Golden Globe Race: Mark Slats als Zweitplatzierter auf den letzten Meilen – ETA 23 Uhr

Wie gewonnen, so zerronnen

Er galt als „zu wild“ für dieses Rennen und zeigte allen Skeptikern, dass man es dennoch weit bringen kann: Mark Slats prägte dieses GGR mindestens genauso stark wie Sieger van den Heede. 

Vor dem Start zum Golden Globe Race hätten nur wenige ihr Geld darauf verwettet, dass es Mark Slats bis aufs Podium schaffen würde. Obwohl der Typ zunächst schon rein äußerlich durchaus das Zeug dazu hatte, als echter Seehelde wahr- und ernstgenommen zu werden: Athletischer Körperbau, immer ein Lächeln auf den Lippen, ziemlich laute Klappe, sympathisches bis stoisches Gemüt und immerhin schon eine Solo-Weltumseglung im Kielwasser. Eigentlich keine schlechten Voraussetzungen für einen angehenden Golden Globe Racer.

Mark Slats, Golden Globe Race

Ruderer, Segler und jetzt auch noch Held: Mark Slats finisht heute Abend auf Rang 2 des GGR © golden globe race

Doch irgendwas störte die Hochsee-Szene und die selbsternannten Regatta-Propheten an dem Australier, der mit acht Jahren im Schlepptau seiner Eltern in die Niederlande gezogen war (und beide Pässe besitzt). Er sei viel zu wild und manchmal auch durchgeknallt, um die lange Einsamkeit einer Einhand-Nonstop-Weltumseglung durchzustehen. Und irgendwas Seltsames blitzte mitunter in seinen Augen mitten im Gespräch auf, so dass manche hinter vorgehaltener Hand behaupteten, Slats sei einer dieser Kandidaten, die „draußen auf See“ auch schnell mal richtig verrückt werden könnten. 

Letztere Vermutung mag auch darin begründet sein, dass Mark Slats noch ein paar Monate vor dem Start zum Golden Globe Race einen schier unfassbaren Rekord aufstellte: Der damals 40-Jährige ruderte beim Talisker Challenge in Rekordzeit über den Atlantik – und zwar alleine. Nach unglaublichen 30 Tagen kam er als Vierter overall und erster Einzelkämpfer ins Ziel. Wo er der erstaunten Welt gleich ankündigte, dass er sich „wie Bolle“ auf das anstehende Golden Globe Race freue – „endlich mal richtig lange auf dem Wasser sein!“. So weit zum Thema „wild und durchgeknallt“. 

Schon während seiner Ruderei und in den Monaten danach kümmerte sich die renommierte Agentur Dick Koopmanns um den Umbau von Slats Golden Globe Retro-Yacht „Ohpen“. Auch Slats vertraute, wie die meisten GGR-Teilnehmer, auf eine Rustler 36. Nur mit dem kleinen Unterschied, dass sein Boot wirklich „vintage“ ist, da es sich tatsächlich um die Baunummer 1 der Serie handelt. 

Ungeachtet dessen wurde schon bei der Prolog-Regatta von England nach Les Sables d’Olonnes klar, dass Slats und das Koopmanns-Team ganze Arbeit geleistet hatten. Nachdem der Niederländer mal eben schnell die Regatta durch den Ärmelkanal und die Biskaya gewonnen hatte, machte seine „Ohpen“ – neben dem Boot von Jean Luc van den Heede – den besten Eindruck in Sachen „Seegängigkeit“ und „durchdachtes Equipment“. Was sich bis zu den derzeitig letzten Metern des Rennens bestätigen sollte. 

Dass Slats auch ein riesiges Ruder mit sich führte, mit dessen Unterstützung er durch die Flautenlöcher schneller als anderen gelangen wollte, war da vielleicht eher als Gag zu verstehen. 

Bitteschön immer weit vorne

Mark Slats ist ein Mann, der seine extremen Gegensätze pflegt. Als Sportler, Abenteurer und „als Mensch“, wie er mehrdeutig unterscheidet. Wild in der Aktion, sanft wie ein Lamm im Zwischenmenschlichen, bot Slats der versammelten Segelszene vom dem GGR-Start einen herzzerreißenden Abschied von seiner Mutter. Sie ist schwer an Lungenkrebs erkannt (Slats sammelte deshalb schon beim Rudern für die internationale Krebshilfe) und beiden war klar, dass sie sich vielleicht zum letzten Mal sehen und berühren würden. Bei dem hünenhaften Slats flossen die Tränen in Strömen … und der halbe Steg heulte mit. 

Doch kaum über der Startlinie, war dann nur noch das Eine angesagt: Segeln, segeln und nochmals segeln. Und das, bitteschön, so weit vorne wie möglich im Regattafeld. 

Mark Slats, Golden Globe Race

Die Ohpen, eine Rustler 36 mit der Baunummer 1 © ggr

So schipperte Slats teils in Führung liegend, meistens auf Rang zwei durch den Atlantik. Er kam als Zweiter am Kap der Guten Hoffnung vorbei (nachdem sein bis dahin schärfster Konkurrent Philippe Peché aufgegeben hatte) und ließ sinnbildlich reichlich Federn im Indischen Ozean. Dort beutelte ihn der gleiche Sturm, während dem sich auch der Inder Abilash Tomi schwer am Rücken verletzte und abgeborgen werden musste. Slats kam zwar ohne nennenswerte Probleme aus dem Schlamassel, hatte aber als weiterhin Zweitplatzierter einen enormen Rückstand auf Van Den Heede zu verbuchen. Der war dem Sturm entkommen und baute kontinuierlich seinen Vorsprung aus. 

Mark Slats zeigte sich während des gesamten Golden Globe Races als Segler mit langem Atem.  Auch bei aussichtslos erscheinenden Abständen zu VDH hielt er den Blick nach vorne gerichtet und wartete dabei „immer auf seine Chance“, wie er in seinen wöchentlichen Sicherheitstelefonaten öfters erwähnte. 

Und die kam tatsächlich. 

Unaufhaltsam aufgeholt

Obwohl auch Slats im Southern Ocean eine extrem harte Zeit hatte, war es ausgerechnet Jean Luc van den Heede, der in einer besonders ungestümen See durchkenterte. Und einen schweren Schaden am Mast erlitt. Bekanntlich reparierte VDG den Mast notdürftig, segelte aber vorsichtshalber bei Starkwind – ausgerechnet dann also, wenn er die meisten Meilen auf seinen Verfolger gutmachte – mit „angezogener Handbremse“ weiter.

Also blies Slats zum Angriff. Schon vor dem Kap Hoorn holte der Niederländer reichlich Seemeilen auf den in Führung liegenden, „alten Mann“ auf. Und erneut im südlichen Atlantik unterwegs, zeigte Slats ein paar bemerkenswerte Lehrstücke in Sachen „Navigation ohne Satellit und Elektronik“ (die GGR-Teilnehmer dürfen nur mit Sextant navigieren, und nicht mit GPS). 

Kurz, obwohl auch Slats Nerven in den Doldrums bis aufs Äußerste strapaziert wurden, obwohl auch er alle paar Tage den Rumpf abtauchen musste, weil sich Muscheln und bremsende Fauna auf seinem Rumpf offenbar besonders wohl fühlten, kam er dem Führenden unaufhaltsam näher. 

Golden Globe Race, Vendée Globe, Start

Tränen flossen reichlich beim Abschied © miku

Mit einem unglaublichen Kampfgeist steuerte er lange Strecken selbst, änderte sein Schlafmanagement um die Segelstellung öfter kontrollieren zu können und verringerte so von Tag zu Tag den Abstand nach vorne. Von anfänglich über 2.000 Seemeilen (vor VDHs Kenterung) zog der „den Sack“ bis auf lächerliche 15 Seemeilen zu. 

Da lag Slats auf seiner „Ohpen“ zwischen den Azoren und Westafrika und war rein rechnerisch nahezu gleichauf mit seinem Konkurrenten, was die Entfernung zur Ziellinie betraf. Doch VDH, der alte Seebär, war strategisch besser positioniert, erwischte frische Winde für Reaching-Kurse in Richtung Biskaya am Rande eines Azoren-Hochs, während Slats… mitten ins Hoch fuhr. Und dort „gar gekocht wurde“, wie VDH das bedauernd, aber auch feixend später im Ziel beschrieb. 

Golden Globe Race

Angemessene Größe um eine Rustler durch Rudern zu bewegen – Mark Slats und seine Geheimwaffe für Flauten © ggr

Fans von Slats schreiben in den Sozialen Medien, dass an Bord der „Ohpen“ zu diesem Zeitpunkt wohl Wutanfälle an der Tagesordnung waren. Dass der athletische Slats zudem kaum noch Nahrungsmittel an Bord hatte, dürfte ebenfalls die Laune nicht gerade verbessert haben. Und weil er in den Doldrums weniger Regenwasser auffangen konnte als erhofft, war der Ruderer nun gezwungen, wieder seine Armkraft einzusetzen. Stundenlang musste Slats an einer manuellen Entsalzer-Pumpe ackern, um einen halben oder dreiviertel Liter Meerwasser zu entsalzen. 

Wie gewonnen, so zerronnen. 

Also vergrößerte sich der Abstand zwischen VDH und Slats erneut, immerhin bis auf über 400 Seemeilen. Der Rest ist mittlerweile Geschichte: VDH segelte am Montag als Sieger über die Ziellinie, während Slats sich noch mit einem ausgewachsenen Biskaya-Sturm rumärgern musste. Zudem erhielt er wegen einer unerlaubten Kontaktaufnahme mit seinem Shore-Team eine Zeitstrafe. Ein Moment, in dem dann wohl die Nerven endgültig blank lagen: Duell verloren, verdammt hungrig (Slats in einer Mail), kein Trinkwasser mehr an Bord, sieben Meter hohes Wellenchaos um ihn herum und dann auch noch eine Zeitstrafe – „Es wird Zeit, dass dieses Rennen zu Ende geht für mich!“ sendete Slats vor Kurzem von Bord. 

Gekämpft hatte er ja nun wahrlich genug. Heute Abend, gegen 23 Uhr, soll er die Ziellinie von Les Sables d’Olonnes überqueren. Was für ein Segler, dieser Ruderer! 

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Michael Kunst

Näheres zu miku findest Du hier

2 Kommentare zu „Golden Globe Race: Mark Slats als Zweitplatzierter auf den letzten Meilen – ETA 23 Uhr“

  1. avatar looplloop_andy sagt:

    Danke Miku!!
    Tolle Story, super Typ…

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 16 Daumen runter 0

  2. avatar Olli sagt:

    Ich glaube, dass aus diesem Rennen ausschließlich Sieger durchs Ziel gehen…

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 12 Daumen runter 0

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