Historie: Evgeny Gvozdev baute sein Mini-Boot auf dem Balkon und segelte um die Welt

+++ Vergessener Held +++

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In 90 Tagen über den Atlantik

Als 65jähriger setzte Evgeny Gvozdev 1999 also Segel, um zum größten Abenteuer seines Lebens aufzubrechen: Seine zweite Weltumseglung, diesmal auf einem 3,60 m kurzen Mikroboot.

Evgeny Gvozdev

Evgeny Gvozdev auf seiner “Said” © Evgeny Gvozdev

Durchs Kaspische Meer, durchs Mittelmeer, über den Atlantik nach Rio de Janeiro – allein für die Strecke Kanaren – Brasilien brauchte er 90 Tage! – schließlich die südamerikanische Küste entlang, durch die Magellanstraße rüber zum Pazifik. 2001 landete er dort an und die chilenischen Behörden fanden ihn und sein Gefährt überhaupt nicht witzig.

Die „Said“ sei nicht seetüchtig, man könne ihn nicht lossegeln lassen. Gegen Behördensturheit hatte auch Evgeny kein Rezept, aber er hatte sich schnell Freunde in Puerto Natales gemacht. Die spendierten ihm und seiner Nussschale eine Reise auf einem Frachtdampfer hinter den berüchtigten Golfo De Penas nach Puerto Montt, wo die Behörden wiederum von dem Schiffchen keinerlei Notiz nahmen und es ein paar Tage später seelenruhig auf den Pazifik ziehen ließen.

Die „Said“ brachte ihn weiter nach Tahiti, ein Trip, von dem Evgeny Gvozdev später nicht mehr genau wusste, wie lange er tatsächlich gedauert hatte, 110 oder 120 Tage. Was vielleicht auch daran lag, dass er wochenlang ohne Regen unterwegs war, was wiederum seinen Süßwasserhaushalt ziemlich durcheinander brachte. Mit „hard times“ soll er die Überfahrt beschrieben haben, als er in Papeete ankam, um knappe 10 kg Körpergewicht erleichtert. Ein Evgeny Gvozdev sagt damit so ziemlich alles aus…

Zwei Knoten „schnell“

Überhaupt, das Bunkern des Proviants. Für lange Strecken stand der Russe bei zwei Knoten durchschnittlicher Geschwindigkeit vor echten Problemen; mitunter war das Boot so überfüllt, dass er zum Schlafen in der Kajüte beide Beine raus in die Plicht strecken musste. Doch irgendwann sei eben alles gegessen und getrunken, und dann fange das eigentliche Abenteuer der Selbstversorgung an…

Mikrosegeln, Evgeny Gvozdev

Kleine Boote sind offenbar überall auf der Welt willkommen © Evgeny Gvozdev

Im Jahre 2002 landete Evgeny Gvozdev in Darwin, Australien, wo ihm schon wieder die Behörden „die Hölle heiß machten“. Er, der (gefühlt) 120 Stürmen auf seiner Reise getrotzt hatte, musste sich im Hafen den behördlichen Mächten Australiens unterwerfen. Oder fast.

Man monierte, dass sein Visum nicht mehr gültig sei, er also illegaler Einwanderer sei und das Land verlassen müsse. Was wiederum für Schlagzeilen in den Medien sorgte, die einen Aufschub um ein paar Wochen „erreichten“, um den dann doch etwas erschöpften  70 jährigen aufzupäppeln. Doch daraus wurde nichts: Ausgerechnet ihm, dem oft als „Clochard der Meere“ bezeichneten Segler, klaute man im reichen Australien Proviant, das wenige Geld, einen Fotoapparat und das Radio. Ihm blieb  zum Glück noch der Plastiksextant.

„No kill him!“

Ob er denn nie Angst um sein Leben gehabt hätte, wurde er oft gefragt. Nein, mit der Natur sei er eigentlich sehr gut zurecht gekommen, selbst in den haarigsten Situationen habe sich immer eine Art Schlupfloch für ihn und die „Said“ eröffnet. Nur wenn Menschen ins Spiel kamen, wurde es mitunter lebensgefährlich.

So erzählte er eines Tages dem US-Weltumsegler Bernie Harberts bei einer Tasse Kaffee seine wohl gefährlichste Situation auf dieser Reise. Nicht im Hurrikan, nicht in der öligen Flaute ohne Wasser sondern vor Somalia, als 14 Piraten auf ihren Schnellbooten längsseits kamen. “Six man say ‘Kill him!’ Eight man say ‘No kill him!’ So they let me go. Democrazia!!” beschreibt er mit schwerem russischem Akzent.

Mikrosegeln, Evgeny Gvozdev

Evgeny Gvozdev © Evgeny Gvozdev

Nachdem er die Welt auf der „Said“ tatsächlich umrundet hatte, während es zuhause im Fernsehprogramm nur „Fußball, Titten und Politikergeschwätz“ gab, machte er sich als 74 jähriger im September 2008 erneut auf den Weg zu einer Weltumseglung. Etwas komfortabler sollte es sein, also entschied er sich erneut für den gleichen, 5,50 m langen Bootstyp, mit dem er die erste Umrundung geschafft hatte.

Wochen nach seinem Start im Kaspischen Meer fand man Evgeny Gvozdev tot auf einem italienischen Strand, an den er gespült wurde. Nur unweit von ihm lag sein Boot auf der Seite in den Wellen, ebenfalls angetrieben. Evgeny war ganz offensichtlich an den Folgen einer schweren Kopfverletzung gestorben.

Ein Unfall, etwa während einer Patenthalse? Oder ist er aufgelaufen und verletzte sich, als er gerade schlief? Die italienischen Behörden sind jedenfalls, soweit bekannt, zu keinem eindeutigen Ergebnis gekommen. So starb einer der größten Weltumsegler unserer Zeit, dort wo er am liebsten war – auf See!

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Michael Kunst

Näheres zu miku findest Du hier

4 Kommentare zu „Historie: Evgeny Gvozdev baute sein Mini-Boot auf dem Balkon und segelte um die Welt“

  1. avatar Christian1968 sagt:

    Da kann ich nur Posthum meinen tiefen Respekt vor diesem Menschen bekunden, von dem ich niemals zuvor hörte. Wer solche Persönlichkeiten an Bootslängen misst, oder sie als Clochards bezeichnet hat nichts begriffen.
    Danke für den Artikel.

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  2. avatar Ulrich Jäger sagt:

    Wow , hatte noch nichts von diesem Mann gehört , danke für den Artikel !

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  3. avatar bernard sagt:

    wir haben evgeny auf unserer weltumsegelung 2 x getroffen….das erste mal in darwin 2002 und dann in griechenland 2003. er war ein super typ. schade…RIP.

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    • avatar bernard sagt:

      ich wollte noch hinzufügen: evgeny hat uns in darwin erzählt, der bootsname “said” beruhe auf dem namen des bürgermeisters seines wohnortes.

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