale Leben zurück. Er lernte auf zwei Prothesen zu laufen und schlug selbstbewusst zwei Laufbahnen ein: Als Extremsportler und als Coach. 

2006 verlieh ihm der Deutsche Fußballbund die UEFA Pro Lizenz, womit Böhm als erster und einziger Fußballtrainer ohne Beine das höchste Trainer Diplom im Fußballsport erhalten hatte. Bis 2013 trainierte Böhm den FC Thun in der Schweizer Superleague. Heute gibt er seine Erfahrungen in Vorträgen, Seminaren und Coachings an seine Kunden weiter. Als Botschafter und Präsident unterschiedlicher Fördervereine und Charity Sports Events zeigt Böhm zudem soziale Verantwortung. 

Sportlich machte der Behinderten-Extremsportler vor allem mit Ausdauerleistugnen von sich reden. 2013 fuhr er die „Tortour“ (nomen est omen) durch die Schweiz mit: 600 km am Stück, 8000 Höhenmeter im Zweier-Team auf dem Handbike. 2017 paddelte Böhm 1.250 km auf Aare und Rhein bis Rotterdam, um dann im Handbike 1.100 km wieder zurück in die Schweiz zu fahren. 33 Tage brauchten er und ein Kollege (ohne Behinderung) für die Hin- und Rücktour – ein Event, das für reichlich mediale Aufmerksamkeit in der Handi-Ausdauersport-Szene sorgte. 

Gut aufgestellt auf dem Hobie Kat

Und jetzt also Extremsegeln. Bei der GP-Challenge (nein, nicht Grand Prix, sondern Gibraltar-Palermo) wollen Böhm und sein Mitsegler Kyprian erneut unter dem Motto „no legs, no limits“ die Komfortzone verlassen und zeigen, dass es auch „ohne Beine wundervolle, spannende und extrem sportliche Möglichkeiten gibt, die Naur zu erleben.“ 

Segeln ohne Beine © gp challenge

Der mediterrane Törn scheint höchst professionell organisiert und aufgestellt zu sei. Das zeigt schon die gut gefüllte Sponsorenliste,von der so mancher Olympionike nur träumen kann: Wer seine Unterstützer in Platin, Gold, Silber, Bronze, offizielle Partner und Ausrüster aufteilen kann, hat den modernen Sponsoren-Zirkus durchweg verstanden. 

Rüdiger Böhm © böhm

Apropos professionnell: Die beiden Segler werden permanent von einem Sicherheits- und Medienboot begleitet. So sollen außergewöhnliche Bilder und eine filmische Dokumentation entstehen und zudem Live-Informationen von dem Extrem-Törn auf die Bildschirme unserer Computer und Smartphones geschickt werden. Ein Tracker ist ab 28.8.2020 aktiv. Vormerken!

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Michael Kunst

Näheres zu miku findest Du hier

3 Kommentare zu „Extremsegeln: Ohne Beine im Hobie-Kat durchs Mittelmeer – 2020 sm im August 2020“

  1. avatar Oktant sagt:

    “2013 fuhr er die „Tortour“ (nomen est omen) durch die Schweiz mit: 600 km am Stück, 8000 Höhenmeter im Zweier-Team auf dem Handbike.”

    600 km am Stück auf dem Handbike kann ich mir nicht vorstellen.

    An anderer Stelle lese ich:

    “Die Fahrerinnen und Fahrer im Team wechseln sich an jeder “Time Station” alle 50 bis 80 Kilometer ab; drei Streckenabschnitte werden gemeinsam gefahren.

    Und wie schon in den vergangenen Jahren
    wird während des Nacht-Betriebs von 20/30 Uhr bis 6/30 Uhr sowohl der “Tortour” als auch der “Challenge” der “Followcar-Modus” auf weiten Teilen der Route gestattet sein:

    Man darf dem Rennfahrer auf der Strasse mit dem Begleitfahrzeug unmittelbar folgen. ”

    https://www.radsport-news.com/freizeit/freizeitnews_78014.htm

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  2. avatar Michael Kunst sagt:

    Super, Oktant, Fehler gefunden! Es hätte “abwechselnd” im Zweierteam heißen müssen. Schmälert das jetzt die Leistung von Böhm? 🙄

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  3. avatar OKtant sagt:

    Miku, es ging nicht darum, Böhm’s Leistung zu schmälern, sondern um eine Klarstellung.

    Grundsätzlich bin ich jedoch gegen extreme Langstrecken, denn der Sport soll ja der Gesundheit dienen, statt diese zu ruinieren und die Lebenserwartung zu verkürzen.

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