Hydroptère: Rekord-Trimaran unter den Fittichen von Airbus – bald Bodeneffektfahrzeug?

Hydroptère lernt RICHTIG fliegen!

Der Weg des Rekordtrimarans ist filmreif. Kaum ein anderes Boot hat so viele Auf und Ab erlebt, wie der 55 kn-Tragflügel-Trimaran Hydroptère. Nun will ihn Airbus mit einem Industrie- und Forschungs-Konsortium zum Fliegen bringen. 

Hydroptere, Trans Pacific Record

Da stand sie noch gut im Saft: Hydroptere bei Trainingsfahrten vor Kalifornien © hydroptere

Der Wille Poseidons ist manchmal unergründlich, immer für Überraschungen gut und vor allem niemals langweilig. Nur so kann man erklären, dass ausgerechnet Boote – die bekanntlich für ihre Skipper mehr als nur irgend ein schwimmender Untersatz sind, sondern ihr eigenes Leben leben –  mitunter Schicksale erfahren, die es wahrlich „in sich haben“. Oder prägnanter formuliert: Hydroptère kommt zurück – und wie! 

Ikone der Raserei unter Segeln

Alle engagierten Segler kennen mittlerweile den Rekord-Trimaran Hydroptère (SR-Artikel-Auswahl) und ihren mitunter an der Exzentrik knapp vorbei schrammenden Erfinder Alain Thébault (SR-Artikel-Auswahl). Beide haben sich nach jahrzehntelangen Abenteuern vor sechs Jahren (einvernehmlich?) getrennt – Thébault wollte mal was Anständiges machen und entwickelte das spektakuläre Elektro-Foil-Taxi Bubble (SR-Artikel). Und die Hydroptère landete auf einem Schrottplatz auf Hawaii, nachdem sie sich zuvor bei einem TransPac-Rekordversuch jämmerlich blamiert hatte. Oder war es Poseidon, der mit schwachen Winden sämtliche Raserei-Ambitionen zunichte machte?

Gabriel Terrasse und sein US-amerikanischer Partner Chris Welsh vor dem Hydroptère-Hangar in Kalifornien, wo das Boot während der Lockdowns refittet wurde. © hydroptere/terrasse

Wie auch immer, Alain Thébault hatte seit der Trennung über viele Jahre hinweg „Oberwasser“, stand im Mittelpunkt des urbanen, ökologischen Fortschritts. Und sein „Baby“ respektive sein Rekordboot schien dem endgültigen Untergang geweiht. 

Doch dann kam alles ganz anders. Alain Thébaults Stern verblasste wieder etwas, er wurde seltener mit den Bürgermeister/innen großer Städte wie Paris gemeinsam in foilenden Taxi-Kugeln gesichtet. Dafür wurde der Tragflächen-Trimaran Hydroptère aus seinem Dornröschen-Schlaf in San Francisco geweckt, um zu neuen Ufern, besser: zu neuen Horizonten aufzubrechen. (SR-Artikel Ikone der Raserei)

Wassertaxi, Foil, Umwelt

Das waren noch Zeiten: Alain Thébault mit seinem Dreamteam bei der Rekordjagd © thébault

Doch das war tatsächlich erst der Anfang für das Projekt Hydroptère 2.0 oder wie die Franzosen es formulieren „die Rennaissance einer Segel-Ikone“.
Eines Tage klingelte das Telefon bei Gabrielle Terrasse, seines Zeichens einer der beiden Retter der Hydroptère, der in unzähligen Arbeitsstunden das Boot wieder vorzeigefähig restauriert hatte. 

Ein Anruf, der alles verändert

Einen Tag vor diesem Anruf hatte Monsieur Terrasse den Kollegen bei „Voiles et Voiliers“ ein Interview gegeben und vom Potential der renovierten Hydroptère geschwärmt. Nun meldete sich am anderen Ende der Telefonleitung zunächst ein interessierter Ingenieur aus den USA, der zudem noch der technische Leiter von Airbus USA war. Nachdem der sich nach einigen Details der „Hydroptére“ erkundigt hatte, empfahl er Terrasse weiter zu seinen französischen Bossen nach Nantes. 

Dort war man nach erwähntem V&V-Artikel ganz aufgeregt: Endlich ein verfügbares „Fahrzeug“ mit dem nötigen Leistungspotential, das man für (bereits laufende) Forschungszwecke und praktische Tests verwenden konnte. 

Im Techno-Centre Airbus war die Hydoptère keine Unbekannte mehr. Vor mehr als 15 Jahren hatte man dort einen kleinen Beitrag zur Konstruktion der Tragflächen und der Querträger geleistet. In der Zwischenzeit war diese Zusammenarbeit aber längst wieder in Vergessenheit geraten.

In Einzelteilen zerlegt, wurde Hydroptère im Airbus-Cargo von San Francisco nach Nantes gebracht © hydroptère 2.0

Das „Technocentre“, das sich per Definition mit Innovationsprojekten rund um Verbundstoffe und Aerodynamik bei Airbus befasst, bot nun Gabriel Terrasse an, Hydroptère in Einzelteilen zurück in die Heimat zu bringen, um sich an weiteren Renovierungsarbeiten zu beteiligen. Das Boot habe mittlerweile einen national-historischen Wert für Frankreich und müsse schon deshalb zurück nach Europa gebracht werden.

Doch das war natürlich nur ein Teil der Airbus-Ambitionen. Tatsächlich will Airbus an dem ehemaligen Rekord-Trimaran (erstes Boot unter Segeln, das 55 kn schnell raste). Über die Restaurierung des Trimarans hinaus will man dessen Technik verbessern. Dies soll in einem Konsortium aus Unternehmen, Universitäten und spezialisierten Schiffbau-Designern geschehen. 

Auch die Société de l’Accelaeration des Transfers Technologiques ist mittlerweile im Boot. Diese öffentliche Einrichtung fungiert als eine Art Relais oder Verstärker für den Technologietransfer von Laboratorien zu Unternehmen. So sind mittlerweile bereits 11 neue Partner aus den Forschungsbereichen Aero- und Hydrodynamik, Elektronik, Telekommunikation, Künstliche Intelligenz in das Projekt eingestiegen. Mehr Interessenten haben bereits angeklopft. 

Nicht zuletzt aufgrund der großen Nachfrage plant Gabriel Terrasse nun, seinen Rekord-Trimaran – den er für 8.500 Dollar als verwahrloistes Wrack ersteigert hatte – zu einer praxisnahen Plattform für hydro- und aerodynmaische Entwicklungen und Forschungen zu machen. 

Vom Trimaran zum Flugzeug

So weit, so toll für den längst „abgeschriebenen“ Trimaran Hydroptère. Doch es kommt noch besser. Airbus interessiert sich ganz explizit für die Flugfähigkeit des Trimarans, der bekanntlich auf Foil-Vorläufern, die jedoch eher als Tragflächen bezeichnet werden müssen, einst die Segelszene erstaunte. So will man aeronautische Probleme an dem Boot untersuchen, mit dem man sich ja nicht an die Sicherheitsnormen der Fliegerei halten müsse. Vor allem die Strömungsdynamik könnte bestens studiert werden. 

"Hydroptère

“Hydroptère” vor Los Angeles. Bald soll mit dem Trimaran der Bodeneffekt getestet werden © Hydroptère

Richtig spannend wird es aber mit dem Projekt „Bodeneffektfahrzeug“. Airbus will offensichtlich den Trimran nutzen, um an ihm Forschungen rund um den sagenumwobenen Bodeneffekt zu erzielen. Ebenso wie der berühmt-berüchtigte Niedrigflieger Ekranoplan, soll „Hydroptère“ nach entsprechender Verkleidung oder Umbau der Trimaran-Querstreben als Fluggerät in geringster Höhe über die Wasser fliegen. Unter Bodeneffekt versteht man den Umstand, dass die Strömungsverhältnisse eines Tragflügels im bodennahen Bereich deutlich besser sind im Vergleich zu Tragflügeln, die von allen Seiten umströmt werden. An Bodeneffektfahrzeugen wird derzeit von verschiedenen Luftfahrtunternehmen geforscht. Sie sollen als besonders sparsame Flieger knapp über dem Boden, vor allem aber über großen Wasserflächen, die Lücke zwischen aufwändigem Flug- und langsamen Schiffstransport füllen. 

Ist das nicht buchstäblich wundervoll? Da schimmelt ein spektakulärer Rekord-Trimaran, einst Stolz einer ganzen Segelnation, irgendwo auf der anderen Seite der Weltkugel, vor sich hin. Und steigt nun in  buchstäblich andere Sphären auf. Mehr kann ein Segelboot nicht von Poseidon erwarten! 

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Michael Kunst

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