Jos Vierbaum und Beeke Jessen: In sechs Jahren zum Schiffshybrid

"Greetchen": Ein Wolf im Schafspelz


Schiffshybrid. Oben klassisch, unten modern. © R. Abratis

Uups! Was ist denn da passiert? Da hat der Bootsbauer beim Anbau des Kiels wohl in die falsche Kiste gegriffen. Oben Kutter, unter Cupper? Die „Greetchen“ lässt sich in keine Schublade packen. Und Eigner, Designer und Bootsbauer in Personal-Union, Jo Vierbaum, findet: Das passt!

„Nein, da ist nichts schief gelaufen“, lächelt der gelernte Bootsbauer milde ob der frechen Frage und erklärt: „Boote haben immer etwas mit Ästhetik zu tun. Und klassische Linien oberhalb der Wasserlinie sind etwas für das Auge. Aber warum sollte man deswegen auf die Vorteile moderner Konstruktionen verzichten?“ Die Geschichte der „Greetchen“ ist nicht nur die Geschichte eines besonderen Schiffes, es ist auch die Geschichte einer besonderen Leidenschaft.

So hat der 26-Jährige schon während seiner Lehrzeit auf der Schiffswerft Wilfried Stapelfeldt in Kappeln die Idee eines Schiffshybrid entwickelt, die er gemeinsam mit seiner Freundin Beeke Jessen in den vergangenen sechs Jahren in die Tat umgesetzt hat.

Die neun Meter Yacht fährt unter dem Rumpf einen modernen T-Kiel mit einem Ballast von einer Tonne spazieren © R. Abratis

„Nur zum Spaß“ haben sie seit 2004 in ihrer Freizeit die neun Meter lange Kutteryacht gebaut. Mit der Förderung von Chef Wilfried Stapelfeldt entstand ein Schmuckstück, das als historisches Schiff mit Fock, Klüver und Spreizgaffel daher kommt, unter der Oberfläche aber Werte wie das flache Unterwasserschiff, die schmale Kielfinne und die stromlinienförmige Bleibombe verbirgt.

Und auch sonst bietet „Jos Boot“, so der Arbeitstitel des Projektes, Überraschendes im hölzernen Gewand. So sorgt ein Holz-Kohlefaser-Komposit beim Rigg für Gewichtsersparnis, der Klüver ist für den Hafenbetrieb einziehbar, und unter Deck schnauft bei Flaute kein Diesel-, sondern schnurrt ein moderner E-Motor mit 3,6 kw, der in Segelfahrt durch seinen feststehenden Propeller auch als Generator zum Aufladen der Akkus genutzt wird.

Ansonsten ist der Rumpf aber klassische Bootsbaukunst in Vollendung. Nicht am Computer sind die Linien des Bootes entstanden, sondern im Kopf von Jo Vierbaum. Auf dem Schnürboden hat er schließlich das Design aufgerissen, die Spanten im Wechsel aus Lärche formverleimt und aus Esche eingebogen. Die Außenhaut besteht aus zwei Lagen elf Millimeter dicken Lärchen-Planken.

Während die innere Lage an die Spanten geschraubt und geklebt wurde, ist die äußere Lage nur geleimt, so dass  keinerlei Verschraubungen den Anblick stören. Der Aufbau, das Cockpit und die Luken sind in Eiche gefertigt, das Deck in Stäben aus Oregon-Pine verlegt.

Ganz bewusst haben Jo und Beeke beim Bau ihres Schiffes auf Teak und Mahagoni verzichtet: „Wir haben uns an dem Material der ursprünglichen nordischen Arbeitsboote orientiert und so ein tropenholzreines Schiff gebaut“, sagt Jo Vierbaum, der sich mit seinem Bau auch ansonsten ganz bewusst vom Konventionellen der aktuellen „Raumschiffe“ absetzt.

Stehhöhe und eine Nasszelle sucht man auf der „Greetchen“ vergebens. „Wir wollten kein Boot um eine Toilette herum bauen. Dies ist ein Segelboot. Da findet das Leben draußen statt. Deshalb ist vor allem das Cockpit großzügig gestaltet.“ Unter Deck kann man sich allerdings auch in aller Gemütlichkeit „verkriechen“.

Ein kleiner Bollerofen spendet bei Bedarf Wärme, die Koje im Bugbereich bietet mit 1,95 Meter Länge und 1,80 m auf größter Breite Platz für zwei, und im „Salon“ haben zwei weitere Mitsegler ausreichenden Liegekomfort. Ein Kartentisch ausgestattet mit vorausschauendem Echolot, Logge und GPS sowie ein Küchenblock finden sich zudem.

Am 8. August wurde die „Greetchen“ im Beisein von rund 200 Taufgästen erstmals zu Wasser gelassen. Der Wind spielte für eine Probefahrt zwar nicht mit, doch die Wasserlage der Kutteryacht entsprach rund sechs Jahre nach der Ideenfindung ganz den Vorstellungen des Erbauers, der sich während der Entstehungsphase keinerlei Zeitzwänge aufdrücken ließ.

Auf die Frage von Bekannten, wann das Schiff den fertig werden würde, antwortete er stets: „Es wird fertig, wenn es fertig wird.“ Eine Aussage, die in ihrer Art Beleg genug dafür ist, dass der ehemals aus Köln stammende Bootsbauer an der Schlei richtig heimisch geworden ist. Hier hat er Beeke kennen gelernt, und hier sieht er auch seine berufliche Zukunft. Denn für die Bootswerft Stapelfeldt ist er als Nachfolger des inzwischen 69-jährigen Werftchefs Wilfried vorgesehen.

Vorher soll es mit der „Greetchen“ aber erst einmal auf Fahrt gehen. „Mal sehen, wo uns der Wind hintreibt“, sagt Beeke. Die 26-Jährige war stets Feuer und Flamme für das Projekt, hat immer kräftig mit Hand angelegt.

„Als Zahntechnikerin habe ich mit vielen Materialien zu tun, aber leider nicht mit Holz. Das konnte ich dafür beim Bootsbau voll auskosten“, sagt sie und blickt nun gespannt auf die kommenden Wintermonate: „Das wird schon anders. Es wird zwar noch einiges zu tun sein, aber plötzlich wird es auch mal freie Wochenende geben.“ Es klingt fast so, als würde sie dann etwas vermissen.

Die „Greetchen“ ist rund 9 Meter lang und 2,70 Meter breit. Der Klüverbaum ragt zudem 2,3 Meter über das Boot hinaus. Tiefgang: 2 Meter, Gewicht: 3,4 to (davon 1 to Bleiballast). Besegelung mit Fock, Klüver und Spreizgaffel-Groß: 63 qm. Kosten: allein an Materialkosten haben sich im Laufe der Jahre rund 30.000 Euro summiert.

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Ralf Abratis

… ist unser Mann aus der “Segelhauptstadt” Kiel. Mehr zu ihm findest Du hier.

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