IMOCA Hugo Boss: Radikaler Vendée Globe Foiler für Alex Thomson – Ohne Cockpit

Racer mit Flach-Dach

Alex Thomson hat seinen mit Spannung erwarteten neuen IMOCA vorgestellt, der ihn ab dem November 2020 zum Sieg bei der Vendée Globe tragen soll. 6 Millionen Euro soll die achte Hugo Boss gekostet haben.

“Wir überschreiten Grenzen und scheuen uns nicht, Dinge anders zu machen”, sagt Alex Thomson beim Stapellauf seines neuen Spielzeugs. Dieses Credo ist wieder einmal gut sichtbar umgesetzt bei seiner neuen “Waffe”. Gewohnt schwarz kommt sie im Hugo-Boss-Look daher, aber die Linien unterscheiden sich wieder einmal deutlich von der Konkurrenz.

Thomson räumt ein, mit seiner Anders-Denke nicht immer Recht zu haben. Dabei mag  er die Konstruktion seines 60 Fußers für die Vendée Globe 2012 im Kopf haben – ein totaler Fehlschlag war. Der Brite kaufte schließlich den gebrauchten IMOCA “Estrella Damm” und segelte ihn auf einen sportlich starken dritten Platz, den viele nicht für möglich gehalten hatten. Da Thomson sich zuvor eher den Ruf eines Bruchpiloten erarbeitet hatte.

Der Skipper hockt in seinem Niedergang. © Lloyd Images

Aber diese Vendée-Globe-Platzierung wie auch die Begeisterung der Markting-Spezialisten über seine gelungenen Stunts, waren das wichtige Sprungbrett für den Briten in die erste Reihe der IMOCA-Skipper. Seitdem hat er von Hugo Boss ein Budget zur Verfügung, mit dem er auf höchstem Niveau die neue Foiler-Technik erforschen lassen konnte. 

Radikales VPLP-Design

Vom dem führenden französischen Designbüro VPLP ließ er sich ein Boot zeichnen, das vermutlich das Schnellste der Flotte war. Es war noch radikaler als der ebenfalls von VPLP konstruierte 60 Fußer von Armel Le Cleac’h, der schließlich die Vendée Globe 2016/17 gewann, aber Thomson konnte nach dem Bruch eines Foils nicht mehr mit 100 Prozent segeln.

Hugo Boss von oben…© Lloyd Images

…im Vergleich zum neuen Juan K. Design. © arkea paprec

Charal aus der Vogelperspektive. © Charal

Es ist die große Frage, ob Thomson seglerisch gegen die durch die harte Figaro-Schule gestählten französischen Hochsee-Profis eine Chance hätte, wenn er sich keinen technischen Vorteil erarbeiten würde.  Auch deshalb macht das Hugo-Boss-Team aus der Not eine Tugend. Und ihr Skipper beschreibt das so: “Wir haben sicherlich keine Angst, Dinge zu erforschen, die noch nie zuvor getan wurden”.

Stewart Hosford, CEO von Alex Thomson Racing, formuliert das so: “Es ist eine Design- und Ingenieursherausforderung auf höchstem Niveau. Es geht darum, die Besten der Welt in jedem einzelnen Bereich zusammenzubringen, in dem unermüdlichen Streben nach Perfektion.” Mit dem Hugo-Boss-Budget sollte das sicher möglich sein. Längst ist der Rennstall der Krösus im Reigen der Vendée-Konkurrenten.

Irgendwie anders

Auch deshalb sieht die neue Hugo Boss irgendwie anders aus, als die beiden bisher gebauten Yachten der neuen Generation. “Charal” war der erste IMOCA-Neubau nach der vergangenen Vendée Globe, und er liefert gerade beim Fastnet-Race mit einer souveränen Vorstellung an der Spitze das ab, was von ihm erwartet wird. 

Der zweite Neubau Arkea Paprec für Sebastion Simon vom argentinischen Star-Designer Juan Kouyoumdjian konnte zu Beginn des Fastnets gut mithalten an der Spitze, ging dann aber immer mal wieder vom Gas und kam schließlich nicht ins Ziel.

Gerade im Vergleich zu diesem jüngsten Neubau sieht die neue Hugo Boss doch noch einmal etwas anders aus. Und es muss sich zeigen, wie radikal sie sich am Ende im Vergleich zu den fünf weiteren geplanten IMOCA Yachten der jüngsten Generation darstellt.

“Stapellauf” der neuen Hugo Boss IMOCA © Lloyd Images

Das im britischen Gosport gebaute Schiff von Alex Thomson soll umgerechnet etwa 6 Millionen Euro gekostet haben. 50.000 Stunden Arbeitszeit gibt das Hugo-Boss-Team dafür an. Die Konstruktion soll im Juni 2018 begonnen haben. Ihr Gewicht soll 7,6 Tonnen betragen. 

Besonders das Vorschiff fällt mit seinen abknickenden Seitenwänden sofort ins Auge. Aber der eigentliche Clou ist das kaum sichtbare Cockpit-Aufbau. Simons Yacht und auch “Charal” weisen immerhin noch einen kleinen Unterschlupf auf.

Schmaler Schlitz als Cockpit. © Lloyd Images

Der Aufbau von Arkea Paprec. © arkea paprec

Charal, Beyou

Das radikal abgerundete Heck. © Yvan Zedda / Aleanen

Aber auf Hugo Boss ist der Steuerstand noch radikaler nach innen verlegt und der Windwiderstand verringert worden. Teil der Design-Philiosophie soll auch die vermehrte Nutzung von Solar-Energie sein. Auch damit hat die flache Decksform zu tun. 60 leistungsfähige Solar-Panele sind auf dem Cockpit-Dach montiert.

Böser Bug © Lloyd Images

Der Arkea-Bug. © arkea paprec

Charal, Beyou

Der neue Look von “Charal”. Weit ausladende Knickflügel. © Yvan Zedda / Alea

Das Flach-Dach hat aber auch seine Vorteile bei der Ausnutzung des Endplatten-Effekts. Je geringer der Abstand zwischen Großbaum und Deck ist, umso weniger findet der bremsende Luft- Austausch unter dem Baum statt.

Ein Großteil der Leistungsfähigkeit hängt allerdings von der Form der Tragflächen ab. Seit der vergangenen Vendée Globe sind die Regeln in der Form verändert worden, dass die Anstellwinkel der Foils über zwei statt einer Achse bewegt werden dürfen. Das soll zu kontrollierteren Flugphasen führen und könnte den Unterschied zu den älteren Designs der vergangenen Generation noch weiter vergrößern.

Foils und Rigg sind allerdings noch nicht der Öffentlichkeit vorgestellt worden. Erst im September wird Thomsons neues Spielzeug offiziell getauft. Erster Race-Einsatz soll dann schon das Zweihand-Rennen Transat Jacques Vabre über den Atlantik sein, das im Oktober beginnt. Im November 2020 startet dann die Vendée Globe.

Schmale Gleit-Fläche unter dem Rumpf. © Lloyd Images

Ein paar kleine Fensterchen nach vorne gibt es doch. © Lloyd Images

© Lloyd Images

© Lloyd Images

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

3 Kommentare zu „IMOCA Hugo Boss: Radikaler Vendée Globe Foiler für Alex Thomson – Ohne Cockpit“

  1. avatar Roar sagt:

    Off topic

    Bei SR ist seit Tagen der Wurm drin, denn es dauert mehrere Minuten, bis sich eine Seite öffnet.,

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 19 Daumen runter 0

  2. avatar Tom sagt:

    Hugo Boss schaut mal wieder mit Abstand am extremsten aus, bei der letzten Generation hat das ganze ja großartig funktioniert und wenn die dabei gesammelte Erfahrung genutzt wurde, wonach es ausschaut, kann das boot eigentlich nur gut sein. Wenn man jetzt noch betrachtet wie gut die alte Hugo Boss noch mit charal mithalten konnte obwohl sie noch nicht mit neuen foils ausgerüstet wurde, wird das ganze richtig interessant. Entweder das boot ist mal wieder völlig überlegen und er gewinnt die vendee Globe endlich oder es gibt wieder eine Blei Ente.

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 7 Daumen runter 0

  3. avatar Torsten sagt:

    Interessieren täte mich ja, wie man unter diesem Aufbau die Segel trimmt. Es sieht nicht so aus, als könnte man nach oben schauen. Gibt es dafür Kameras?

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