Extremtörn: Rekord beim Scheitern – Stanley Paris (81) bricht vierten um-die-Welt-Versuch ab

"Furchtbar enttäuscht"

Stanley Paris wollte in seinem Bestreben ältester Nonstop-um-die-Welt-Segler zu werden das dreimalige Scheitern nicht auf sich sitzen lassen und segelte erneut los. Warum er nun erneut umgedreht ist.

Der gebürtige Neuseeländer Stanley Paris, der mit seiner 52-Fuß-Knieriem-Yacht aus Kiel als 81-Jähriger ohne Pause die Welt umsegeln wollte, hat auch seinen vierten Versuch abgebrochen. Nach gut 5000 Meilen fällte er nördlich von Brasilien die Entscheidung, dass er wieder umdrehen muss. Wieder führte eine Kette von Ereignissen zu dem frustrierenden Erlebnis. Der erfahrene Segler berichtet offen:

Weltumseglung, Altersrekord

Stanley Paris ist enttäuscht nach dem gescheiterten vierten Nonstop-Versuch. © Paris

Nachdem Paris wieder im Heimathafen St. Augustine/Florida festgemacht hat, erklärt er: “Noch nie ist in meinem Seglerleben auf den über 100.000 Seemeilen so schnell und so viel falsch gelaufen. Zu den Hauptproblemen gehören der Ausfall der Bilgenpumpen,  zweier Hydrogeneratoren, die für die Stromversorgung notwendig sind. Außerdem läuft Diesel in die Bilgen und es gibt ein Leck im Süßwassersystem.”

Ausschlaggebend für den Abbruch war schließlich die Berechnung, dass nach den Schäden kurz nach der Hälfte der geplanten Strecke die Energieversorgung ausgefallen wäre. Er hätte nicht genug Strom produzieren können für Navigation, Kommunikation, Kochen, Pumpen und insbesondere Strom für die Autopiloten, die das Boot steuern.

Unglückskette

Die Unglückskette begann mit einer Flaute. Eigentlich wollte Paris zu 100 Prozent mit grüner Energie um den Planeten segeln. Er vertraute insbesondere auf die am Heck ins Wasser geklappten Hydrogeneratoren. Schon in der Nähe von Bermuda reichte der Wind aber nicht aus, um die Energiespender ausreichend in Bewegung zu bringen. Er konnte die Lithium-Ionen-Batterien nicht laden. Ihr Level sank unter 30 Prozent und Paris öffnete die versiegelten Dieseltanks, die er für den Notfall mitführte.

Knierim FC53

53 Fuß länge für den schnellen Cruiser aus französischer Feder. © Knierim

Dieses Malheur fiel noch nicht schwer ins Gewicht. Am zehnten Tag entwickelte sich die Situation deutlich dramatischer. Das große Code Zero Vorsegel rollte sich ungewollt aus, und als der Skipper das schlagende Segel wieder einrollen wollte, riss die Furler-Leine. Nach der Reparatur schien das Einrollen zu klappen, aber erneut drehte sich das Segel auf halbem Weg alleine wieder aus. Offenbar hatte die Leine nicht ausreichend Grip auf der Trommel.

Beim dritten Furl-Versuch riss sie erneut und rutschte auch noch von der Trommel am Bugspriet. Paris konnte das schlagende Segel nur bergen, indem er das Fall löste. Das Tuch fiel ins Wasser. “Kiwi Spirit II” stoppte mit geborgenem Groß, und der Skipper winschte das Segel Zentimeter für Zentimeter zurück an Deck.

Segel im Propeller

Nach sechstündiger kraftraubender Arbeit für den 81-Jährigen stellte er fest, dass es sich unter Wasser am Propeller verfangen hatte. Es blieb nichts anderes übrig, als das Segel wieder ins Wasser zu fieren und sich auf einen Tauchgang vorzubereiten. Er traute sich das Manöver zu. Schließlich hatte er schon den britischen Kanal durchschwommen und ist zertifizierter Taucher.

Paris ist wieder nicht weit gekommen.

Aber die Dunkelheit brach herein, er war ohnehin erschöpft, und so plante er das die Schwimm-Einlage für den nächsten Morgen. Der Zugang zum Wasser über das stampfende Heck bereitete ihm Sorgen, aber oh Wunder, bei den ersten Sonnenstrahlen entdeckte Paris, dass sich das Problem von alleine gelöst hatte. Der Code Zero war in den Tiefen des Ozeans verschwunden.

Aber so einfach ging es nicht weiter. Schon in der nächsten Nacht bei rauen Bedingungen schwappte Diesel über den Kajütboden. Paris entdeckte, dass alle vier Tankverbindungen leckten. Fast die Hälfte des gebunkerten Treibstoffs ging verloren. Und der Geruch unter Deck war nahezu unerträglich.

Ein weiteres Leck

An Aufgeben dachte der Einhand-Skipper noch nicht. Sonnenenergie und vier Hydrogeneratoren sollten für ausreichend Energie sorgen. Aber nach dem 13. Tag fand sich bei Wind zwischen 12 und 20 Knoten auch noch Wasser im Schiff. Es handelte sich um Süßwasser. 60 Prozent der Süßwasser-Reserve lief durch ein weiteres Leck aus.

Das sollte eigentlich auch kein großes Problem sein, da zwei Watermaker für ausreichend Nachschub sorgen würden. Aber für weiteres Unbehagen sorgte die  Tatsache, dass auch die Frischwasserpumpe ihren Geist aufgab. Der Wasserkreislauf musste fortan per Fußpumpe in Gang gesetzt werden.

Stanley Paris

Die “Kiwi Spirit II” bei der ersten Testfahrt vor Laboe. © Stanley

Mehr Kopfzerbrechen bereite dem Einhandsegler schließlich die Entdeckung, dass die Bilgepumpen Probleme bereiteten. Sie hatten noch den auslaufenden Diesel abpumpen können, aber mit dem Frischwasser kamen sie nicht mehr klar. Damit in den Southern Ocean? Paris begann, sich ernsthafte Sorgen zu machen.

Das Problem mit den Hydrogeneratoren

Nur einen Tag später setzte sich die Desaster-Kette fort. Am 14. Tag auf See wollte der Extremsegler seine Hydrogeneratoren einsetzen, nachdem er festgestellt hatte, dass die Batterieladung stark abgenommen hatte. Sobald das Schiff eine Geschwindigkeit von mehr als sieben Knoten erreicht, produzieren die Propeller der Geräte am Heck ausreichend Strom für den Betrieb des Schiffes.

Aber der eine Generator ließ sich nicht ausreichend tief abklappen nachdem eine Kontrolleine durchgerieben war. Und trotz extremer Kraftanstrengungen bäuchlings über dem Spiegel hängend bekam Paris das Problem nicht in den Griff. Das zweite Gerät ließ sich besser einsetzen. Der Propeller drehte. Doch nun stellte der Skipper fest, dass die Anzeige keine Ladung feststellte. Es war schon einmal zu Reparatur nach Frankreich geschickt worden und hatte danach gut funktioniert. Doch nun klappte es wieder nicht.

Als Paris dann auch noch feststellte, dass die Solar-Panele keinen Strom produzierten, versuchte er das gesamte System neuzustarten. Aber das gestaltete sich auf See schwieriger als geplant.

Energie reicht nicht aus

Paris beschreibt seine Überlegungen: “Diese fortlaufenden Systemausfälle haben mich sehr ärgerlich gemacht. Ich war enttäuscht und deprimiert. Es entwickelte sich überhaupt nicht gut. Der Ausfall der Hydrogeneratoren machte mich abhängig vom Dieselgenerator und ich hatte ja fast die Hälfte meines Diesels verloren. 

Ich segelte weiter, verbrachte aber viel Zeit mit Berechnungen. Ich brauchte genug Energie, um ohne Stop um die Welt zu segeln. Ich war hier draußen, um es alleine, nonstop und als Ältester zu schaffen, und jetzt sah es immer weniger möglich aus. Vierundzwanzig Stunden später drehte ich einfach das Boot um und machte mich zurück auf den Weg nach St. Augustine.

Ich bin furchtbar enttäuscht. Das war’s nun.  Mein vierter und letzter Versuch. Meine Frau Catherine und ich sind uns da von ganzem Herzen einig. Ich hatte ihre Unterstützung für alle vier Bemühungen, aber ich will nun nicht mehr an einen fünften Versuch denken.”

Stimme verloren

Design und die Leistungsfähigkeit des Schiffes seien nie das Problem gewesen. “Kiwi Spirit II” segele gut, sicher und schnell auch wenn der Autopilot bei starkem Wind viel zu tun hat und viel Strom verbraucht. “Nicht das Boot, sondern die Ausrüstung war das Problem. Je mehr High-Tech man auf Booten installiert, desto größer wird das Risiko, dass sie kaputt geht. Der Verlust von etwa der Hälfte des Diesels war eigentlich tolerierbar, wenn die Hydrogeneratoren und die Solaranlage funktioniert hätten.”

Paris weist aber auch auf ein körperliches Problem hin. “Ich habe langsam meine Stimme verloren. Was das für eine Rolle spielt, und wie ich das bemerkt habe beim Einhandsegeln? Nun, ich singe immer viel für mich selbst und ich habe jeden zweiten Tag mit meiner Frau Catherine am Satellitentelefon gesprochen. Ich bemerkte Schwierigkeiten, einen Wortfluss aufrechtzuerhalten. Das machte mir Sorgen.” Erst an Land, sei das Problem wieder verschwunden, und so schiebt Paris die Symptome auf die permanenten Dieseldämpfe. Gut, dass er wieder heil zurück ist.

 

 

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Carsten Kemmling

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3 Kommentare zu „Extremtörn: Rekord beim Scheitern – Stanley Paris (81) bricht vierten um-die-Welt-Versuch ab“

  1. avatar Matze sagt:

    Seltsam viele Fehler

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  2. Hmh – ja echt viele Probleme. Hat er eigentlich auch dieses Bus-System an Bord wie die deutsche FC53 Nica ? Das scheint mir als – auch ohne Shorecrew und unterwegs wartbares System – keine gute Idee zu sein. Selbst wenn der Eigenverbrauch des Systems noch unproblematisch wäre, so mag ich gar nicht daran denken, dass ich irgendwo weit draußen nicht einfach meine Laderegler (der Solaranlage/ der Hydrogens) direkt anschließen kann. Da bevorzuge ich doch glatt meine stinknormalen Schalter/Sicherungen die zwar weniger schick sind aber keinen Strom brauchen und wo ich das System auch unterwegs reparieren kann.

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    • avatar asdf sagt:

      Ein Bus System kann man auch unterwegs reparieren.
      Es ist nicht jede “neue” Technik böse.

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