Jollenkreuzer Teil II: Mastfuß-Schaden, im Schlick gesteckt, Hafen-Kino-Hauptdarsteller

"Die Palme hätte von oben kommen können"

Die Duisburger Stefan Mauer und Kai Cording haben das Wattenmeer für sich und ihren Jollenkreuzer entdeckt und schon intensiv auf SR berichtet. Zur Einstimmung auf die Saison beschreiben sie ihr letztes Abenteuer.

Fortsetzung von Teil I des Jollenkreuzer-Törns

…In der Kajüte hat es die Backbordkoje erwischt. Überkommendes Wasser bahnt sich den Weg nach innen auf Schlafsack und Polster. Wir hängen die Seekarten zum Trocken auf, ziehen die Bezüge von den Polstern und besuchen die Sanitärgebäude des Hafens. Nach einer ordentlichen Klarspülung leisten wir uns erst einen Trockner und dann an Bord Ravioli an Tomatensauce. Als die Polster trocken an Ort und Stelle liegen, hat es sogar aufgehört zu regnen. Ich ignoriere die fortgeschrittene Uhrzeit und nötige den 2-Meter Mann zum Landgang.

Gute Miene zum bösen Spiel. © S. Mauer

Nes ist wunderschön und nicht allzu weit vom Strand und Campingplatz entfernt, wo wir regelmäßig unsere Familien-Sommer verbringen. Wir beschließen eine Spontan-Wanderung dort hin. Was wir nicht wissen: just an diesem Wochenende findet dort das Surf-, Skate- und Musikfestival „Mad-Nes“ statt. Es ist sehr unterhaltend. Morgens um vier sind wir zurück an Bord.

Zwei Stunden später geht der Wecker. Die Tide interessiert sich nicht für unseren Schädel, und Schiermonnikoog wartet. Um die Nachbarn nicht zu wecken, wollen wir ohne Motor ablegen und lassen nur die Vorleine belegt, um im Wind die Segel hoch zu ziehen. Als ich  die Großschot klariere, höre ich von vorne: „wir fahren heute nirgendwo hin – guck Dir das mal an!“

Schaden am Mastfuß

Die Mastspur sollte eigentlich mit sechs Schrauben ins Holz des Kajütaufbaus geschraubt sein. Aber aktuell fehlen vier Schrauben komplett, nur die vorderen beiden halten noch, wenn auch halb rausgezogen und um 90 Grad verbogen. In den Tiefen der Backskiste finden wir Ersatzschrauben und reparieren den Schaden mit wasserfestem Leim und dem guten alten Streichholztrick. Wir stopfen die Hölzer in die ausgeschlagenen Löcher und die Schrauben greifen wieder.

Die fehlenden Schrauben am Mastfuß.

Der Niederholer neu angeschlagen.

Während wir schrauben, sinnieren wir über den Grund des Übels und werden schnell fündig. Der Mast hat komischerweise keine Aufnahme für den Niederholer, den wir deshalb mit einem Schäkel an der Mastspur befestigt hatten.

Bei Flachwasser und Leichtwind hat der Beschlag das drei Jahre  lang ohne Murren mitgemacht. Erst der starke achterliche Wind gestern, das permanente Schlagen der Fock, diverse Halsen und das Abstoppen in den Wellentälern entwickelten die Kräfte, mit denen der Niederholer auf den Vorwindkursen die Mastaufnahme nach außen gezogen und die Schrauben nach und nach aus dem Holz gehebelt hat. Das war jedenfalls ein knappes Ding – genauso gut hätte die Palme von oben kommen können, als wir durch das Wildwasser gespült wurden.

Im Schlick

Mit 20 Minuten Verspätung geht es los Richtung Nord-Osten. Bis Schiermonnikoog sind es etwas über 22 Seemeilen. Es ist ein bisschen abgeflaut und heute scheint sogar tatsächlich mal die Sonne! Wir genießen den kurzen Zick-Zack-Törn durch die Fahrwasser Zuider Spruit , Pesensrede und Zoutkamperlaag bis ins Gat von „Schier“ und sind bereits nach gut 3 Stunden da. Also fast jedenfalls.

„Boote bis 1,2m Tiefgang können von etwa 2 Stunden vor bis 1 Stunde nach Hochwasser ein- oder auslaufen“, sagt die antiquarisch erworbene Bibel vom Wattenpapst Neumann. „Die Zufahrt erfolgt aus dem Gat durch eine mit Treibspieren und Pricken bezeichnete gekrümmte Rinne. Gebundene Pricken an Steuerbord. Bei NW fällt ihre Mündung meist trocken“.

Statt NW haben wir SW und kommen irgendwie mit Spieren und Pricken durcheinander. Jedenfalls landen wir 20 m vor dem Hafen im Schlick. Sofort ziehen wir das Schwert hoch und geben Vollgas. Aber die Flut, die uns bis hierher getrieben hat, will uns noch weiterschieben und hat den Wind hinter sich. 4 Bft. und Strom gegenan sind ein zäher Gegner für unseren 2 PS-Quirl – zumal bei Schlick unter knietiefem Wasser.

Mit dem Spielzeugmotor gegen die Tide

Wie in jedem Yachthafen der Welt zaubert der aufheulende Motor jede Menge Köpfe an Deck, die das Schauspiel des Hafen-Kinos beäugen und wahrscheinlich Wetten abschließen, ob die beiden Tölpel mit der Nussschale und dem Spielzeugmotor einen Steinwurf vor dem Hafen warten müssen, bis die Tide kentert.

Das aufgeholte Schwert haben sie nicht auf der Rechnung und Honda gewinnt: Zentimeter um Zentimeter jault uns die japanische Nähmaschine in Richtung Steganlagen und wir machen neben einem Katamaran fest.

Eine der wenigen Begegnungen. © S. Mauer

Der Hafen von Schiermonnikoog besteht aus ein paar Stegen vor einer künstlichen Hallig, auf der ein Imbiss und der Hafenmeister tront. Die Sanitärräume lassen sich mit Fluttüren gegen Hochwassermassen schützen und ein Foto beim Hafenmeister beseitigt jeden Zweifel, dass das eine übertriebene Vorsichtsmaßnahme sein könnte. Das Bild zeigt eine Insel vor der Insel.

Wir bereichern die Wimpelgalerie der Hafenmeisterei mit unserer Klassenflagge und ziehen über den Deich Richtung Dorf. Die Insel hat nur eine Siedlung, die sich bis zum Strand erstreckt. Der  ist extrem breit und gerade deswegen bei auflaufendem Wasser nicht ohne. Man wird leicht durch steigendende Priele vom Rückweg abgeschnitten.

Imposantes Leuchtfeuer

Am Dünensaum steht einer der beiden Leuchttürme der Insel, der rote, 44m hohe Noordertoren. Im Ort selbst steht der 37m hohe, weiße Zuidertoren. Beide Türme wurden 1854 erbaut, da eine Identifikation von Leuchttürmen anhand von eindeutiger Kennungen noch nicht bekannt war und nur durch zwei Lichtsignale eine sichere Positionsbestimmung und damit eine sichere Passage der Untiefen um Schiermonnikoog möglich war. Im Jahre 1910 wurde der Noordertoren mit einem neuen Leuchtfeuer mit Drehoptik und eigener Kennung ausgerüstet. Dies machte den Zuidertoren überflüssig und er wurde stillgelegt.

Der Leuchtturm Noordertoren. © S. Mauer

Zurück im Dorf machen wir uns auf die Suche nach einer Bar mit Liveübertragung des anstehenden EM-Spiels des deutschen Teams gegen Italien. Nach dem glücklichen Ende per gewonnenem Elfmeterschießen fallen wir glücklich in die Kojen.

Am nächsten Tag steht nur noch ein 7 Meilen kurzer Schlag nach Lauwersoog auf dem Programm. Grote Siegel und Geul van Brakzand heißen die Fahrwasser, die uns halbwinds mit rauschender Fahrt bis zur Schleuse ins Lauwersmeer führen. Im Yachthafen Nordergat machen wir fest und fahren mit Bus und Bahn zurück nach Harlingen, um Auto und Trailer zu holen. 3h später sind wir zurück, slippen das Boot aus dem Wasser und packen zusammen. Dann geht es über die Autobahn zurück ans heimische Binnengewässer.

Resümee der Tour: Wer die deutschen Nordseeinseln mag, wird von den holländischen umso begeisterter sein. Kein 70er Jahre Beton-Charme, keine Hochhäuser, keine Kurpromenaden. Dafür Natur pur und vergleichsweise wenig Tourismus. Das holländische Wattenmeer ist ein phantastisches Revier für flachgehende Boote. Und Jollenkreuzer sind phantastische Konstruktionen, die viel mehr abkönnen, als man ihnen gemeinhin zutraut.
Trockenfallen hat uns diesmal der starke Wind untersagt, aber nächstes Jahr kommt bestimmt: dann wollen wir uns mal an unbetonnte Fahrwasser heran wagen. Das Weltnaturerbe Wattenmeer hat für uns zwischen Texel und Rømø noch viel zu erkunden.

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