Historie: Drill auf der Gorch Fock I – Video vom Segel setzen, Rahen entern, Deck schrubben

„Lasst fallen!“


Harte Arbeit und körperlicher Einsatz bis zu Erschöpfung: Die Mannschaft der „Gorch Fock I“ hatte wenig zu lachen. Kurzer Einblick in das, was damals als „gute Seemannschaft“ bezeichnet wurde. 

Ihr jüngeres Schwesterschiff ist derzeit mal wieder in aller Munde (SR berichtete), doch von der Gorch Fock I, die derzeit als nicht seetüchtiges Schiff im Stralsunder Hafen liegt, ist eher wenig bekannt (SR-Bericht vom letzten Check-Up). 

Dabei hat die „Alte Dame“ eine ziemlich bewegte Vergangenheit, die zum Teil mit interessantem Bildmaterial und einigen (für die damalige Zeit) technisch sehr guten Filmen belegt wurde. 

Gorch Fock I, Historie

Die Gorch Fock I unter Vollzeug © gorch fock 1

Vor allem die Ausbildungsfahrten für angehende (Kriegs)Marine-Soldaten sind legendär – der Drill auf der Dreimastbark soll besonders hart gewesen sein. 

Eine Ahnung über die Zustände, Anforderungen und Arbeiten an Bord geben Filme wie das obige Video wieder. Die wurden jedoch als „Propagandastreifen“ für die Marine gedreht und sollten letztendlich als eine Art „Werbung“ für das Leben auf See dienen.

Entsprechend sind manche Eindrücke vom „freundlichen Umgang“ miteinander oder vom akkuraten Zusammenspiel der Crew mit Vorsicht zu genießen. Schließlich wurde alles inszeniert und ganz offensichtlich für mehrere Einstellungen häufig wiederholt. 

Gorch Fock I, Historie

Historische Aufnahmen vom Bau, Schiffstaufe und Jungfernfahrt © gorch fock1

Dennoch wird deutlich, dass zu Zeiten, als wirklich noch alles „von Hand“ ausgeführt wurde, die Seefahrt ein Knochenjob war. Besonders beeindruckend ist das Tempo, mit dem die Schüler und Kadetten in die Masten klettern. Ungesichert, in netter, blütenweißer Uniform kommt es da durchaus auch schon mal vor, dass einer mehrfach „daneben“ tritt oder abrutscht. Heutige Unfallversicherer würden sich mit Grauen abwenden… 

Ein historischer Streifen, der mit Abstrichen – es ist eben die „Reichs- bzw. Kriegsmarine“ – durchaus sehenswert ist. 

Tipp: André Mayer

Website Gorch Fock I 

Kleine Geschichte der Gorch Fock I

1933 wird die Dreimastbark in nur 100 Tagen im Auftrag der Reichsmarine bei Blohm und Voss in Hamburg gebaut – eine Meisterleistung für die damalige Zeit. Der Bau wurde nur zu einem geringen Teil aus Steuermitteln finanziert: Der „Flottenbund Deutscher Frauen“ und der „Deutsche Flottenverein“ hatten eine Volksspende angeregt, die für den Bau letztendlich verwendet wurde. 

Gorch Fock I, Historie

Einer der schönsten Rahsegler des letzten Jahrhunderts © gorch fock1

Das 82 Meter lange und 1.354 Tonnen verdrängende Schiff bot Platz für 198 Seekadetten, neun Offiziere und 56 Unteroffiziere. Es diente bis 1939 als Schulschiff und im Zweiten Weltkrieg als „Wohnschiff“ u.a. in Stralsund 

Gegen Ende des Krieges ließen die verantwortlichen Offiziere das Schulschiff abtakeln und die meisten Ausrüstungsteile in diversen Hallen in der Umgebung des Hafens verstecken. Am 1. Mai, nach einem kurzen Beschuss durch russische Panzereinheiten mit nur geringfügigen Schäden am Schiff, versenkte die Besatzung die Gorch Fock I eigenmächtig mit einem Sprengsatz im Strelasund. Bis heute ist nicht geklärt, warum das Schiff – das zuletzt mit einer auf der Mole abgestellten Lokomotive beheizt werden musste – nicht für eine Verlegung von Zivilisten oder verwundeten Soldaten in Richtung Westen eingesetzt wurde. 

Gorch Fock I, Historie

Der vierte Versuch, das Schiff zu bergen, war erfolgreich © gorch fock1

1947 wird die Bark von der sowjetischen Marine geborgen (nach drei gescheiterten Versuchen) und in Rostock und Wismar instand gesetzt. Unter dem Namen „Towarischtscht“ segelt das ehemalige Schulschiff nun unter sowjetischer Flagge, Heimathafen ist Kherson/Ukraine.

Nach Auflösung der Sowjetunion wechselt das Schiff unter ukrainische Flagge. 1998 bietet „Tallship e.V.“ an, längst überfällige Reparaturen an dem Traditionssegler vorzunehmen und verbringt das Schiff nach Wilhelmshaven.

2003 kauft der Verein das Schiff vom ukrainischen Bildungsministerium und legt die „Gorch Fock I“ erneut an ihren „alten“ Liegeplatz in Stralsund . Nach mehreren Sanierungs- und Rückbau-Maßnahmen liegt die Dreimastbark dort bis heute und dient als Museumsschiff, auf dem u.a. auch „Riggtrainings“ aber auch standesamtliche Trauungen durchgeführt werden. Im derzeitigen Zustand wäre die  „Gorch Fock I“ nicht segelfähig. Alle Beteiligten bemühen sich jedoch, dass die „Alte Dame“ eines Tages wieder in See stechen kann und wird. Das hängt jedoch davon ab, ob für die notwendigen Arbeiten die erforderlichen Geldmittel erbracht werden können. 

Spenden
http://summercamp-borgwedel.de

Ein Kommentar „Historie: Drill auf der Gorch Fock I – Video vom Segel setzen, Rahen entern, Deck schrubben“

  1. avatar Backe sagt:

    Kleiner Fehler:
    Das große S/W-Foto oben (unter dem Film) zeigt die Niobe, das 1932 vor Fehmarn gesunkene Vorgänger-Schulschiff der GF1.
    Und noch mal Besserwisser:
    Auch auf der GF 2 wurde noch bis vor kurzem “ungesichert geklettert” … einpicken konnte man sicj erst, wenn man oben auf seiner Rah angekommen war. Das änderte sich erst nach dem Skandal um die 2010 in Brasilien tödlich verunglückte Kadettin, die anschließenden Meuterei-Vorwürfe gegen Teile der Lehrgangsteilnehmer und die vorübergehende Stillegung des Skandalschiffes.
    Erst im Zuge der Überprüfung und Neuausrichtung des Sicherheitskonzeptes der Kadettenausbildung wurden vertikale Sicherungsleinen für das eigentliche Klettern eingeführt, wie sie auf den allermeisten Rahseglern zu diesem Zeitpunkt längst Usus waren.

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 5 Daumen runter 0

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