Historie: Evgeny Gvozdev baute sein Mini-Boot auf dem Balkon und segelte um die Welt

+++ Vergessener Held +++

Mikro-Bootsbau auf dem Balkon, zwei Mal solo um die Welt und dabei Haarsträubendes erlebt – Gvozdevs Heldentaten sind legendär, aber nur wenigen bekannt. Er starb vor 5 Jahren unter mysteriösen Umständen.

Evgeny Gvozdev , Mikrosegeln, Weltumseglung

Das Bild der Bilder: Evgeny Gvozdev und seine”Said” hängen am Balkon © Evgeny Gvozdev

Selbstverständlich sind wir alle Helden, irgendwie, irgendwann. Immer wenn wir über unsere Limits hinausgehen, wenn Ziele trotz widrigster Hindernisse erreicht oder Träume endlich realisiert werden. Doch manche Helden sind eben noch etwas „heroischer“ als ihre Kollegen, ganz wenige sind so etwas wie „Superhelden“. Auch wenn sie überhaupt nicht in das klischierte Ideal passen, das man sich von ihnen macht.

Der Russe Evgeny Gvozdev war so einer. Wenn er irgendwo auf der Welt in einem Hafen auftauchte, wurde er meist belächelt, mitunter sogar als „Penner“ wieder zur Weiterfahrt aufgefordert. Keine heldenhafte Aura umwaberte ihn, sondern eher der uncoole Duft des Losers inmitten all derjenigen, die es „zu was gebracht“ haben im Leben – und dies mit der Länge ihrer Yacht am Steg dokumentieren.

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Evgeny Gvozdev konnte als Mikroboot-Segler da schon per se nicht mithalten – seine Gefährte waren 5,50 m und 3,60 m lang und sahen meistens so aus, als hätten sie so ziemlich allen Stürmen dieser Welt schon getrotzt. Was im Prinzip ja auch stimmte, wenn Evgeny Gvozdev jedoch in seinem gebrochenen Englisch endlich mit dem Erzählen anfing, hatten die meisten Zuhörer sich schon gelangweilt anderen Dingen zugewandt…

Evgeny Gvozdev , Mikrosegeln, Weltumseglung
Ein Gesicht wie ein gemalt: der russische Weltumsegler Evgeny Gvozdev © Evgeny Gvozdev

„Wirst schon sehen!“

Es gab einen Tag im Leben des russischen Ingenieurs Evgeny Gvozdev, der alles änderte. Irgendwann 1991 war das. Er hatte seinen Job verloren, die Zukunft sah nicht gerade rosig aus, gleichzeitig öffnete sich seine Heimat gegenüber dem Rest der Welt, man konnte endlich ohne Konsequenzen fürchten zu müssen, seinen Träumen Taten folgen lassen.

Und Evgeny Gvozdev war ein Mann der Tat. Er kaufte sich ein völlig herunter gekommenes 5,50 m kurzes Plastikboot für wenige Rubel, taufte es auf den Namen „Lena“, schraubte ein wenig daran herum, reparierte das ausgeleierte Großsegel mit schwarzem Tape und brachte das Schiffchen runter zum Kaspischen Meer. Von dort segelte er 1992 los. Als er seinen Freunden sagte, er wolle um die Welt segeln, erntete er typisch russisches, stoisches Schulterzucken. „Mach’ doch, wirst schon sehen, was Du davon hast“.

1996 kam er wieder zurück. Auf dem gleichen Schiff, mit anderem Großsegel und eine Weltumrundung im Kielwasser. Nicht mehr, nicht weniger. Die Freunde zuckten wieder mit den Schultern, na gut gemacht, Alter!

Tatsächlich ist wenig bekannt über diese erste Weltumseglung des Russen Evgeny Gvozdev. Seinem eher stoischen Charakter folgend, erzählte Gvozdev nur das Allernotwendigste von diesem Trip, „ist leider vorbei, war toll, mach ich noch mal!“ soll er gesagt haben. Wer seine Reise anzweifelte, dem zeigte er Hafenpapiere, Zoll-Formulare, Zeitungsartikel von den exotischsten Orten dieses Planeten.

„Nur kurz ist sicher!“

Evgeny Gvozdev , Mikrosegeln, Weltumseglung
Mal eben schnell auf den Kipper © Evgeny Gvozdev

Doch Evgeny Gvozdev kam auch mit einer Erkenntnis von dieser Reise zurück: „5,50 m sind eindeutig zu lang für eine Person! Sicheres Segeln ist nur in Nussschalen möglich!“ Zwei Jahre hielt er es zuhause aus, dann war die Idee für die nächste Reise gereift: Eine Weltumseglung auf einem 3,60 m kurzen Mikroboot.

„Ich war schon ein ziemlich alter Mann, hatte keine Chance mehr auf eine Anstellung, und nur mit Mühe und Not genug zu essen. In so einer Situation kannst du nicht einer Werft sagen, sie sollen dir mal schnell ein geeignetes Schiffchen bauen. Du musst selber ran und mit dem bauen, was du so findest!“ erzählt er später Freunden aus der Mikro-Szene.

Evgeny Gvozdev , Mikrosegeln, Weltumseglung

Kurz ist gut © Evgeny Gvozdev

Also baute er die 3,60 m kurze „Said“ (arabisch für „Freund“, aber auch „der Glückliche“) auf dem … Balkon! Ein Jahr brauchte er, um das Boot aus einer Mischung aus Fiberglas, Plastikabfällen und Holz zu basteln. „Ich zog wie ein Obdachloser durch die Straßen und Industriegebiete der umliegenden Ortschaften und sammelte oder erbettelte an Materialien, was mir wichtig erschien. Um probeweise auch den Mast stellen zu können, hing die „Said“ zuletzt außen am Balkongeländer. Allerdings, den 100 kg schweren Kiel bolzte er erst später an…

1999 seilte er das Boot auf die Ladefläche eines Lasters ab, den ein Freund unter den Balkon rangierte und schließlich ging es wieder zum Kaspischen Meer, für eine 350 sm Nonstop-Jungfern- und Testfahrt. Deren Ergebnis: „Es kann gleich losgehen!“

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Michael Kunst

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2 Kommentare zu „Historie: Evgeny Gvozdev baute sein Mini-Boot auf dem Balkon und segelte um die Welt“

  1. avatar Christian1968 sagt:

    Da kann ich nur Posthum meinen tiefen Respekt vor diesem Menschen bekunden, von dem ich niemals zuvor hörte. Wer solche Persönlichkeiten an Bootslängen misst, oder sie als Clochards bezeichnet hat nichts begriffen.
    Danke für den Artikel.

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 21 Daumen runter 0

  2. avatar Ulrich Jäger sagt:

    Wow , hatte noch nichts von diesem Mann gehört , danke für den Artikel !

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 6 Daumen runter 0

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