Interview: Seenotretter gibt Tipps zum Schleppen

"Genaue Absprachen sind wichtig"

Wenn jemand weiß, wie man ein Boot richtig schleppt, dann die Seenotretter von der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS). Wir sprachen mit Timo Jordt, dem stellvertretenden Leiter der Seenotretter-Akademie der DGzRS über das Schleppen.

Der stellvertretende Leiter der Seenotretter-Akademie der DGzRS: Timo Jordt. Foto: Die Seenotretter / DGzRS

Herr Jordt, wir wissen, dass jede Schleppsituation anders ist und dass Ferndiagnosen schwierig sind. Trotzdem wollen wir versuchen, aus den Erfahrungen der Seenotretter zu lernen. Welche Fehler sehen Sie bei Havaristen am häufigsten, wenn Sie versuchen, sie abzuschleppen?

Timo Jordt: Grundsätzlich erleben wir sehr unterschiedliche Situationen, denn Revier, Havarist und Wetterbedingungen unterscheiden sich von Fall zu Fall erheblich. Wir können hier nicht alle berücksichtigen. Manchmal kommt es vor, dass die Crew, die uns gerufen hat, sich nicht vorbereitet hat. Die mindeste Vorbereitung ist, dass jeder eine Rettungsweste angelegt hat. Das Deck ist frei und dort befinden sich keine Ausrüstungsgegenstände, die dort nicht hingehören.

Der allererste Punkt der Vorbereitung beginnt allerdings schon vor dem Törn: Ich muss als Skipper wissen, welche Klampen oder Poller an Bord dem Zug einer Schleppleine standhalten. Ich muss vorher wissen, was ich bei meinem Boot beim Schleppen zu beachten habe. Muss ich Schwert oder Ruderblatt hochholen?

Ein Problem kann die Verständigung sein. Wenn kein UKW-Funk an Bord ist, ist es schwierig, mit dem Geschleppten Absprachen zu treffen. Diese sind beim Schleppmanöver enorm wichtig. Es kann schnell gefährlich werden, wenn Absprachen missachtet werden.

 

Gesetzt den Fall, es handelt sich um einen Motorschaden, welche Schritte sollte der Havarist unternehmen, um Schlepphilfe zu organisieren?

Bei Ausfall der Maschinenanlage ist es zwingend notwendig, sofort das Ankergeschirr soweit klar zu haben, dass es jederzeit eingesetzt werden kann, um das Schiff vor weiterem Vertreiben auf ein Riff, eine Sandbank oder in den Schifffahrtsweg zu sichern.

Kann der Skipper anschließend selbst Schlepphilfe organisieren – wunderbar. Andernfalls sind wir gern bereit zu helfen. Wenn das Problem mit Bordmitteln nicht behoben werden kann, sollte der Skipper rechtzeitig über UKW-Funk über die Seenotleitung Hilfe anfordern. Das ist eine technische Hilfeleistung. In Situationen, in denen also keine unmittelbare Gefahr besteht, berechnen wir 200 Euro pro Stunde, die minutengenau abgerechnet werden. Maximal können Kosten in Höhe von 400 Euro entstehen. Das ist unabhängig davon, wie lange der Einsatz der Seenotretter dauert und welche Rettungseinheit daran beteiligt ist. Darauf weisen wir hin und übergeben eine Haftungsverzichtserklärung.

Foto: Pixabay

Besteht die Möglichkeit, unter Segel den nächsten Hafen mit einer DGzRS-Station anzulaufen, sollte das mit der Seenotleitung abgeklärt werden, damit unser Seenotrettungskreuzer oder das Seenotrettungsboot nur so kurz wie möglich gebunden ist. Man weiß nie, ob sich nicht zur gleichen Zeit in der Nähe ein Seenotfall ereignet.

Viele Versicherer übernehmen diese Kosten für eine technische Hilfeleistung durch die DGzRS. Für uns ist der Betrag eine Kostenbeteiligung, die in der Regel die Kraftstoffkosten nicht abdeckt. Über eine regelmäßige Unterstützung als Förderer freuen wir uns daher sehr. Aber das ist für Wassersportler in der Regel Ehrensache.

Im Ausland und wenn eine Schleppreederei oder eine Firma zum Einsatz kommt, kann es mit den Kosten natürlich anders aussehen. Hier sind genaue Absprachen sehr wichtig. Gegebenenfalls sollte der Skipper seine Versicherung anrufen.

 

Unter welchen Umständen wäre eine MAYDAY-Meldung angezeigt?

Ein MAYDAY ist immer dann abzusetzen, wenn Lebensgefahr für die Besatzung bzw. unmittelbare Gefahr für das Schiff besteht. Die Beurteilung der Lage liegt beim Skipper. Der Ausfall der Antriebsanlage ist häufig kein lebensbedrohlicher Zustand. Bei einem Segelfahrzeug besteht oft die Möglichkeit, durch Setzen der Segel weiterhin manövrierfähig zu bleiben.

Zur Warnung der Schifffahrt ist eine Security-Meldung bzw. PAN-PAN-Meldung angebracht.

Besteht die Gefahr, dass das Fahrzeug zum Beispiel auf ein Riff oder in eine Brandungszone treibt, dann besteht Lebensgefahr: MAYDAY absetzen!

 

Wenn der Havarist Hilfe von einem Rettungsdienst wie der DGzRS erhält, übergeben die Retter in der Regel eine eigene Schleppleine. Was hat der Havarist dabei zu beachten?

Überwiegend wird die Schleppleine mittels einer Wurfleine übergeben An dieser befindet sich situationsabhängig eine weitere dünnere Sorgleine, an der wiederum die eigentliche Schleppleine befestigt ist. Sämtliche Leinen sind auf Anweisung der Seenotretter auf dem Havaristen einzuholen und sicher zu verstauen. Sobald die eigentliche Schleppleine bzw. der Hahnepot auf den Klampen oder Pollern belegt werden kann, ist das sofort durchzuführen. Ist die Leine gut belegt, ist das sofort dem schleppenden Fahrzeug anzuzeigen bzw. mitzuteilen.

 

Wozu dient der Hahnepot in dem Fall?

Bei Segelbooten und kleinen Motorbooten nutzen wir meist einen Hahnepot, um die entstehende Zuglast gleichmäßig auf zwei Festmacherpunkte auf dem Havaristen zu verteilen. Der Skipper muss sich sicher sein, dass diese die entstehende Last aufnehmen können.  Andernfalls sind alternative Punkte an Bord zu nutzen, zum Beispiel Winschen oder der Mastfuß. Wenn die Leinenverbindung steht, haben sich weder Skipper noch Besatzung auf dem Vorschiff aufzuhalten!

Die Kräfte sollten mit einem Hahnepot auf die beiden achteren Klampen des Schleppers verteilt werden. Grafik: Jan Bindseil

 

Wo und wie wird die Schleppleine auf einem Havaristen am besten befestigt?

An Punkten, die das Schleppen aushalten! Tatsächlich ist das bei manchen Booten ein Problem. Unsere Schleppleine reißt nicht, eher kommt die Klampe mit. Oft ist es nötig, die Leine zusätzlich am Mastfuß zu sichern, da die Beschläge das Schleppen nicht lange aushalten. Aber auch da: Die Verantwortung liegt beim Skipper auf dem Havaristen. Auch hier gilt: Ich muss mir als Skipper darüber Gedanken gemacht haben, bevor ich in eine solche Situation komme.

 

Wie sollte sich ein Havarist vorbereiten, der Schlepphilfe von einer anderen Yacht oder einem anderen Boot als einem Rettungsdienst erhält?

Handelt es sich um professionelle Hilfe? Weiß der Skipper, auf was er sich einlässt? Weiß er, wie sich das Boot beim Schleppen verhält? Die Situationen können sehr unterschiedlich sein. In manchen Fahrwassern kann nur längsseits geschleppt werden statt an einer Schleppleine. Beim Längsseits-Schleppen kommen zwei unterschiedliche Fahrzeuge zusammen, die ein unterschiedliches Seegangsverhalten aufweisen. Sowas geht nicht immer ohne Blessuren ab. Gut abfendern ist nötig – reicht manchmal bei Seegang aber trotzdem nicht.

Wichtig ist, dass der Skipper Vertrauen zu demjenigen haben kann, der ihn schleppt. Gute Absprachen vorher sind nötig.

 

Wie lang sollte die eigene Schleppleine sein?

Das hängt davon ab. Es muss möglich sein, den Geschleppten möglichst auf der gleichen Wellenfrequenz zu schleppen, damit beide auf der Welle oder im Wellental sind. Die Schleppleine darf auf keinen Fall zu kurz sein, damit nicht die Gefahr besteht, dass der Geschleppte den Schleppenden überholt und es zu einer Kollision kommt.

Als Faustformel kann man sagen, die Schleppleine sollte ungefähr viermal so lang sein wie das geschleppte Fahrzeug.

 

Gesetzt den Fall, der Havarist hat einen Ruderschaden. Was kann er tun, um dem Schlepper hinterher zu steuern?

Wir setzen hierfür einen sogenannten Schleppanker ein, dieser wird am Heck des Schiffes festgemacht und weit achteraus treiben gelassen. Hierfür kann aber auch z.B. ein Treibanker, Leinenmaterial, Segel oder der gute Suppenpott aus der Kombüse genutzt werden. Wichtig ist es, eine achterliche Stabilisierung zu bekommen. Natürlich muss alles sauber klariert sein, bevor der Havarist vorm Hafen längsseits genommen wird – Material im Wasser gefährdet die Maschine des Schleppenden!

 

Was ist, wenn der Havarist aufgelaufen ist und freigeschleppt werden muss? Wie unterscheidet sich das Freischleppen vom Abschleppen aus Sicht des Havaristen?

Beim Freischleppen kann es sein, das über längere Zeit ein enormer Druck auf das Material einwirkt. Daher ist hier ganz besonders auf eine gute Lastverteilung zu achten. Es kann aber auch passieren, dass für das Freischleppen eine gewisse Krängung des Havaristen von Nöten ist. Der Mast kann als Hebelmoment genutzt werden.

Wichtig ist es, dem schleppenden Fahrzeug anzuzeigen, von wo man aufgelaufen ist, damit möglichst der gleiche Weg zum Freischleppen genutzt wird.

Das Anschleppen ist immer ein kritischer Moment und muss mit Vorsicht ausgeführt werden. Bei einem Festsitzer sieht das nochmal ganz anders aus. Da kommen enorme Belastungen aufs Material.

Wer nicht unmittelbar an Deck gebraucht wird, gehört in dem Augenblick unter Deck.

In Tidengewässern ist es manchmal besser, auf das nächste Hochwasser zu warten. Manchmal ist das aber nicht möglich und es muss alles darangesetzt werden, jemanden freizubekommen. Ein Schiff im Seegatt in der Brandung zu lassen, kann ganz schnell bedeuten, dass bei der nächsten Tide nur noch Wrackteile übrig sind.

Für uns hat die Sicherheit der Besatzung oberste Priorität, nicht das Retten von Material.

 

Wie sollte sich ein Grundsitzer auf Schlepphilfe vorbereiten?

An Deck und unter Deck muss alles seemannschaftlich tadellos gestaut sein, da darf nicht plötzlich sich irgendwo eine Schot lösen und ins Wasser fallen und Havarist und Retter in Gefahr bringen. Das gilt auch für Holeleine und Schleppleine – die dürfen nicht in die Nähe des laufenden Propellers kommen.

 

Drehen wir die Perspektive um: Was sollte ein Wassersportler tun, der um Schlepphilfe gebeten wird?

Sicherheit sollte höchstes Gebot haben. Manchmal ist es sicherer abzulehnen.

An Bord muss alles ordentlich verstaut sein, da das schleppende Fahrzeug enorme Bewegungen durch das zu schleppende Fahrzeug macht. Das richtige Leinenmaterial muss vorhanden sein. Länge und Bruchlast müssen berücksichtigt werden. Geeignete Befestigungspunkte müssen vorhanden sein. Eine gute Information über das geplante Vorgehen an die eigene Crew und die Besatzung des Havaristen ist wichtig.

Wenn jemand selbst nicht helfen kann, aber eine Gefahrensituation für den Havaristen vorliegt, sollte man auf jeden Fall auf Standby vor Ort bleiben, bis adäquate Hilfe eingetroffen ist.

 

Was ist zusätzlich zu berücksichtigen, wenn jemand einen Havaristen freischleppen möchte?

Die Temperatur der eigenen Maschine beachten.

 

Zurück zum Längsseitsschleppen: In welcher Lage ist das empfehlenswert?

In engen unübersichtlichen Gewässern, in Hafeneinfahrten, beim Manövrieren im Hafen.

 

Was ist beim Längsseitsschleppen zu beachten?

Der Schlepper sollte immer etwas über das Heck des Geschleppten achteraus festgemacht werden. Damit dieser die besten Manövriereigenschaften hat, sind vom Schlepper mindestens eine Vor- und Achterspring zu legen sowie zwei Querleinen am Bug und Heck. Leinen werden auf dem Poller des Schleppenden belegt – der Schleppende behält damit die Kontrolle und kann im Notfall das zu schleppende Fahrzeug jederzeit loswerden oder die Leinen nachsetzen, wenn es nötig ist.

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